HANNOVER: ANYTHING GOES. Musical von Guy Bolton und P. G. Wodehouse

Foto: Bettina Stöss
18.1.2026 (Werner Häußner)
Alles geht: Ist die Behauptung des Musicaltitels eine moralische Bankrotterklärung? Bedeutet „Anything goes“, alle Maßstäbe seien außer Kraft gesetzt in einer gleichgültigen Gesellschaft, die alles hinnimmt? In Cole Porters Erfolgsmusical von 1934 sieht es tatsächlich so aus: Vordergründig ein amüsantes Hin und Her, spiegelt die Melange aus Wünschen, Träumen und Begehren viel mehr als nur das Liebesleben der Passagiere eines Ozeanliners.
Denn die „Liebe“ spielt längst nicht die aus Rührstücken der Zeit gewohnte Rolle. Die flotten Sprüche der Texter stecken voller Zweideutigkeiten, und das New Yorker Publikum lachte damals über Typen, die aus dem realen Leben nur allzu bekannt waren: zwielichtige Börsentycoons wie Elisha Whitney – der „schwarze Donnerstag“ lag gerade einmal fünf Jahre zurück –, mittellos gewordene Witwen wie Evangeline Harcourt, die ihre Tochter Hope an einen möglichst reichen Mann bringen muss, um zu überleben.
Reno Sweeney dürfte ein überdeutlicher Fingerzeig auf die damals weitbekannte Predigerin und China-Missionarin Aimee Semple McPherson und ihre mit viel Brimborium inszenierten Auftritte gewesen sein. Und ein Gangster wie Moonface Martin hatte seine berühmten Vorbilder nicht nur in dem 1931 erschienenen Film „Staatsfeind“ mit James Cagney als aalglattem Ganoven, sondern auch in Schwerkriminellen wie Al Capone oder dem Duo Bonnie Parker und Clyde Barrow. Skurrile Geschichte am Rande: Die Figur sollte ursprünglich „Moonface Mooney“ heißen, aber ein Verbrecher namens Mooney aus New Jersey kündigte den Theaterleuten mächtig Ärger an, sollte der kompromittierende Name der Figur bleiben.
„Anything goes“ beschränkt sich also nicht allein aufs Amouröse, und der Text des Titelsongs sagt das auch überdeutlich: Die Welt sei verrückt geworden, Gut sei heute Schlecht, Schwarz sei Weiß, Tag sei Nacht und die „olden days“ längst vorbei. Die Musical-Figuren wirken frappierend gegenwärtig, wenn sie auf der Suche nach einem „Kick“ sind, wenn sie Identitäten verbergen oder vortäuschen, wenn der Selbstwert durch den Kontakt zu Prominenz aufgepimpt wird – selbst wenn der „Promi“ ein berüchtigter Verbrecher ist. Was tut’s?
Mit Recht weist Dramaturg Arno Lücken im Programmheft auf die jüngsten Entwicklungen hin: ein „mehrfach vorbestrafter Mann – nachgewiesenermaßen ein notorischer Lügner, ein gescheiterter Geschäftsmann und noch viel Schlimmeres“ – als Präsident der USA; eine „rechtsradikale, antisemitische und homophobe Partei“ in manchen Bundesländern in Deutschland bei über 25 (in Sachsen-Anhalt möglicherweise 40) Prozent der Wählerstimmen. Das „anything goes“ ist längst widerliche Wirklichkeit – nicht nur in Hass und Drohungen, auch in der listigen Verkleidung der Halbwahrheit, der Tatsachenverzerrung und der als „Information“ getarnten puren Erfindung. Alles geht.
Nun wäre es heillos überfordernd, einer Musical-Inszenierung all diesen schweren Ballast aufzuladen. In Hannover hütet sich Adriana Altaras davor, vordergründige politische Anspielungen einzusetzen. Die Welt auf der Bühne von Timo Dentler und Okarina Peter bleibt quirlig und bunt. Aber wie in der leichten Muse eigentlich schon seit Claudio Monteverdi entlarvt die unbeschwerte Überspitzung die Verblendungen und Abgründe hinter der amüsanten Oberfläche umso deutlicher.
Dafür findet die Bühne die passende Chiffre: Sie wird beherrscht von einem rostigen Decksaufbau mit einem zentralen Schornstein, unter dem sich mal eine gut bestückte Bar öffnet, mal mit kleinen Sitzgruppen Kabinen oder andere abgeschlossene Räume angedeutet werden. Über dem Dampfer mit dem bezeichnenden Namen „MS America“ (es müsste eigentlich SS America heißen, und dieses steamship gab es wirklich) wölbt sich ein tiefblauer Himmel, der immer wieder die Farbe wechselt und dann im Fantasy-Rosa oder Violett von SciFi-Comics oder Games leuchtet. Unter diesem Sternenzelt bleibt genug Platz für die Choreografien Bart de Clerqs. Die bewegten Bilder bilden einen augenverwöhnenden Kontrast zu den intimen Szenen der Songs und den Momenten witzigen verbalen Schlagabtauschs.
Die Inszenierung von Adriana Altaras läuft immer dann, wenn sie mit starken Darstellern konzentrierte Einzelszenen gestaltet. Sie funktioniert nicht – oder vielleicht nach zwei Monaten Spielzeit nicht mehr –, wenn es um die flotte Pointe, um das passende Timing und um den Aufbau von Spannung geht. Dann bleiben Auftritte beiläufig, lahmt das Pingpong der Worte, bleibt das Slapstick-Potenzial von Figuren wie den beiden Kleinkriminellen Spit und Dippy (eigentlich zwei „missionierte“ Chinesen) unausgeschöpft und kommen Figuren wie Dirk Schäfers Moonface Martin oder der abgedrehte Sprachnerd Lord Oakley alias Max Dollinger nicht über Pastellfarben hinaus, wo sie kräftige Linien zeichnen sollten. Andere wiederum, so der Elisha Whitney Frank Schneiders, drehen zu sehr auf und verschenken sich damit manche subtile Nuance. Doch Christof Messner als kleiner, verliebter Börsenangestellter Billy Crocker spielt seine komische Verzweiflung und seine permanente Angst vor Entdeckung leichtfüßig und wirkungsvoll aus.
Im Ensemble sind – auch sängerisch – die Damen überlegen: Bei Bettina Mönchs sexy Predigerin knirschen Buß‘ und Reu‘ kein Sünderherz entzwei, sondern fordern es eher zu lustvollem Laster auf – vor allem in der animierten großen „Blow, Gabriel, blow“-Nummer. Mönch hat zwar das typisch meckernd aufgesetzte Musical-Vibrato, aber bringt auch klare Töne und eine pointierte Artikulation. Julia Sturzlbaum ist nicht nur das „süße Mädl“, sondern sagt, was sie will. Ihren „little dream“ besingt sie zärtlich funkelnd, dazwischen aber auch mit grellen Blitzen.
Carmen Fuggiss ist als überbesorgte Mutter voll in ihrem Element und spielt ihre Bühnenerfahrung aus: Bei ihr sitzen Timing und Pointen. Showgirls und Matrosen, Gangsterbraut Erma (Amani Robinson), Kapitän (Yannick Spanier) und Chefsteward (Juri Menke) sind stets präsent am rechten Fleck. Lorenzo da Rio hat nicht nur den Chor einstudiert, sondern leitet an diesem Nachmittag auch das Orchester mit Pfiff und einer wohlschmeckenden Prise Sentiment, leider aber mit zu überdrehten, eher grell als schmeichelnd intonierenden Bläsern.
Werner Häußner

