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HANAU/ Amphitheater: NABUCCO – Nabucco Gastspiel der Venezia Festival Opera

20.08.2026 | Oper international

HANAU/ Amphitheater: NABUCCO – Nabucco Gastspiel der Venezia Festival Opera

Himmelsmächte beugen sich dem alten Belcanto

hana
Foto: Copyright by Asphoto.de

Das Amphitheater in Hanau besitzt ein beeindruckendes Membrandach, das in schönen Sommernächten die Illusion mediterraner Freiluftkultur erzeugt. Wer das ausverkaufte Rund an diesem Abend betrat, stellte sich auf verdischen Pathos ein – und bekam dazu ein meteorologisches Drama gratis geliefert. Wer in deutschen Landen heute eine Oper besucht, rechnet für gewöhnlich mit Regietheater-Verstümmelungen, mit ideologischem Belehren oder jener grauenvollen Betroffenheitsprosa, die den Werken den Atem austreibt. Nadia Hristo tat in ihrer Inszenierung der KulturWelt-Produktion von Verdis Nabucco nichts von alledem. Sie vertraute der Musik, ließ die Handlung schlicht geschehen und gab den Solisten den Raum, den sie brauchen, um ihre Figuren von innen heraus zu entwickeln. Das mag der avantgardistische Zeitgeist als gestrig schmähen. Die Zuschauer im Saal atmeten hörbar auf und zeigten sich beglückt.

Hristo baut ihre Szenen wie klassische Ölgemälde des neunzehnten Jahrhunderts auf. Keine Plastikstühle, keine Maschinenpistolen, keine dekonstruierten Begriffe aus dem Vokabular der aktuellen Diskurskultur. Die Kostüme von Meglena Ilieva schwelgten in prachtvollen Farben, das Bühnenbild von Rada Hadzhiyska bot den verlässlichen Rahmen für babylonische Machtgier und hebräische Verzweiflung. Man sah tatsächlich Jerusalem, man sah Babylon, und man begriff auf Anhieb, wer hier wen verfolgte. Das ist an hiesigen Theatern inzwischen ein derart kühner Akt der Verweigerung, dass es beinahe schon wieder avantgardistisch wirkt. Gerade weil nichts „hinterfragt“ oder „gebrochen“ wurde, wirkte die Erzählung umso unmittelbarer.

Solche Tourneegastspiele sind in der heutigen Theaterlandschaft geradezu überlebenswichtig. Sie bieten einem hungrigen Publikum in Deutschland die seltene Chance, Oper wieder unverfälscht und in ihrer ursprünglichen Gestalt zu erleben – ohne Belehrungszwang, ohne Konzeptkunst und ohne den üblichen Regie-Ehrgeiz, der das Werk oft genug demontiert, statt ihm zu dienen. Es ist immer wieder verblüffend und befreiend, wenn Szene und Musik wirklich Hand in Hand gehen. Dass dies hier in so hoher Qualität gelang, macht den Abend umso wertvoller. Denn nicht selten klingen Tournee-Produktionen müde, flach und ungenau, als hätte man die Partitur auf Sparflamme herunter gekocht. Hier war das Gegenteil der Fall: Alles wirkte frisch, präzise und geradezu brillant.

Die Natur schien diesen Hang zur dramatischen Zuspitzung noch belohnen zu wollen. Punktgenau in der Pause öffneten sich über Hanau die Schleusen. Ein Wolkenbruch von alttestamentarischen Ausmaßen entlud sich über dem Zeltdach, dass das Trommeln des Wassers jeden Gedanken an gepflegte Konversation im Keim erstickte. Bäche schossen über die Wege, Sturzbäche flossen durch die Parkanlagen. Doch als die Pause endete und der Dirigent das Pult wieder bestieg, geschah das kleine Wunder: Der Platzregen hörte schlagartig auf. Kein einziger Tropfen störte die Klagen der Gefangenen am Euphrat. Die Meteorologie beugte sich der Partitur mit einer Disziplin, die man manchem Intendanten wünschen möchte.

Musikalisch hielt Nayden Todorov die Fäden eisern in der Hand. Der heutige Direktor der Philharmonie in Sofia und mehrfache bulgarische Kulturminister ist ein Mann der Praxis, der mit Verdis Werkstatt bis in die intimsten Details vertraut ist. Todorov trieb das Ensemble mit feuriger Energie voran, hielt aber jederzeit die Waage zwischen Bühnengeschehen und Graben. Das Orchester musizierte vollkommen unverstärkt, mit beachtlicher Klangkultur und erstaunlicher Transparenz. Ein Sonderlob verdient die Schlagzeuggruppe: Was die Herren an Pauken, Becken und Trommeln leisteten, besaß präzise Durchschlagskraft. Das war kein harmloses Begleitklappern, sondern der unerbittliche Rhythmus babylonischer Stiefel, der den Zuhörer im Sessel aufrüttelte. Dazu gesellten sich geschmeidige Holzbläser, knackige Trompeten und Celli von bemerkenswerter Wärme.

Dass dieses Orchester überhaupt in dieser Form existiert, ist seiner Gründung aus dem Jahr 1997 im bulgarischen Plovdiv zu verdanken. Die Venezia Festival Opera blickt mittlerweile auf mehr als fünfhundert Live-Auftritte in ganz Europa zurück. Ihr Repertoire reicht von den großen italienischen Opernschlachtrossen über Wiener Operetten bis hin zu sinfonischen Projekten und Crossover-Formaten. Das Ensemble besitzt jene Routine, die nicht in Trägheit erstarrt, sondern praktische Flexibilität mit hoher Spielfreude verbindet – und genau das war an diesem Abend hinreißend spürbar.

Das zeigte sich auch beim Chor. Auf dem Papier wirkte die Truppe mit knapp dreißig Mitgliedern fast schon bedenklich schmal besetzt für ein Werk, das die Masse als eigentliche Hauptfigur installiert. Wer jedoch Dünnstimmigkeit befürchtete, sah sich rasch eines Besseren belehrt. Der Chor lieferte ein Fundament von erstaunlicher Fülle und geschlossener Nuancierung. Das berühmte Va, pensiero geriet nicht zum gewohnten Schunkel-Ohrwurm, sondern zu einem verhaltenen, tief berührenden Gebet, das im Unisono fein ausbalanciert durch das Amphitheater schwebte. Gerade in der reduzierten Besetzung wirkte die Geschlossenheit umso eindrucksvoller.

Bei den Solisten gab es Eindrücke, die man so schnell nicht vergisst. Iordanka Derilova als Abigail bewältigte ihren vokalen Himmelfahrtskommando-Part mit frappierender Leichtigkeit und stand zurecht im Mittelpunkt der Ovationen. Die Abigail gilt als Stimmkiller der Operngeschichte, gespickt mit extremen Intervallsprüngen, rasenden Koloraturen und mörderischen Höhen. Derilova sang das nicht nur fehlerfrei – sie schleuderte ihre hohen Cs wie messerscharfe Laserblitze in den Nachthimmel. Endlos erschienen ihre vokalen Variationsmöglichkeiten: vom feinsten Pianissimo bis hin zu betörenden Mezzavoce-Effekten konnte sie sofort auf hochdramatische Attacke umschalten. Das war vokale Höchstspannung, wie man sie an den großen Häusern kaum makelloser zu hören bekommt. Gleichzeitig war die Figur als Charakter hervorragend gezeichnet: In einem leuchtenden blauen Kleid mit langen feuerroten Haaren wirkte sie wie eine kriegerische Amazone – eine Frau, deren Grausamkeit aus tiefster Kränkung keimt und die auf der Bühne eine ganz eigene, gefährliche Präsenz entfaltete.

Besonderen Eindruck hinterließ Alexander Krunev in der Titelrolle. Krunev hat die sechzig längst hinter sich gelassen, doch seine Stimme spottet jedem biologischen Gesetz. Sein Bariton klingt samtig, warm und von vorbildlicher Legato-Kultur durchwirkt. Was dieser Mann an stimmlicher Frische und Ausdauer demonstrierte, grenzt an ein Phänomen. Er stemmte die gefürchteten Spitzennoten mit einer mühelosen Selbstverständlichkeit, um die ihn so mancher Nachwuchstenor beneiden dürfte, und hielt die hohen Töne schier unendlich im Raum, ließ sie strahlen und blühen. Als er im Zustand des Wahnsinns flach auf dem Rücken auf der Bühne lag, sang er aus dieser ungemütlichen Lage heraus einfach ungerührt weiter, ohne dass der Atem wackelte oder der Ton an Fülle verlor. Das ist hohe Gesangskunst alter Schule, gepaart mit immenser Bühnenpräsenz.

Nikolai Karnolsky stattete den Zaccaria mit einem kernigen, sonoren Bass aus, der die oratorienhaften Ansprachen des Hohepriesters mit Wucht und Stehvermögen versah. Nataliia Matvievieva lieferte als Fenena eine warm timbrierte, feinfühlige Leistung ab, während Ivaylo Yovchev als Ismaele mit schneidendem Spinto-Tenor aufhorchen ließ. Auch die kleineren Partien mit Krassimir Derilov, Stilyan Tsvetkov und Plamena Girginova fügten sich nahtlos in diesen rundum gelungenen Opernabend ein.

Als der letzte Akkord verhallte und die babylonischen Götzen in Trümmern lagen, hielt es niemanden mehr auf den Sitzen. Das Publikum erhob sich geschlossen, klatschte im Rhythmus und feierte ein Ensemble, das ohne künstliche Lautsprecher, ohne Regie-Mätzchen und trotz des Unwetters bewies, wie mächtig das reine Handwerk der Oper sein kann. Die Gesichter wirkten am Ende wie nach einer Frischzellenkur – so viel Begeisterung und Glück lag in ihnen. Ein großer, unvergesslicher Abend, einer von denen, an die man sich noch Jahre später erinnert, weil hier nichts anderes zählte als die Musik und die Menschen, die sie mit Herz und Können trugen.

Dirk Schauß, 20. August 2026

Giuseppe Verdi

Nabucco

Gastspiel der Venezia Festival Opera

Hanauer Amphitheater, 19. August 2026

 

 

 

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