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HAMBURG/ Staatsoper: TANNHÄUSER – Sängerlust, Bühnenfrust. Premiere

a 24.4. (Stephan Knies)

25.04.2022 | Oper international

HAMBURG /Staatsoper: TANNHÄUSER – Sängerlust, Bühnenfrust

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Klaus Florian Vogt und Ensemble. Foto: Brinkhaus-Mögenburg

Kent Nagano beherrscht die Kunst, Richard Wagners Musik niemals massiv klingen zu lassen. Seine Sänger werden getragen, sie müssen nicht dauerhaft über ihre Kraftreserven gehen, um verstanden oder überhaupt gehört zu werden. Genau dieses musikalische Auf-Händen-Getragen-Werden ist eine wichtige Zutat für den Erfolg des Sängerensembles beim neuen „Tannhäuser“ an der Hamburgischen Staatsoper. Der Klang: Immer durchhörbar, immer luzide, trotzdem präsent, dabei voll warmer Farben und, wo es der Dirigent für nötig hält, natürlich auch mal wuchtig. Etwas getrübt und auch mit Unmut quittiert wurde dieser Eindruck durch die ungewöhnlich vielen Patzer in Intonation und Zusammenspiel bei seinem Orchester. Trotzdem war der Generalmusikdirektor einer der Stars des Abends.

Ein anderer ist, natürlich, Klaus Florian Vogt, ehedem Hornist in ebenjenem Orchester und längst zum Heldentenor geworden. Wort für Wort gestaltet er seinen Tannhäuser als den Suchenden, der er ist, bleibt dabei stets textverständlich, singt mit bemerkenswert ausgeglichener Stimme. Die Rom-Erzählung, des Helden Reisebericht über den unglücklichen Bußversuch beim Papst also, wird zum Triumph. Wer die Titelrolle so gestalten (und durchstehen) kann, gehört zu den weltweit besten „Tannhäusern“. Einzig das allzu häufige Atemholen unterbricht die Gesangslinie bisweilen. Seine beiden Frauen beeindrucken unterschiedlich: Jennifer Halloway verleiht ihrer Elisabeth eine ebenbürtige Präsenz, strahlend hell und mit durchdringender Intensität – diese Frau ist verletzt, aber sie hat einen starken Willen. Tanja Ariane Baumgartner macht mit Leidenschaft, glühendem Mezzo und großer Souveränität wett, dass sie sich als Venus kaum einmal vom Fleck rühren darf. Christoph Pohl steht dem nicht nach und ist ein perfekt artikulierender, mitfühlender Wolfram, das gilt ebenso für den Landgrafen Hermann von Georg Zeppenfeld.

Was trägt nun Regisseur Kornél Mundruczó bei zu diesem „Tannhäuser“? Die Idee, dass der Venusberg ein Aussteigernest von Alt-68ern im Dschungel und dem Helden hier öde geworden sei. Der Landgraf samt Gefolge tritt dann, schwupps, Klimazonenwechsel, in Outdoor-Klamotten mit Sport-Armbrüsten  auf nacktem Fels auf. Beim Sängerwettstreit im zweiten Akt hilft auch das wüste Kostüm-Bingo nicht, irgendeine Schlüssigkeit herzustellen. Warum regen sich alle auf, und für was bitte soll Tannhäuser büßen gehen, wie wird szenisch gerechtfertigt, dass wir noch einen dritten Akt brauchen? Was am Venusberg die Gesellschaft heute noch skandalös finden könnte, ist schon ohne diese Setzung eine der schwierigen Herausforderungen bei dieser Oper; hier wird das alles zur Farce. Dazu kommt, dass Titelheld und Elisabeth vom ersten Ton an schablonenhaft als zwei entwicklungsunfähige Traumatisierte auftreten müssen – die Facetten der Figuren kommen allein durch die musikalische Erarbeitung von Solisten und Dirigent. Die in der Partitur ja durchaus vorhandenen Längen werden so zu szenischer Langeweile; bisweilen sollen ein paar Slapstick-Gags helfen.

Übrigens: Eine Gesellschaftskritik will Mundruczó hier formulieren, schreibt er. Die ist auf der Bühne nirgendwo zu finden. Und er bringt es tatsächlich fertig, sein Publikum an Banalitäten teilhaben zu lassen wie der Erklärung, die Venus-Welt und die Elisabeth-Welt, und das sei das Interessante an Tannhäuser, gäbe es sowohl in der Gesellschaft als auch im Innenleben des Titelhelden. Na sowas. Wenn ein Regisseur sein Handwerk so vollständig vergisst, kommt eben eine solch belanglose Zumutung heraus dabei. Wie ärgerlich. Immerhin: Fürs Ohr lohnt sich der neue Hamburger „Tannhäuser“.

Stephan Knies

 

 

Stephan Knies

 

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