Giuseppe Verdi: Macbeth • Hamburgische Staatsoper • Vorstellung: 11.10.2026
(6. Vorstellung • Premiere am 12.09.2026)
Rundum überzeugende Interpretation als zeitloses Drama um Beziehungsdynamik und Machterhalt
Die Hamburgische Staatsoper eröffnet die neue Saison mit einer Neuinszenierung von Verdis «Mabeth». Intendant Tobias Kratzer inszeniert und Tomáš Hanus dirigiert das Philharmonisches Staatsorchester Hamburg.

Foto © Monika Rittershaus
Tobias Kratzers Inszenierung zeigt mit starken Bildern eindrücklich die Verbindung der Geschichte um den schottischen Feldherrn Macbeth mit der antiken Tragödie. Die Hexen sind, ähnlich dem Chor der antiken Tragödie, das ganze Stück über präsent und beobachten hier die Liebeshandlung (hier für einmal nicht die klassische Dreieckshandlung (Sopran liebt Tenor und Bariton intrigiert) sondern eine Beziehungsgeschichte, die zum Kraftzentrum der Oper wird) kommentieren sie und lenken von ihrem arenartigen Halbrund aus das Geschehen. Darüber hinaus genügen Rainer Sellmaier (seine Kostüme verbinden das Geschehen mit der Gegenwart) für die Bühne ein paar wenige, charakteristische Versatzstücke, die die Vorstellungskraft des Zuschauers beflügeln. Wenn hier die Hexen zu einer Art Schicksalsmacht werden, entwickelt sich das Geschehen hin in Richtung des romantischen Schicksalsdrama, das Verdi sehr schätzte. Dass Kratzer der Lady und Macbeth noch ein Sohn gibt (um sich gegen die Deutungs-Tradition zu stellen: «Dass eine Frau auf Basis ihrer Kinderlosigkeit als politisch oder sogar moralisch zweifelhaft agierende Person dargestellt werden soll, ist für mich eine Form von Misogynie, die ich ein für alle Mal abräumen wollte»), ergänzt das Stück um eine «Zukunfts-Dimension»: der Machterhalt gilt so auch künftigen Generationen, besonders eindrücklich dargestellt im Bild, wo der Vater mit dem Sohn mit einem Transformers-Auto [das sind Autos, die sich in Super-Helden verwandeln können] spielt. Das Licht von Michael Bauer macht diesen Abend endgültig zum (nicht nur) szenischen Erlebnis. Die Interpretation als zeitloses Drama um Beziehungsdynamik und Machterhalt funktioniert an diesem Abend rundum überzeugend.
Gespielt wird in Hamburg die 1865 für Paris überarbeitete Fassung von Verdis erster Shakespeare-Oper (1847) inklusive der Ballett-Musik. Tomáš Hanus wählt zügige Tempi, die das Brio des jungen Verdi wunderbar zur Geltung bringen, und baut gute Spannungsbögen. Das Philharmonisches Staatsorchester Hamburg spielt mit sattem, präsentem Klang. Die solistischen Passagen einzelner Instrumente aber dürften ruhig deutlicher zur Geltung kommen. Der Chor der Hamburgischen Staatsoper agiert an diesem Abend in jeder Hinsicht überzeugend, meistert die szenischen Anforderungen (die weit grösser sind, als man meinen könnte) glaubwürdig und begeistert mit sattem, höchst ausdifferenziertem Klang (Chor: Alice Meregaglia).
Kartal Karagedik gibt den Macbeth mit balsamisch strömendem, frei strahlendem Bariton und überzeugender Bühnenpräsenz. Alexander Vinogradov überzeugt als Banco mit gut geführtem, manchmal leicht verschattet wirkendem Bass. Nino Machaidze gelingt mit vollem, wohlklingendem Sopran eine Lady Macbeth, die sich durch ihre (positiv zu verstehende) diskrete Boshaftigkeit von vielen anderen Interpretinnen dieser Rolle abhebt. Dovlet Nurgeldiyev als Macduff und Colin Aikins als Malcolm überzeugen mit sauber geführten Stimmen, tenoralem Wohlklang und guter Bühnenpräsenz. Mariana Poltorak als Dame der Lady Macbeth, Chao Deng als Arzt, Hubert Kowalczyk als Diener des Macbeth/Mörder/1. Erscheinung und Inés López Fernández als 2. und 3. Erscheinung ergänzen das Ensemble.
Eine szenisch wie musikalisch überzeugende Interpretation als zeitloses Drama um Beziehungsdynamik und Machterhalt.
Weitere Aufführungen: 17.10.2026, 19.00 und 20.10.2026, 19.30
14.10.2026, Jan Krobot/Zürich

