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HAMBURG/ Laeiszhalle: ÉRARD-Festival: MATHIAS WEBER & FREUNDE beim Abschlusskonzert

08.12.2021 | Konzert/Liederabende

Hamburg, Laeisz-Halle: Mathias Weber und Freunde beim Abschlusskonzert des Érard-Festivals

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Matthias Weber. Foto: Pieper

Der „Sound“ eines französischen Érard-Flügels aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist deutlich weniger „fett“ als der Steinway-Klang. Das begünstigt die feine Klangsprache, in die ein aktives Hineinhören gefragt ist. Die gleichberechtigte Interaktion mit anderen Instrumenten ist ohnehin die Königsdisziplin des Érard-Flügels. Seit Jahren bereichert in Hamburg das Érad-Festival das Kulturleben der Stadt. Unter Federführung von Mathias Weber, dem Begründer der Hamburger Érard-Gesellschaft verband der Abschlussabend der diesjährigen Festival-Ausgabe in der Laeisz-Halle Menschen, Nationen und Generationen.

Gemeinsamer Nenner bei allen Programmpunkten war ein hoher künstlerischer Idealismus: Zu Beginn betrieb der junge Franzose Hugo Philippeau eine forschende Auseinandersetzung mit Komposition und Instrument aus heutigem Geist heraus. In Franz Schuberts tiefschürfender Spätwerk-Klaviersonate c-moll traut sich Philippeau vieles, um Neues und Tiefes in den Noten zu entdecken. Dramatisch-ruhelos zeichnet sein Spiel diesen typisch-Schubertschen Zustand des „Getriebenseins“ nach. Unerschrockene Präzision bleibt auch bei den dunklen Facetten dieser Musik bestehen, aber er lässt auch die kindlich liedhaften Passagen unschuldig aufleuchten. Sich hinein begeben und „loslassen können“ – das ist seine Sache in der gespenstisch pulsierenden Tarantella des Finalsatzes. Philippeau, dieses Multitalent aus Paris wurde schon beim vorigen Érard-Festival in der Elbphilharmonie begeistert gefeiert. Aktuell macht er auch mit einem eigenen, sehr erfolgreichen Trio von sich reden. Ebenso sorgte eine experimentierfreudige Inszenierung von Schönbergs „Pierrot Lunaire“ an der Lyoner Oper für Furore.

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Christian Brunnert. Foto: Pieper

Mathias Weber und der Cellist Christian Brunnert trafen vor 40 Jahren beim ARD-Wettbewerb aufeinander. Ihre Wiederbegegnung auf der Bühne wurde an diesem Abend zu einem Freudenfest – mit Frederic Chopins einziger Sonate für Pianoforte und Violoncello: Wie dynamisch der Érard zupacken kann, zeigt sich in einem kolossalen Stürmen und Drängen, welches hier Christian Brunnerts Cellospiel befeuert. Hier herrschte maximaler menschlicher Konsens, der die beiden über der ganzen formalen, zukunftsweisenden Kühnheit dieser Komposition souverän drüber stehen ließ.

Auch weiterhin markierte jeder weitere Programmpunkt eine große Welt für sich: Robert Schumann war, wie viele andere auch, von Johann Wolfgang Goethes „Mignon-Liedern“ begeistert. Er hat daraus nichts geringeres als ein kolossales, dramatisches Epos kreiert. Jetzt lag es an Klaus-Dieter Jung – einem der profiliertesten Liedbegleitungs-Pianisten – auf dem Érard-Flügel für umfassende orchestrale Größe zu sorgen. Denn die braucht es als Gegengewicht für jene Seelenzustände, welche Romana Noack, Sopran und Michael Wolfrum in hoher dramatischer Verdichtung erzeugten.

klaus dieter jung, romana noack, michael wolfrum
Klaus-Dieter Jung, Romana Noack, Michael Wolfrum. Foto: Pieper

Das Finale bestimmte eine weitere familiäre Begegung: Mathias Weber übernahm wieder den Érard, während Cellist Christian Brunnert zusätzlich seinen Sohn Lucas Brunnert an der Violine ins Spiel brachte. Auch der geht längst unbeirrt einen individuellen Weg und hat vor allem mit einem Solo-CD-Debut voll aufregender Repertoire-Neuentdeckungen viel Eigenständigkeit bewiesen. (CD Lucas Brunnert: Gateway in the beyond, Aldila Records 2020)

Felix Mendelssohn Bartholdys Trio für Pianoforte, Violine und Violoncello wirkte an diesem Abend so, als wäre es extra nur für diese begeisterungsfähigen Musiker komponiert. Eine Kantilene, mit der man die Welt umarmen könnte, eröffnet diese leidenschaftliche Konversation zu dritt. Und auch im weiteren liefert dieser frühreife, früh verstorbene Komponist zuverlässig alles, wodurch eine solche Interaktion einmalig wird – wenn man all dies nur virtuous, energetisch und hellwach auszuleben weiß. Spätestens beim tänzerischen Feuer im Finalsatz, wollte wohl niemand mehr aus diesen reichen Klangbädern auftauchen müssen. Da erwies sich der langsame Satz aus Beethovens Gassenhauer-Trio als denkbar beste Brücke, um sich wieder mit der Realität zu versöhnen.

Die Laiesz-Halle erwies sich an diesem langen, gehaltvollen Abend einmal mehr als sinnliches Kleinod: Das glänzende Holz der Bühnenverkleidung schmiegte sich stimmig an das Finish des Érard-Flügels an, so viele atmosphärische Wärme drumherum tat den Musikerlebnissen einfach gut. Ohnehin ist es stauenswert, wie Anfang der 1950er Jahre dieses einstige Jugendstil-Palais zu einer funktionalen Spielstätte ertüchtigt wurde – die akustisch der großen Elbphilharmonie das Wasser reicht….

Stefan Pieper

http://mathias-weber.com/

http://erardfestival.com/

 

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