Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

HAMBURG / Kammerspiele: „LAST CALL“ von Peter Danish – Deutsche Erstaufführung

25.02.2026 | Theater

HAMBURG / Kammerspiele: „LAST CALL“ von Peter Danish – Deutsche Erstaufführung

18.2.2026  (Werner Häußner)

häuß
Peter Danish. Foto: Werner Häußner

Das Stück kommt zur rechten Zeit: Kurz vor der Hamburger Europa-Premiere von Peter Danishs Fantasie „Last Call“ über das letzte und einzige Zusammentreffen der Dirigier-Giganten Leonard Bernstein und Herbert von Karajan in Wien erschien ein Buch des Historikers Michael Wolffsohn. Sein Titel: „Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus.“ Sein Inhalt: Die Frage, ob der „musikalische Genius des Wirtschaftswunders“ (Adorno) ein „glühender Nazi“ oder eben doch nur ein Opportunist, Nutznießer, Mitläufer in einem unmenschlichen System gewesen ist. Mehr noch geht es Wolffsohn aber um die Frage nach dem Zusammenhang von Kultur und Politik, nach der gesellschaftlichen Rolle von – in diesem Fall – Musik: Gegenwelt zur Realität oder Dienstmagd in der Welt von Verbrechern? Ein hübsches Dekor? Oder ein Elfenbeinturm, dessen Bewohner „mit Politik nichts zu tun haben“ (wollen)?

Vorneweg: Peter Danish beantwortet diese Fragen in den 90 Minuten seines glänzend konstruierten, den Boulevard nicht scheuenden „well made play“ nicht. Aber er wirft Schlaglichter auf das Thema – spätestens, als Karajan in dem fiktiven Gespräch seinem Kontrahenten Bernstein gratuliert, weil er erst nach zwanzig Minuten das Thema „Nazi“ aufs Tapet gebracht hat. Ein „neuer Rekord“, wie Karajan süffisant bemerkt. Hat sich Karajan „für den leichtesten statt für den richtigen Weg“ entschieden? Bernsteins Frage betrifft alle, die im „Reich“ geblieben sind, statt den steinigen Weg der Emigration zu gehen. Ob der historische Karajan die Gefühle der Kunstfigur Danishs teilte, kann wohl nicht einmal Wolffsohn letztendlich ergründen. Der „Herbert“ in der Blauen Bar des Hotels Sacher jedenfalls bekennt gegen Ende des Gesprächs, er empfinde keine Schuld – „denn dazu gehört Verantwortung“ – aber tiefe Scham.

Die Debatte, die Wolffsohns Buch erneuert hat, nährt den Verdacht, dass es vielen Kontrahenten gar nicht um die historische Wahrheit über Karajan selbst geht, sondern nur um die Rechtfertigung eigener Positionen und Urteile. „Last Call“ agiert erfrischend anders. Danish hat sich mit vielen Menschen ausgetauscht, die Bernstein und Karajan gut kannten, mit den beiden musizierten und arbeiteten, auch die Charaktere hinter den Fassaden der medialen Inszenierung erlebt haben. So ist er nahe dran, aber sein Stück hält stets Distanz zur Versuchung, ins Dokumentarische überzuschwenken.

Ein entscheidender Kunstgriff der Inszenierung von Gil Mehmert: Die beiden Protagonisten der männerdominierten Dirigenten-Elite von damals werden von zwei Frauen dargestellt. Lucca Züchner zeigt Karajan als sich lustvoll stilisierender Pult-Genius, kantig in den Konturen seiner Bewegungen: Der Kopf schnellt wie ein Raubvogel vor; der Zeigefinger scheint sich auf den Gesprächspartner zu stürzen; die Stimme schnarrt und knarzt, genießt das Rechthaben, kostet Pointen höhnisch aus. Helen Schneider, alias Leonard Bernstein, charismatischer Komponist, Dirigent und Musikvermittler aus jüdischer Familie, schlendert lässig in die ansonsten leere Bar (aufs Nötigste reduzierte Bühne: Chris Barreca), in der Karajan über einer Brahms-Partitur brütet, ordert Whisky und taxiert den jungen Kellner mit Blicken und – später – fahrig tastenden Händen.

callo
Foto: Maria Baranova

Das Treffen der beiden dirigierenden Rivalen fand 1988 statt – Karajan starb 1989, Bernstein 1990. Einziger Zeuge war besagter Kellner. Der bemerkt dreißig Jahre später, wie der amerikanische Schriftsteller, Filmemacher und Komponist Peter Danish in der Bar Bernsteins Gesammelte Briefe liest, erzählt ihm von dieser Begegnung – und der fantasiebegabte Autor recherchiert, füllt die dürre Information mit Leben und gibt dem nächtlichen Gespräch seinen Inhalt zwischen Tiefsinn und Tratsch.

„Last Call“ verwebt mit leichter Hand spritzige Pointen mit komplexen Themen. Es geht um die Art der Lebensführung – der ernsthafte Karajan versus den lockeren Lebemann Bernstein –, um die jüdischen Proteste gegen den Auftritt des Österreichers mit mazedonischen Wurzeln 1955 in der Carnegie Hall, um Bernsteins unkonventionellen Zugang zur Musik und seine Karriere als „einziger Schrei nach Liebe“, um Homosexualität, Lebensgenuss und Selbsthass, um originäre und nachschöpferische Kreativität, aber auch um Selbstzweifel und Lebensbilanzen.

Und so spitzen die beiden Kontrahenten ihre Wortspiele zu und kreuzen die verbalen Klingen vor allem im ersten Teil, zünden ein Feuerwerk funkelnder Pointen. Bernstein schaut auf den Dirigenten herab, der lediglich schwarze Punkte liest und ein Stöckchen durch die Luft schwingt. Karajan nimmt den Musical-Komponisten aufs Korn: Die Deutschen hätten den Kitsch erfunden, aber Amerika habe ihn auf ein neues Niveau gebracht.

Schneider und Züchner entfesseln eine sich steigernde Dynamik im Tempo der Wortgefechte. Regisseur Gil Mehmert findet dazu wechselnde Konstellationen von körperlicher Distanz und Nähe, Attraktion und Abstoßung, Beschleunigung und abebbender Spannung, in der sich die Energie für den nächsten Ausbruch sammelt. Die Brillanz der beiden Frauen ist fulminant. Helen Schneider, die erfahrene Musical-Darstellerin und Weill-Interpretin, zeichnet Bernstein mit seiner weltläufigen Nonchalance und seinem beweglichen Intellekt, mit souveränem Humor, aber auch spitzer Angriffslust.

Die Münchner Schauspielerin und Musicalsängerin Lucca Züchner schafft es als Karajan, dem Charmebolzen Stand zu halten. Wie sie den alten, vom Schmerz gezeichneten Dirigenten mit den typisch nach hinten frisierten grauen Haaren durch die Szene wanken lässt, hat große Klasse. Bei ihr blitzt Karajans Energie auf, die sich aus dem Willen zu unbedingter Professionalität, künstlerischer Qualität, musikalischer Vollkommenheit speist.

Man darf unterstellen, dass der Titel „Last Call“ etwas bezeichnet, das hinter den Worten zu entdecken ist. Denn es geht nicht darum, dass hier zwei Persönlichkeiten der Musikgeschichte einen Drink nehmen. Sondern, dass in unterhaltsamer Frische Themen angerissen werden, die über die Personen Bernstein und Karajan hinausweisen. Und es gelingt, das Publikum sogar mit einer Debatte über Mahler- und Bruckner-Interpretation zu fesseln. Das war bei der Uraufführung in New York im März in der gleichen Besetzung der Fall; das ließ sich auch in den Hamburger Kammerspielen beobachten.

Die Off-Broadway-Produktion, inzwischen in zehn Kategorien (!) für den Broadway World Award ausgezeichnet, ist Schauspieler-Theater vom Feinsten, zu dem auch Victor Petersen als Ober seinen Beitrag leistet. Er bringt einen Moment magischer Fantasy ins Spiel: Als sich Lennie und Herbert in ihrer Bewunderung der Gesangskunst von Maria Callas einig sind, verwandelt er sich für einen Moment in die Belcanto-Diva in schwarzer Samtrobe (Kostüme: René Neumann) und intoniert „Il dolce suono“ aus „Lucia di Lammermoor“. Ein Coup, der die versöhnende Kraft der Musik beschwört. Es ist dem Stück zu wünschen, dass es seinen Weg macht. Die österreichische Erstaufführung ist, so war zu hören, in Planung – demnächst wird man in Wien mehr davon erfahren.

Werner Häußner

 

Diese Seite drucken