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HALLE (Saale) / OPER: ARIADNE AUF NAXOS – Premiere – und ein Kommentar zur Situation der Oper in Halle

23.02.2019 | Oper

HALLE (Saale) / OPER: ARIADNE AUF NAXOS – Premiere – und ein Kommentar zur Situation der Oper in Halle
am 22.2. (Werner Häußner)

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Florian Lutz. Foto: Website Lutz

Zwei Stunden vor der Premiere von „Ariadne auf Naxos“ sickerte es durch: Florian Lutz, Intendant der Oper Halle, wird nicht verlängert. Der Aufsichtsrat der Theater, Oper und Orchester GmbH Halle (TOOH) entschied mit einer Mehrheit von fünf gegen drei Stimmen bei einer Enthaltung, den Vertrag des 40-Jährigen 2021 auslaufen zu lassen. Die anderen Spartenchefs, Christoph Werner vom Puppentheater und Matthias Brenner vom Neuen Theater werden – erfolgreiche Verhandlungen vorausgesetzt – bis 2026 verlängert. So berichtete die Städtische Zeitung Halle online.

Ein „schwarzer Freitag“ also für Opernintendant Lutz. Angetreten war er mit seinem Stellvertreter Veit Güssow und Chefdramaturg Michael von zur Mühlen, um dem ausdrücklichen Wunsch der Stadt gemäß mit frischem Wind das zuletzt kaum ausgeprägte Profil der Oper zu schärfen. Das haben die entschlossenen jungen Opernmacher auch geschafft: Die Eröffnung seiner Intendanz 2016 markierte Lutz mit einem ästhetischen Paukenschlag: Auf Sebastian Hannaks „Raumbühne Heterotopia“ inszenierte er „Der fliegende Holländer“ mit dem Publikum mitten im Spiel-Raum, das so als Mitakteur in das Geschehen einbezogen war –ähnlich wie im Jahr zuvor bei Heinrich Marschners „Hans Heiling“ in Regensburg. Die Raumbühne – in dieser Spielzeit zur „Raumbühne Babylon“ weiterentwickelt, unter anderem für eine vierteilige „Übermalung“ von Meyerbeers „L’Africaine“ – erhielt 2017 den Theaterpreis DER FAUST in der Kategorie Bühnenbild.

 

Überregionale Anerkennung

Das überregionale Feuilleton richtet den Blick auf Halle: Eine Repertoire-Oper wie „Aida“ schaffte es als „Präzedenzfall“ für die Oper im 21. Jahrhundert in die „Zeit“; in der „Deutschen Bühne“ wurde Halle für die „überzeugendste Theaterarbeit abseits großer Theaterzentren“ in der Saisonbilanz 2017/18 am häufigsten genannt. Lutz holt wichtige junge Regisseure ans Haus, zuletzt Tobias Kratzer („Bastien und Bastienne/Eine florentinische Tragödie“) und jetzt Paul-Georg Dittrich für Strauss. Und die Oper versucht, durch flankierende Veranstaltungen und Projekte, sich der ästhetisch-intellektuellen Debatte um die Kunstform Oper zu öffnen. Alles andere als betuliches Stadttheater also.

Ein derartiger Bruch mit dem Ziel einer avancierten Ästhetik bleibt nicht folgenlos, auch wirtschaftlich nicht: Die Oper Halle büßte Zuschauer ein; langjährige Abonnenten kündigten. Aber wer in die Vorstellungen geht, nimmt junge Menschen wahr. Und die Premieren locken jenseits der auch in Halle wahrnehmbaren Kultur-Schickeria ein neugieriges, neues Publikum an: Man ist sich nicht einmal mehr zu fein, von Leipzig nach Halle zu einer Premiere zu reisen.

Dieses Interesse reicht (noch) nicht aus, um die Lücken zu füllen. Das Portal www.nachtkritik.de hat die Zahlen angefragt: In der letzten Spielzeit von Axel Köhler als Intendant (2015/16) erreichten Oper, Operette, Ballett und Kooperationsprojekte mit dem Schauspiel 70.574 Besucher, in der ersten Spielzeit Lutz‘ waren es gut 10.000 weniger. Inzwischen steigen die Zahlen wieder: In der laufenden Spielzeit sind es jetzt schon rund 58.000. Keine schlechte Bilanz also.

Wenn sich der Aufsichtsrat der TOOH nun nach einer von außen nicht zu durchschauenden Prozedur entschlossen hat, Lutz nicht zu verlängern, dürften die Gründe woanders als bei den Zahlen liegen. Eine wesentliche Rolle spielt wohl der Konflikt mit TOOH-Geschäftsführer Stefan Rosinski – ein Mann, der, nobel ausgedrückt, Auseinandersetzungen nicht scheut, und dessen Rolle an früheren Wirkungsstätten wie Rostock stets von Kabalen und Katastrophen begleitet war. Rosinski ist ein bei Götz Friedrich ausgebildeter Regisseur, hat vielfältig künstlerisch gearbeitet, und sich Anfang der 2000er auf Controlling, Administration und Organisation verlegt.

 

Konflikt mit dem Geschäftsführer

Dass er die künstlerische Position von Lutz nicht teilt, hat er schon 2017 unmissverständlich klar gemacht. Erst wurde mit Zahlen gestichelt, aber bald tobte ein Streit, der – so der Deutschlandfunk – „in Deutschland derzeit seinesgleichen sucht“. Nicht nur mit der Opernleitung. Auch NT-Intendant Matthias Brenner beklagte die „angespannte Zusammenarbeit in einer Atmosphäre des Nicht-Vertrauens“. Die Intendanten warfen in einem Ende 2018 bekannt gewordenen internen Schreiben an den Aufsichtsrat der TOOH dem Geschäftsführer vor, sich in künstlerische Belange einzumischen und schilderten das Verhältnis zu Rosinski als „unrettbar zerrüttet“. „Spaltend, unkollegial, destruktiv“, fasste der MDR die Kritik zusammen. Andere Beobachter werden da noch deutlicher.

Dass die Situation in Halle derart eskalierte, ist jedoch nach Ansicht kundiger Beobachter nicht nur in persönlichen Divergenzen zu suchen, sondern weise auf Konstruktionsfehler in der Organisationsstruktur der TOOH hin, die durch die Personalentscheidung Lutz nicht ausgeräumt sind. Zu bedenken ist auch, dass Lutz aus dem eigenen Haus Gegenwind bekommen hat: Der Orchestervorstand der Bühnen Halle und der Betriebsrat der Staatskapelle hatten sich im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung dagegen ausgesprochen, den Vertrag mit Lutz zu verlängern.

Die Begründung liest sich wie eine Generalabrechnung mit dem Regietheater: Das jeweilige Bühnenwerk diene oft als bloße Vorlage für die Vermittlung politischer und persönlicher Botschaften des Regisseur, heißt es da. Die musikalischen Leistungen von Sängern und Musikern verkämen zur Nebensächlichkeit. Und die designierte neue GMD Ariane Matiakh hat – obwohl sie ihren Vertrag unter der Voraussetzung der Opernintendanz von Florian Lutz unterschrieben hatte – in einem Brief an den Aufsichtsrat davon gesprochen, dass eine Vertragsverlängerung für Lutz „nur eine Verlängerung der Probleme wäre“, die sie im Opernhaus sehe. eine „Frustration“ sei „eindeutig und allgegenwärtig spürbar“.

Abgesehen von dem dreisten, nach Anbiederung riechenden Vorstoß der noch nicht einmal amtierenden Generalmusikdirektorin Matiakh, die sich zudem erst einmal selbst künstlerisch beweisen muss, bleiben in der Causa Halle einige offene Handlungsfelder: Am vordringlichsten scheint eine Reform von konfliktträchtigen Organisationsstrukturen. Es mutet hilflos an, wenn der Aufsichtsrat versucht, (vorprogrammierte) künftige innerbetriebliche Konflikte nicht nach außen dringen zu lassen, indem er „dienstrechtliche Verfehlungen“ arbeitsrechtlich zu sanktionieren droht. Das wird nicht funktionieren. Eine Reform, die klare Kompetenzen umreißt, ist auch nötig, um einen Nachfolger für Lutz zu finden: Auf die derzeitige Konstellation wird sich nach dem Desaster wohl kaum ein qualifizierter Künstler einlassen.

Florian Lutz hat jetzt jedenfalls noch bis Mitte 2021 Zeit, in zwei weiteren Spielzeiten zu beweisen, wie sein ambitioniertes Konzept trägt – auch wenn die künftige GMD schon den Auftakt zur nächsten Fehde gegeben hat. Und danach wird er – das ist vorauszusehen – als gefragter Gast an anderen Häusern inszenieren. Mehr Sorgen dürfte die Zukunft der Oper Halle machen: Ein „Weiter wie früher“ wird es nicht geben, denn mit kulinarischer Harmlosigkeit ist das Publikum nicht (zurück) zu gewinnen. Und ein Protagonist einer anderen künstlerischen Handschrift als das postmodern-politische Theater von Lutz, der Halle aus dem Durchschnitt herausheben könnte, ist unter den gegebenen Voraussetzungen wohl kaum für die Oper zu begeistern – es sei denn, der Aufsichtsrat verlängert 2020 den Vertrag Rosinskis nicht mehr und ordnet die Strukturen neu. Es bleibt, um einen Gemeinplatz zu strapazieren, spannend an der Saale.

 

Ariadne auf Naxos: Bühnenkunst vom Feinsten

Zurück zur Spannung auf der Bühne, wie sie Paul-Georg Dittrich mit seiner „Ariadne auf Naxos“ in virtuos vieldeutiger Weise zu erzeugen versteht. Der reichste Mann von Wien, der die Kunst nach eigenem Gusto in den Dienst nimmt und seinen Gästen „servieren“ lässt, spricht nicht nur durch den Haushofmeister (Ali Aykar), sondern in einem synchronen Kollektiv – ein Hinweis auf die anonymen Strukturen heutiger Kunstfinanzierung durch die öffentliche Hand oder Sponsoren. Im Hintergrund seiner Bühne skizziert Sebastian Hannak den Wiener Musikvereinssaal, dank der alljährlichen Neujahrskonzert-Übertragungen wohl das weltweit bekannteste Motiv, das als Chiffre für bedenkenlos kulinarische, hochpreisige, angepasste Kunstfertigkeit geeignet ist. Kein Wunder, dass dem Komponisten nicht nur das Herz in die Hose, sondern auch das Partiturkonvolut aus der Hand rutscht, als er sich die Fliege an den Hals nesteln will.

Dittrich fällt nicht auf den komödiantischen Anschein herein, den Hugo von Hofmannsthal vorzaubert und den Richard Strauss mit Zeigefinger-Ironie – man denke nur an den Einsatz des Harmoniums oder der musikalischen Motive der Commedia-Truppe – unterstützt. Aber die Regie interessiert sich weniger für die Verwandlungen, die sich aus dem erzwungenen Kompromiss der „ernsten“ und der „leichten“ Muse ergeben: Der Komponist sieht, bezaubert von Zerbinetta, plötzlich alles „mit anderen Augen“; Dittrich dagegen will die Augen öffnen für die Unterdrückung der Kunst in der Neuzeit: Kai Wido Meyer gestaltet schwarz-weiße Video-Schlaglichter auf die Zensur für Michail Bulgakow, auf das Verhör Bertolt Brechts vor dem Ausschuss für „unamerican activities“ im Hollywood der McCarthy-Ära, auf Heiner Müller, der fragt, ob sich die Kunst nach dem Ende der DDR nun der kapitalistischen Ökonomie anpassen müsse. Und dazwischen zeigt der Komponist angewidert mit dem Finger aufs Publikum: „Und sie bestellen sich eine Affenkomödie“.

 

Stark konzipierte, mehrdeutige Bilder

Dass damit (auch) die aktuellen Zustände in Halle gemeint sind, macht ein Blick auf die schwarzen T-Shirts der Zerbinetta-Truppe klar: Hagen, Linz und eben auch Halle – die jüngsten Konflikte um die Finanzierung von Theatern und den – drohenden oder vollzogenen – Abbau von Kunst sind dort benannt. Servil verneigt sich die „Oper Halle“ (Matthias Koziorowski als Tanzmeister), trotzdem wird ihr der Mund zugeklebt. Am Ende bleiben der Komponist und Zerbinetta allein mit lauter Lautsprechern auf der Bühne, ein Bild, das zu Assoziationen einlädt, ohne sich festzulegen –eine der Stärken Dittrichs, weil er seine enigmatischen Bilder stark konzipiert, ohne sie in selbstreferenzielle Ästhetik oder selbstverliebte Privatmythologie abrutschen zu lassen. Die Musik, eine heilige Kunst? Das kommentiert die Bühne eindeutig und mit einem aufpuffenden Feuerwerk im Hintergrund.

Der zweite Teil, die Oper um Bacchus und Ariadne also, findet in einem silbrigen Traum-Kasten statt. Schwarze Schlieren auf Monitorschirmen, schwarze Tinte in Fenstern, in Videos herangezoomte, unnatürlich rosige Gesichter, eine Gruppe von David-Statuen, grelles Pink und sattstrahlendes Grün als Signalfarben der einander widerstrebenden Elemente dieser durch den Willen eines ahnungslosen Finanziers zusammengepressten Oper: Dittrich und Hannak öffnen viele Möglichkeiten, um in einem surrealen Raum Gedanken zu spinnen.

Auch jetzt geht es weniger um die große Verwandlung, die Ariadne vom Hang zum Tode weg in die Arme eines seinerseits geläuterten jungen Gottes führt. Dittrich konnotiert Bacchus eindeutig negativ: Er tritt auf wie ein Star, im Gegenlicht und im aufdringlichen Pink der Bühne, und regt die Glieder in göttlicher Lust, ohne an der im Primadonnen-Gewand (Kostüme: Anna Rudolph) erstarrten Ariadne Interesse zu finden. Die kauert sich an eine der David-Gestalten, letzter Anker einer Männlichkeits-Vorstellung, die später der Zergliederung anheimfällt. Aber Dittrich hat auch das humane Potenzial der Kunst im Blick, wenn die Paare auf der Bühne sich eng verschlingen wie Yin und Yang und von den Helferlein, die für den reichen Mann stehen, immer wieder getrennt werden. Der Schluss überrascht, ist aber folgerichtig: Der Komponist stürzt sich auf Ariadne, will sie erstechen, trifft aber sich selbst und sinkt ihr mit blutender Wunde in die Arme.

Das ist also keineswegs das abgehobene, publikumsferne Regietheater, das die Kritiker der Lutz’schen Konzeption unterstellen. Sondern Bühnenkunst vom Feinsten, mit souveräner Hand entworfen, geistvoll, metaphorisch, assoziationsreich; mit politisch konkreten Verweisen, aber keiner politisierenden Beschwernis; aus dem Stück entwickelt und ihm nicht übergestülpt. Der Beifall, der Jubel war wohl über die Anerkennung dieses geglückten Abends hinaus auch eine Solidaritätsadresse an das Team um Florian Lutz.

 

Schwächen im Orchester

Dem Vorwurf des Orchestervorstands, die Musik verkäme zur Nebensache, soll hier kein Vorschub geleistet werden: „Ariadne auf Naxos“ ist eine musikalisch hochkomplexe Angelegenheit, und da müssen sich die Mitglieder der Staatskapelle an die eigenen Nasen fassen. Wo sie Strauss‘ kraftvolle Farben pointieren, seine motivischen Beziehungsnetze auswerfen, seinen Leuchteglanz schimmern lassen könnten, wirken sie immer wieder zerfahren, im Klang pauschal, in den Übergängen zu wenig bewusst und im Ton wenig elegant wie die Violinen zu Beginn. Michael Wendeberg am Pult behält den Überblick und führt im zweiten Teil das üppig blühende Melos in sicheren Phrasierungen: Jetzt findet sich der Klang und beginnt zu glühen.

Anke Berndt und Jean Noël Briend bleiben als Ariadne und Bacchus fast durchweg unangestrengt und lassen sich von Strauss‘ exorbitanten Forderungen an Höhe, Tiefe und sattem Tonglanz nicht schrecken. Liudmila Lokaichuk bietet als Zerbinetta nicht nur das obligatorische glitzernde Koloraturen-Feuerwerk, sondern vertieft die Rolle im oft unterschätzten Vorspiel, weil sie ein sicheres Zentrum, eine zuverlässig auf dem Atem geführte Stimme und damit eine klangvoll-expressive Tonbildung einsetzt.

Für die zwischen rührender Unbeholfenheit und trotziger Ohnmacht agierende Svitlana Slyvia ist die Rolle des Komponisten stimmlich kein Paradestück: Auf Linie zu singen gelingt ihr selten, in der Höhe tut sie sich in angestrengt zerdrücktem oder gestoßenem Ton schwer; auch die Mittellage neigt immer wieder dazu, in erzwungenem Druck fest zu werden. Bewährte Sänger der Oper Halle wie Gerd Vogel (Musiklehrer), Robert Sellier (Scaramuccio), Rainer Stoss (Perückenmacher) und Ki-Hyun Park (Lakai/Tuffaldin), ergänzt durch den Gast Martin Gerke (Harlekin) halten das gesangliche Niveau auf respektabler Höhe.

Paul-Georg Dittrich zitiert auf seiner Homepage wie ein Leitwort einen Satz von Heiner Müller: „Theater, denen es nicht mehr gelingt die Frage: ‚Was soll das?‘ zu provozieren, werden mit Recht geschlossen. Ohne Konflikte kein Theater. Theater müssen Orte des Widerspruchs sein oder sie sind überflüssig.“ Diesen Anspruch hat die „Ariadne auf Naxos“ in Halle eingelöst. Entstanden ist eine ebenso sinnliche wie metaphorische, fragend offene wie ironisch mit den Themen spielende, handwerklich solide wie ästhetisch zum Staunen verführende Aufführung. Das Haus, an dem ab 2021 solches Theater gemacht wird, kann sich gratulieren. Halle wird es nicht sein.

 

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