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HACKSAW RIDGE – DIE ENTSCHEIDUNG

24.01.2017 | FILM/TV, KRITIKEN

FilmCover  Hacksaw Ridge~1

Filmstart: 27. Jänner 2017
HACKSAW RIDGE – DIE ENTSCHEIDUNG
USA, Australien  /  2016 
Regie: Mel Gibson
Mit: Andrew Garfield, Teresa Palmer, Hugo Weaving, Vince Vaughn, Sam Worthington u.a.

Mel Gibson war einst ein sehr berühmter, auch sehr interessanter Schauspieler, der mit den „Max Max“- und „Lethal Weapon“-Filmen Kult, Kassenstar und Publikumsliebling zugleich wurde. Als er begann, Regie zu führen, überraschte er mit starken, monumentalen Projekten – für „Braveheart“ bekam er zwei „Oscars“, als bester Regisseur und, er war auch der Produzent, für den besten Film.

Dann hat er sein Privatleben (mit Ehefrau und einer Anzahl Kindern) ebenso ruiniert wie seine Reputation, was ihn zu einer langen Pause zwang. Sein Comeback war holprig, als Schauspieler ist es ihm bis heute nicht wirklich gelungen, und zwei wenn auch starke Großfilme über Jesus Christus und über die Maya fanden zwiespältige Resonanz.

Nun hat Mel Gibson als Regisseur einen Film vorgelegt, der der amerikanischen Kritik Respekt bis fast Bewunderung abnötigte, und niemand wird behaupten können, dass „Hacksaw Ridge“ nicht ein „starkes Stück“ sei. Es ist auch ein vor Pathos glühender Film, vom Anfang bis zum Ende aufgeladen mit starken Emotionen, geradezu tremolierend erzählt. Aber alles andere würde die wahre Geschichte des Desmond T. Doss nur klein machen – und es ist einfach ein großes Stück Leben, das da auf der Leinwand fast in Form einer „Saga“ lebendig wird.

Dabei kam dieser Desmond aus einfachen Verhältnissen, man könnte die schlichten Eltern, den brutalen Vater, zerstört aus dem Ersten Weltkrieg heimgekehrt, und die fromme Mutter fast als „White Trash“ bezeichnen. Zumindest sind die Szenen der Jugend, wo Desmond und sein Bruder sich in einer Prügelei fast totschlagen, eindeutig in diesem Milieu angesiedelt. Wenn die Handlung zu dem Jugendlichen springt, versäumt das Drehbuch allerdings, die tiefe Frömmigkeit des „Sieben Tage Adventisten“ zu begründen, die für alles Weitere in seinem Leben bestimmend war.

Man begegnet dem jungen Mann, der sich in eine Krankenschwester verliebt und beschließt, sich als 23jähriger für den Kriegsdienst zu melden. (Laut Wikipedia wurde er einberufen, laut Drehbuch ging er freiwillig.) Und da ergab sich dann die „Komplikation“, die die Armee der Vereinigten Staaten vor ein schier unlösbares Problem stellte – dass ein Soldat zwar unbedingt seinen Dienst tun wollte, aber aus religiöser Überzeugung verweigerte, eine Waffe in die Hand zu nehmen.

Die Szenen im Ausbildungscamp sind lange: der Druck der teils brutalen Vorgesetzten, die Haltung seiner Kameraden, die versuchen, ihm sein Außenseitertum herausprügeln, schließlich der Prozeß, den die Army ihm macht und den sein Vater, in der Uniform des Ersten Weltkriegs, zugunsten des Sohnes entscheidet: Er darf in den Krieg… als Sanitäter seiner Einheit.

Der Rest ist Okinawa, mit einer Länge, Ausführlichkeit und Lautstärke, die die Nerven der Kinobesucher stark belasten. Aber Mel Gibson geht hier keine Kompromisse ein – Krieg ist Krieg in seiner ganzen Grausamkeit, und er spielt da nichts herunter: Die „Schlachtszenen“ sind keine Schlachtplatte, sondern ein Meisterstück. Außerdem begibt sich ja erst hier das Unikate am Schicksal dieses Desmond Doss. Denn als die Amerikaner, über Strickleitern aufsteigend, eine Hügelstellung nahmen, lagen am Abend der ersten Schlacht, als die Überlebenden den Rückzug zum Strand antraten, noch Dutzende von verletzten amerikanischen Soldaten auf dem Schlachtfeld, zum Tod verurteilt, sei es durch die Japaner, sei es durch ihre Wunden. Doss trug sie einzeln auf seinem Rücken zum Abgrund, seilte sie ab und brachte sie in  Sicherheit – einen und noch einen und noch einen, es heißt, dass es 75 im Ganzen waren. Männer, deren Leben er gerettet hat.

Im Nachspann erzählt der uralte Doss in persona (er starb 2006) noch in ein paar Sätzen von seinem Einsatz, und auch der eine oder andere, der ihm sein Leben verdankte, singt sein Loblied. So rundet Mel Gibson seine „wahre Geschichte“ mit Doku-Material ab, wie es bei Filmen dieser Art, die auf wahren Begebenheiten basieren, üblich geworden ist.

Wie Gottes reiner Tor steht Andrew Garfield mit schiefem, unsicherem Lächeln als Desmond T. Doss da und ist dennoch von einer Stärke und Unerschütterlichkeit, die man einem schmalen jungen Mann erst glauben muss – und in diesem Fall glaubt. Auf ihm ruht der Film mit seiner an sich verrückt abweichenden Verhaltensstudie ebenso wie in dem Heldenumriß, den Gibson als Regisseur so stark, so überstark betont. Die Golden Globe-Nominierung als Bester Hauptdarsteller war mehr als verdient.

Das triefende Pathos, das Gibson hier abfordert, bringen alle Darsteller, die sich der Stärke ihrer Figuren nicht schämen: Teresa Palmer als die so reizende und gleichzeitig so starke Krankenschwester Dorothy, Hugo Weaving als zerstörter Vater, der seine kranke Seele zelebriert, Rachel Griffiths als hilflose, händeringende Mutter.

Und die Offiziere – Vince Vaughn als Ausbildner mit dem üblichen Gebrüll und üblichen Sadismus (auch er wird in Okinawa von Doss vor dem sicheren Tod gerettet), Sam Worthington als Mann der höheren Ränge, der angesichts dieses Doss ein Problem lösen muss, für das die Army keine Regeln vorgegeben hat.

Das ist sicher kein Film für jedermann, und man soll sich vorher fragen, ob man die Nerven für die Kriegsszenen hat, ob man das Problem ausreichend interessant findet, ob man so viel Tremolo verträgt. Wenn man sich aber dann doch für diesen Film entschließt – dann, ja dann ist er ein Erlebnis.

Renate Wagner  

 

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