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GYÖR/ Ungarn: 17. UNGARISCHES TANZFESTIVAL IN GYÖR – Aspekte auf Menschlichkeit

20.06.2022 | Ballett/Tanz
  1. Ungarisches Tanzfestival in Györ: Aspekte auf Menschlichkeit (13. bis 19.6.2022)

Hier  Österreich, dort Ungarn – der Unterschied in der aktuellen Tanzszene ist ein frappierender. Im heimischen Kulturkonsum wird von den Veranstaltern – als Musterbeispiele die Wiener Festwochen oder die sommerliche ImpulsTanz-Reihe – beinahe ausschließlich auf künstlerische Einkaufskultur gesetzt. Kleinere Kompanien werden zu kurzen Gastspielen geholt, und in den Ballettensembles der diversen Theater in den Bundesländern sind genauso wie in Wien Tänzer aus den verschiedensten Nationen doch kaum noch heimischer Eigenbau engagiert. Ein Ankämpfen gegen diesen Trend mit gezielten Förderungen der Entwicklungsmöglichkeiten für die eigene Jugend ist zur Zeit nicht zu erkennen.

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 Credit: Györi Ballet    

Völlig anderes sieht es im Nachbarland aus. Magyar Táncfestivál, das 17. Ungarische Tanzfestival im nahen Györ, dem vormaligen habsburgischen Raab, 1998 vom damaligen Ballettchef János Kiss gegründet, mag als Musterbeispiel einer anderen, einer auf den Aufbau des eigenen Potentials ausgerichteten Kulturpflege als beachtenswert anzusehen sein. Das Györi Balett, das international reisende Tanzensemble des Theaters der Stadt, ist unter der derzeitigen Leitung von Choreograph László Velekei völlig auf das Schaffen neuer Kreationen ausgerichtet. Und auch im einwöchigen extrem dichten Festival-Angebot mit aus Budapest und anderen Städten angereisten Kompanien sind ausschließlich diverse Abarten des Modern Dance geboten worden. Der zeitgenössische Tanz wird als vitales Ausdrucksmittel voll angenommen. Doch auch ….. ja, der Volkstanz. Die Pflege der Folklore hat einen ganz anderen Stellenwert als in österreichischem Lande. Das traditionelle Brauchtum, getragen von einer vielschichtigen und stets rassigen, ins Blut gehenden Volksmusik, gesungen wie getanzt, ist als hochkulturelle Erbschaft wie als fruchtbarer Nährboden auch bei diesem Tanzfest ausführlich gepflegt worden. 

In der Revue der präsentierten zeitgenössischen Ensembles wie der Compagnie Pal Frenak mit „Secret Off_Man“ und einer extrem intensiven Tanzsprache mit ständigen Gefühlsausbrüchen, dem Budapester Tanztheater („Aurevoir en l‘air!“), den in der Choreographie von Attila Egerházi schon allzu lebhaft herumschwirrenden „Schmetterlingen“ des Ballett Theaters Székesfehérvár, der Yvette Bozsik Company („Clown Wanted“, resignierende alte Clowns) oder dem kraftvollen Kriegstanz von sechs Amazonen der Gangaray Dance Company in „Agora“ lassen sich durchaus gemeinsame Merkmale im Schaffen der heutigen ungarischen Choreographen herauszulesen. Zuerst einmal die Hingabe, das völlige Aufgehen in die gestellte Aufgabe. Weg von der Klassik. Dabei ist ungemein impulsive Dynamik zu bewundern. Wie auch das beherrschte Handwerk, die ausgelebte Phantasie in der Gestaltung. Mit doch recht zahlreichen auffallenden Ähnlichkeiten wie sich stark wiederholende und meist überlang ausgespielte synchron tanzende Formationen in kleineren Gruppen. Oder oft unerwartete blitzschnelle Schwenkungen in den Bewegungen. Man fühlt sich aber auch, offensichtlich  gar nicht so unwohl, gymnastisch super fit, auf dem Boden heimelig. Und die unterlegte Musik: In jeder der Piecen üben die überwiegend elektronisch manipulierten Klänge, freilich auch mit zuviel Repetitionen eindringlich die Ohren betäubend, eine ungemein atmosphärische und antreibende Wirkung aus. Doch solch eine ätherisch-musikalische Verinnerlichung, welche zuvor etwa mit vertanzten Kompositionen von Bartók oder Strawinski, Schostakowitsch gegeben war, wird jetzt nur in wenigen Momenten spürbar. 

Die Thematik dieser ungarischen Tanzstücke hat sich auch klar erkennbar zu sozial ausgerichteten Aussagen hin entwickelt. Beinahe immer ist die Bemühung um Aspekte an Menschlichkeit erkennbar gewesen. Sehr schön nobel und elegant vorgeführt etwa von der jungen Choreographin Beatrix Csák für das exzellente kleine Ensemble Éva Duda Co. in „Golden Section“. Ein wahres Poesiestück. ‚Ich werde frei sein‘ …. im individuellen Denken, in der Partnersuche, in der sexuellen Zuwendung, in der Promiskuität, im Zusammenfinden in der Gemeinschaft. Solch ähnliche Manifestationen sind in beinahe allen dieser neuen Werken gegeben.  

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Das Györi Ballet auf einem „Weg zum Himmel“. Credit: Györi Ballet        

Ein gewagtes Husarenstück hat sich Györs Ballettchef Laszlo Velekei mit seinen Tänzern ausgedacht. Am Beginn choreographierte er eine Ode an die Liebe: „Ein Weg zum Himmel“ ist nicht vorgegeben, die richtige Liebe ist nicht so leicht zu finden. Verführungen ist der Mensch ausgesetzt. Wahre Zuneigung kann aber doch die Herzen erreichen. Der wohlige Pop-Gesang von Jamie Winchester (Ungar – mit britischen Wurzeln) lässt diese spielerische Story mit Charme und romantischer Ader in Glücksgefühlen aufgehen. Konträr, aber schon extrem konträr, hierauf an einem Abend im Keller der Studiobühne Velekeis „Verletz mich nicht!“ Der grelle Aufschrei eines Mädchens, welches von ihrem Vater wiederholt sexuell missbraucht wird.

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Credit: Györi Ballet    

Das Trauma der Vergewaltigung, der Schmerz der hilflosen Mutter, die mitleidlose Triebhaftigkeit des Vaters. „Sei nicht so scheu!“ sind dessen abschließenden kalten Worte. Dieses intime Psychodrama ist so ergreifend dargestellt worden, dass sich weder die Tänzer noch das Publikum der Berührung zu entziehen vermochten.

Eine Táncfesztivál-Gala darf natürlich nicht fehlen. Aber … nicht die Stars sind angetreten, sondern Studenten der Ballettschule der Kompanie durften ihr Können zeigen. Beethovens „Ode an die Freude“ passt da gut hinein. Und wenn der geschulte Nachwuchs sich an Robert Norths sensitiver Schubert-Paraphrase „Der Tod und das Mädchen“ erproben darf, so kann auf ein hohes Niveau der Ausbildungsklassen hingewiesen werden. Und weiter: Feine Studio-Arbeiten der Györi Ballet-Mitglieder Sebestyén Bálint und Luigi Iannone oder schließlich Sol Leóns und Paul Lightfoods ironisches Mambo-„Sad Case“-Quintett mit TänzerInnen des Magyar Nemzeti Ballet (= das Budapester Opernballett) oder noch der artistischen Show von Recirquel Cirque Danse. Vor allem aber: Die Stadt lebt mit. Getanzt wird auch am Platz vor dem Theater auf einer aufgestellten Bühne. Von Alten, von Jungen und wie von ganz Kleinen. Übrigens: Auch eine Schiene mit Tanzstücken für Kinder, ein ‘Mini Fesztival‘, hat im großen Angebot  nicht gefehlt. Und da ging es schon ein bisschen in Richtung poppig hin.  

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Copyright: Szabo Bela/ Györi Ballet    

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Ein Stück für Kinder des Tanzensembles aus Háromszék. Credit: Györi Ballet

 

Meinhard Rüdenauer

 

 

 

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