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GYÖR: PEER GYNT – der Antiheld im zeitgenössischen Licht

30.10.2022 | Ballett/Tanz

Györ

28.10.2022: „PEER GYNT“. – der Antiheld im zeitgenössischen Licht

Henrik Ibsen verfasste sein dramatisches Gedicht „Peer Gynt“ 1867 und bearbeitete es einige Jahre später als Bühnenfassung – die Uraufführung als Theaterstück erfolgte 1876. Bekannt ist auch die gleichnamige Musik von Edvard Grieg – zunächst als Musik zum Schauspiel entstanden und gemeinsam uraufgeführt, entstanden daraus die „Peer Gynt Suiten“ 1 (op. 46, 1888) und 2 (op. 55, 1891), die Konzertbesuchenden wohl vertraut sind. Aus der Ballettgeschichte hat man dann noch die Version von Edward Clug im Kopf, die er 2015 für das Ballett des Slowenischen Nationaltheaters Maribor geschaffen hat und das bereits auch von anderen Compagnien übernommen wurde, wie drei Jahre später dann auch vom Wiener Staatsballett.

Nun hat sich Laszló Velekei, der Ballettchef des Győri Balett, dieses Stoffes angenommen und seine Version vom armen Bauernsohn kreiert, der mit Phantastereien versucht, sein Leben und Handeln in günstigem Licht darzustellen und dahingehend von seiner dominanten Mutter Aase unterstützt und bestärkt wird. Thematisch ist er damit sehr aktuell, denn auch heutzutage mag manch eine oder einer versucht sein, sich besser darzustellen als eigentlich gegeben, wenn die Wirklichkeit nicht so ist wie gewünscht oder erhofft. Zu einer Musik-Collage, die auch Wasserglucksen und Ausschnitte aus Griegs Komposition enthält, gelingt es dem Choreografen mit seiner interessanten tänzerischen Umsetzung die Spannung zu halten und in diesem zweiaktigen Werk mit einer Pause die Reise Peer Gynts auf der Suche nach Liebe und Abenteuer nachvollziehbar zu machen. Die Handlung (Dramaturgie: Alexandra Csepi) entwickelt sich im Einheitsbühnenbild (Dekoration: Mara Bozoki, Szenerie: Lajos Katavics) mit Höhle wie Anhöhe und wenigen zusätzlichen Bühnenversatzstücken wie u.a. Tisch, Bett, Infusionsständer und Badewanne sowie viel freier Fläche für den Tanz (Kostümbildnerin: Gabi Győri, Kostüme: Rita Welich, Licht: Ferenc Stadler).

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Peer Gynt (Luca Dimic) als Außenseiter der Gesellschaft; Copyright: László Rakonczai

Im zeitgenössischen Bewegungsvokabular mit klassischen Elementen angesiedelt, gelingt es Velekei, das Ensemble jeweils als kompakten, oftmals bedrohlichen Pulk mit sparsamen, sich wiederholenden und sich tempomäßig steigernden Schritten zu charakterisieren oder in der lockeren Gruppe energievoll das Bühnengeschehen zu dynamisieren: als Rudel Hirsche, als aufgebrachte Dorfbevölkerung oder als Insassen im Irrenhaus. Dem gegenüber stellt er Peer Gynt, der als Aufschneider und Prahlhans sich seine Realität schön redet und so unbedarft durch seine Welt wandert. Er verliebt sich in Solveig, entführt Ingrid, trifft auf Naturwesen, landet im Irrenhaus und kehrt letztlich heim, wo ihn Solveig sehnsüchtig erwartet und er, aller schützenden Hüllen entledigt, in reiner Seele von ihr gerettet wird.

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Peer Gynt (Luca Dimic) im finalen Kampf mit dem Hirsch (Zoltán Jekli); Copyright:
László Rakonczai

Luka Dimic verkörpert diesen Antihelden und überzeugt in der Titelpartie durch Präsenz und Intensität in der Rollengestaltung. Als Gegenspieler für Peer Gynt ist Zoltán Jekli der übermächtige Hirsch. Matuza Adrienn ist als Aase die starke und ihn behüten wollende Mutterfigur, Eszter Herkovics die sanfte, geduldig wartende Solveig, Gerda Guti die kokette, sich Verführen lassende Ingrid und Daichi Uematsu der betrogene Verlobte. Krisztián Horvath gibt den Oberarzt im Irrenhaus, Eszter Kovács ist die grüngekleidete Frau. Die Opernsängerin Audrey Gábor sorgt mit ihrer Gesangseinlage für den finalen versöhnlichen Ausklang, wenn Peer Gynt und Solveig vereint sind. Die Compagnie zeigt vollen Einsatz und hinterlässt einen sehr stimmigen Gesamteindruck. Viel und langanhaltendere Applaus, auch für die im Anschluss an die Premiere auf offener Bühne bekannt gegebenen Preisträgerinnen und Preisträger: Kardirex-Award Holder ist Tatiana Shipilova und der Audi Award for Quality Dance Art  wurde Luca Dimic verliehen.

Ira Werbowsky     

 

 

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