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GYÖR/ Nationaltheater: „THE WAVES“/“MIMI“. – beeindruckende Ballettpremiere in Győr

14.11.2021 | Ballett/Tanz

Győr/ Nationaltheater/ 13.11.2021: „THE WAVES“/“MIMI“. – beeindruckende Ballettpremiere in Győr

Nach der erfolgreichen Premiere dieser zwei neuen Piecen im Győri Balett im September in Budapest, kam die aktuelle Produktion nun im Nationaltheater in Győr zur Erstaufführung, um auch dem eigenen Publikum die Compagnie mit diesen beiden Werken der zwei Choreografen des Hauses zu präsentieren: Ballettdirektor László Velekei und artistischer Direktor András Lukács stellten damit ihre neuesten Werke vor.

László Velekei wurde 2020 als Nachfolger von János Kiss zum Chef der Balletttruppe in Győr ernannt. 1997 als Tänzer ins Ensemble eingetreten, konzentrierte er sich vor allem seit der Beendigung seiner tänzerischen Laufbahn aufs Choreografieren und schuf bereits viele Werke, die alle national Beachtung fanden und auch auf Gastspielen gezeigt werden. Neben kurzen Stücken wie „Romantik“ zu Kompositionen von Zoltán Kodály (2017) schuf er auch Handlungsballette, darunter die Tanzstücke „The Scarlet Letter“ (2017, nach dem Roman von Nathaniel Hawthorne) oder „Anna Karenina“ (2019) sowie „GisL“ (2020, nach dem romantischen Klassiker, allerdings zu Musik von Félix Lajkó). Mit „Mimi“ bearbeitet er die 1916 veröffentlichte Geschichte „Der Wunderbare Mandarin“ von Menyhért Lengyel. Mit Zsuzsa Jónás als Assistentin und Dramaturgin Alexandra Csepi gestaltete Gabi Győri das Bühnensetting und zeichnete Ferenc Stadler für das Licht verantwortlich. Zu Kompositionen von Max Richter versetzt László Velekei die Handlung ins Drogenmilieu und als Ort in eine triste U-Bahn-Station, in der die drei Ganoven ihr Unwesen treiben und das Mädchen Mimi zwingen, Freier anzulocken, die sie dann ausrauben und ermorden. Zwischen Realität und Drogenrausch, zwischen Traum und Wirklichkeit, Sehnsucht und Verlangen dreht sich das Geschehen um Mimi, das Objekt der Begierde. Packend die tänzerische Umsetzung durch Adrienn Matuza als Mimi, Richard Szentiványi als Freier sowie Luka Dimic, Zoltán Jekli und Luigi Iannone als die drei Kriminellen. Herausragend Daichi Uematsu als Mandarin – der Tänzer studierte an der Wiener Staatsoper Ballettschule in Wien und ist seit 2010 in der Company von Győr engagiert.

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Virginia und ihre Todeswelle: Tetiana Baranovska und Patrik Engelbrecht. Copyright: Kriszta Csendes

Den Abend leitete „The Waves“ von András Lukács ein. Er hat 2020 seine Tänzerkarriere im Wiener Staatsballett beendet und ist seit damals artistischer Direktor beim Győri Balett. Als Choreograf hat er sich bereits international einen Namen gemacht – bei uns sind u.a. „Tabula Rasa“ (2006; Musik: Arvo Pärt), „Duo“ (2009, Musik: Max Richter), „Bolero“ (2012, Musik: Maurice Ravel), „The White Pas de deux“ (2013; Musik: Pjotr. I. Tschaikovski), „Movements to Strawinski“ (2017; Musik: Igor Strawinski) und der Pas de deux „Luminous“ (2019, Musik: Max Richter) im Repertoire des Wiener Staatsballetts.

Seit er den Film „The Hours“ mit Meryl Streep und Nicole Kidman gesehen hat, beschäftigt er sich mit der Person der Schriftstellerin Virginia Woolf, die ihn sehr beeindruckt hat. Sie hatte befürchtet wieder einen psychotischen Schub zu erleiden und erneut Stimmen zu hören und wollte das sich und ihrem Gatten ersparen, das erneut zu durchleiden. Sie verübte daher am 28.3.1941 im Fluss Ouse Selbstmord, indem sie die Taschen ihres Mantels mit Steinen beschwerte. Zuvor schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihren Mann Leonard, der auch im Programmheft abgedruckt ist und im Stück von der Schauspielerin Gillian Andersen – bekannt aus der TV-Serie „Die Akte“ – gelesen wird, als Teil der Musikstücke von Max Richter, der 2017 sein Album Three Worlds: Music From Woolf Works veröffentlichte, das Kompositionen aus der Partitur für das Ballett „Woolf Works“ von Wayne McGregor umfasst.  Ursprünglich schuf András Lukács  2005 den „Whirling Pas de deux“ für das Wiener Staatsballett zu Musik von Philipp Glass, fünf Jahre später erweiterte er seine Choreografie zu Whirling“ für das Ungarische Nationalballett. Jetzt entwickelte er seine Grundidee weiter, indem er seine früheren Teile ergänzte und in den drei Abschnitten „Virginia“, „Voices“ und „Waves“ zu „The Waves“ zusammenführt. Er setzt sich so in der ihm eigenen Bewegungssprache mit den letzten Momenten im Leben der Virginia Woolf auseinander. Der ruhig-fließende, ästhetisch-elegante Bewegungsstil mit zahlreichen interessanten Verschlingungen der Paare ebenso wie die Wechsel der Formationen und Auflösungen des die Linien des Wassers darstellenden Ensembles vertiefen die Tragik des Geschehens, wird doch die Darstellung der sie verschlingenden Wellen durch die sich auftürmenden Wassermassen und des in die Tiefe Abgleitens im Video von Glowing Bulbs auf der Bühnenrückwand gezeigt und damit eindringlich ins Bild gesetzt.

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Foto zu „Mimi“: Das Objekt der Begierde (Adrienn Matuza), der Mandarin (Daichi Uematsu ) und die 3 Halunken: Luka Dimic, Jekli Zoltán und Luigi Iannone. Copyright: András Bánkúti

Die Kostümideen von András Lukács werden von Ildikó Tóthné Preisinger umgesetzt; Dániel Dragos setzt alles in passendes diffuses Licht und Zsuzsanna Kara betreut als Assistentin von András Lukács das Stück. Grandios hier Tetiana Baranovska als Virginia. Ihr Ringen um den Abschied von ihrem Mann, das Treiben und das Umspültsein im Wasser werden von ihr eindringlich dargestellt. Patrik Engelbrecht ist ihre todbringende Welle; tänzerisch unterstützt im Sog des Untergehens von den sechs Paaren Gerda GutiArtem Pozdeev, Adria Eszter HerkovicsHenrique Thales, Diána Gyurmánczi –  Bánk Teglas, Tatiana ShipilovaMáté Gémesi, Lili Anna MarjaiBence Kaszab sowie Joó Lea NapsugárRichard Szentiványi. Als die Stimmen, die sie hört und gegen die Virginia ankämpft, sind  Richard Szentiványi, Bánk Teglas, Henrique Thales und  Máté Gémesi zu sehen.

Vom Publikum kommt starker und langanhaltender Beifall für das Gesehene. Vor Vorstellungsbeginn wird  Szabina Cserpák, die 27 Jahre lang als Tänzerin Mitglied im Győri Balett war, von Ballettchef László Velekei mit einem Strauß Blumen verabschiedet. Im Anschluss an die Premiere erfolgt auf offener Bühne die Verleihung des Audi Award “Minőségi Táncművészetért Díj” an Adria Eszter Herkovics als herausragender Tänzerin.

Ira Werbowsky

 

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