Győr / Nationaltheater: „LOVEre“. 17.10.2026 – Wenn nachts das Museum zum Leben erwacht (Uraufführung)
Was nachts in einer Bildergalerie passieren könnte, wenn die Säle sich geleert haben und alle Besuchenden gegangen sind, hat sich der junge Choreograf Mateo Mirdita zum Thema für sein aktuelles Werk „LOVEre“ gemacht. Vielleicht treten die abgebildeten Personen aus ihren Gemälden heraus und die Skulpturen beginnen zu atmen – es öffnet sich eine Welt der Visionen und Träume, wenn die Ordnung der Realität ins Wanken gerät. In tragik-komischen wie skurrilen Szenen in dichter und dynamischer Abfolge verwebt er die Begegnungen der Menschen, die die Gemälde betrachten mit den lebendig gewordenen Ausstellungsobjekten. In der Intention des Choreografen entsteht eine innere Landschaft, umso tiefer in diese Räume eingedrungen wird. Die einzelnen Kunstsparten – Bildende Kunst, Musik und Tanz verweben sich miteinander, die Grenzen verschwimmen zwischen dem, was der von außen Betrachtende sieht und dem, was in uns existiert. Es geht um die Begegnung von Kunst und Leben, Realität und Imagination, dem Menschlichen und dem Ewigen. Ausgehend von einer rastlosen Gesellschaft, die vom Motor ihrer Zeit angetrieben wird, will der Choreograf verdeutlichen, wonach die (junge) Generation auf der Suche ist. In ihrer Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit, stets dem Druck der äußeren Anforderungen in einer schnelllebigen Welt ausgesetzt seiend, um zu bestehen, ist die Sehnsucht und das Verlangen groß, zu suchen und zu finden, zu fühlen und zu verstehen, zu erschaffen und zu erinnern, zu träumen und zu erleben.

Das Ensemble in Action (© Csapó Balázs)
Der gebürtige Albaner, der bereits mit sieben Jahren nach Italien zog und dort seine Tanzausbildung an der Dance Arts Faculty in Rom erhielt, tanzte im Balletto di Roma und im Spellbound Contemporary Ballet. Seit der Spielzeit 2024/25 ist er Mitglied des Ballett Augsburg. Zusätzlich zu seiner Tänzerkarriere hält er Workshops, arbeitet in verschiedenen Projekten in Italien und choreografiert.
Mit „LOVEre“ hat Mateo Mirdita mit seinem Team –Nikolett Bati (Kostüme), Kada Horváth und Tamás Vargha (Bühnensetting, wobei letzterer auch für das Lichtdesign zuständig ist) sowie den Assistentinnen Asja Marabotti und Krisztina Szőllősi ein zweiteiliges Stück geschaffen, in dem er Szenenfolgen aneinanderreiht, um temporeich durch diese Empfindungen zu führen und in poesievollen Momenten inne zu halten. Als Ort des Geschehens findet man sich in einem Kunstmuseum wieder, in dem großformatige Gemälde von Caravaggio hängen. Einige originelle Einfälle wie u.a. der enthusiastische Guide, der den Kunstinteressierten ein Gemälde erläutert, zwei Unbekannte, die einander auf der Suche nach dem WC begegnen oder die unermüdlich putzende Reinigungskraft sind als treffliche Beobachtungen aus dem Leben gegriffen. Sein zeitgenössischer Bewegungsstil enthält auch klassisches Schrittvokabular. Die Verbindung vom ersten zum zweiten Teil erfolgt durch eine Szene mit der Champagner trinkenden unglücklichen Opernsängerin, die in der Pause im oberen Theater-Foyer an einem kleinen Tisch sitzt und dann nach Ende der Pause den bereits dunklen Zuschauerraum betritt, um dort auf dem Weg zur Bühne von gleißendem Scheinwerferlicht begleitet zu werden.
Die verwendete Musikcollage (David Nigro) lässt Vielfältiges hören, u.a. Mozart, Oper (in einer Aufnahme mit Sopran Jihyun Cecilia Lee), französisches Chanson (mit Edith Piaf), Rossini und ein Lacrimosa darf auch nicht fehlen.

Das Ensemble als lebendig gewordene Kunst nachts im Museum (© Csapó Balázs)
Die Compagnie agiert in dichter, dynamischer Kompaktheit und bietet eine starke Leistung in dieser vom Tempo her fordernden tänzerischen Umsetzung. Das Ensemble bewegt als dicht gedrängter Pulk oder in wechselnden Formationen, entweder synchron oder im Kanon versetzt und erzielt spannende Eindrücke. Solistisch hervorzuheben sind Rebeka Szendrey (Frau im roten Kleid 1) und Eszter Adria Herkovics (Frau im roten Kleid 2), Ábel Önódy (Security 1) und Zoltán Jekli (Security 2), Eszter Kovács (die Opernsängerin), Patrik Engelbrecht (der gefallene Engel), Barbara Túű (Reinigungskraft) und Gerda Guti (Frau mit Kopfhörern). Margarida Filipe und You Wangzhe gefallen mit dem Waschraum-Duett, Daichi Uematsu und Richard Szentiványi bestreiten das David und Goliath-Duett.
Große Begeisterung und Jubel beim zahlreich erschienenen jugendlichen Publikum, das sich vom Gesehenen besonders angesprochen gefühlt hat. Insgesamt gab es viel Beifall für diese Uraufführung.
Im Anschluss an die Premiere wurde auf offener Bühne von Kinga Németh, Mitglied des Audi-Vorstands, zuständig für Personal und Organisation gemeinsam mit dem Ballettdirektor des Győri Balett, László Velekei der diesjährige Audi Award for Quality Dance Art an Eszter Kovács vergeben. Dieser Award wird seit 2014 an Mitglieder des Győri Balett als Würdigung für herausragende Leistungen und exzellentes tänzerisches Potenzial verliehen.
Ira Werbowsky

