Online Merker Logo

Die internationale Kulturplattform

GUSTAV MAHLER /arr. Schoenberg: DAS LIED VON DER ERDE / LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN- NAXOS CD

21.10.2016 | cd

Gustav Mahler /arr. Schoenberg: DAS LIED VON DER ERDE, LIEDER EINES FAHRENDEN GESELLEN – NAXOS CD

0747313353675

 Schoenberg gründete 1918 den Verein für musikalische Privataufführungen mit dem Ziel, das Publikum mit moderner Musik vertraut zu machen. Alban Berg hat dazu ein quasi protokollarisches Verfahren entworfen. Ganz formell und streng wurde jeder „korrumpierende Einfluss an Publicity“ ausgeschaltet, indem Konzerte und deren Programme nicht öffentlich angekündigt, Beifallens- und Missfallenskundgebungen vor während und nach des Konzerts strengstens untersagt und auch Kritiker nicht willkommen waren. Die Programme wurden nicht angekündigt, um das Publikum nicht dadurch vom Kommen abzuhalten oder dazu anzustacheln. Spannend! 

Nun, während des dreijährigen Bestehens fanden rund 100 Konzerte statt, in der die Musik von Bartók, Berg, Busoni, Debussy, Ravel, Reger, Schoenberg, Scriabin, Stravinsky, Szymanowski, Webern, Wellesz, Zemlinsky und eben auch Mahler aufgeführt wurden. Da es sich um private Veranstaltungen handelte, konnten große Orchesterwerke nicht in Originalbesetzung, sondern nur in von Schoenberg oder seinen Schülern angefertigten Bearbeitungen realisiert werden. Große Symphonien wurden also für Klavier vierhändig oder für zwei Klaviere arrangiert bzw. für Kammerorchester, bestehend aus Klavier, Harmonium, Flöte, Klarinette, Streichquartett und gelegentlich für andere Instrumente eingerichtet.

Schoenberg liebte Mahlers Musik und bezeichnete Mahler in seinem Aufsatz „In Memoriam“ sogar als Heiligen, was auch ganz vorzüglich in den auf der neuen NAXOS CD publizierten Aufnahmen zum Ausdruck kommt. Die Bearbeitung der Partitur der Lieder eines fahrenden Gesellen besorgte Schoenberg großteils selbst, und er verwandelte sich Mahlers Prinzip der Teilung der Instrumentierung in Bläser und Streicher an. Klavier und Harmonium steuern ungeahnte Klangeffekte bei, die vor allem beim dritten dramatischsten Lied „Ich hab‘ ein glühend Messer“ für aufregende Hörerlebnisse sorgen. Die intime Instrumentierung intensiviert teils sogar die lautmalerischen Effekte, die Gestaltungskraft des Solisten ist stärker gefordert wie sonst. Roderick Williams singt diese Lieder nicht balsamisch, aber mit hoher Musikalität und Ausdruckskraft. Sein charaktervoller, auch in der Höhe stets frei ansprechender Bariton, ist ein Idealfall für die Vermittlung der Freuden und Leiden des Wandermanns. Der Dirigentin JoAnn Falletta, dem Attacca Quartett und den Virginia Arts Festival Chamber Players sind höchstes Lob und Anerkennung für eine gefühlvoll musizierte und dennoch klar strukturierte Wiedergabe zu zollen.

Schon schwieriger war es für Schoenberg, das komplex und dicht instrumentierte Lied von der Erde adäquat zu bearbeiten, Nach einer bestimmten Zeit übergab er an seinen Schüler, die sich an diesem hochkomplexen Zyklus beweisen  mussten. In der Transkription kommen die Urgewalten im Trinklied vom Jammer der Erde weniger scharf zum Ausdruck, obwohl das Standard-Ensemble des Vereins (Fagott, Horn, Harmonium, Celesta, Streichquartett, Schlagzeug) um doppelte Flöten und Oboen, Piccolo, Englischhorn und zwei Klarinetten erweitert wurde. Wegen dieser „großen Besetzung“ als auch der dadurch anfallenden hohen Kosten bei galoppierender Inflation 1921 wurde Schoenbergs Arrangement wahrscheinlich nie im Verein aufgeführt. Der Verein gab auch 1921 seine Tätigkeit auf.

Dasselbe formidable Team wie bei den Liedern eines fahrenden Gesellen hat nun auch das Lied von der Erde eingespielt. Die Solisten sind der Tenor Charles Reid und die Mezzosopranistin Susan Platts. Während Reid seinen zugegeben von der Tessitura her extrem hochgelegenen Part eher mit Kraft, Stentortönen und Metall als mit federnder Elastizität und dynamischer Differenzierung absolviert, steht Susan Platts mit wunderbar warm timbrierter Stimme und elegischen Legatobögen ganz in der Tradition einer Kathleen Ferrier, Maureen Forrester oder Janet Baker. Den Abschied singt Susan Platts betörend schön mit leuchtenden Kuppeltönen, textdeutlich und emotional höchst engagiert. Die luftigere Textur wäre ja auch dem Tenor entgegengekommen, vielleicht hätt man diesen Part „leichter“ besetzen sollen. Der Duktus des Arrangements hält sich von der Stimmung her an Mahlers Intentionen, das Schlagzeug sorgt noch für eine zusätzliche „chinesische“ Note.

Eine Empfehlung für alle Freunde der Musik Mahlers, die ihren altbekannten Einspielungen dieser zwei Spitzenwerke eine außergewöhnlich intim instrumentierte, durchwegs auf hohem Niveau musizierte Version hinzufügen möchten.

Dr. Ingobert Waltenberger

 

 

Diese Seite drucken