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GUNDERMANN

13.09.2018 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 14. September 2018
GUNDERMANN
Deutschland / 2018
Regie: Andreas Dresen
Mit: Alexander Scheer, Axel Prahl, Milan Peschel u.v.a.

Im Arbeiter- und Bauernstaat der DDR war Gerhard „Gundi“ Gundermann (1955-1998) von Beruf Baggerfahrer in einer Lausitzer Braunkohlenzeche. Aber er war auch Liedermacher und Sänger, der den Alltag reflektierte – aber nicht so aggressiv, dass die DDR ihn nicht akzeptieren konnte. Im Gegenteil, ihn als Aushängeschild zu benützen und sogar im feindlichen kapitalistischen Ausland gastieren zu lassen, kam ihnen gerade recht. Allerdings um den Preis, dass er – man hat ihm diese Tätigkeit verharmlost und verzuckert dargestellt – der Stasi über seine Kollegen in der Band berichtete. Über alles, jede Kleinigkeit, wie unwichtig sie auch scheinen mochte…

Der Film von Andreas Dresen, der selbst in der DDR aufgewachsen ist und sich dort auskennt, reflektiert das deutsch-deutsche Schicksal Gundermanns nach einem bemerkenswerten, ausgewogenen Drehbuch von Laila Stieler, das nichts beschönigt, aber auch nichts dramatisiert. Im Gegenteil – hier offenbart sich die Selbstverständlichkeit, mit der die Stasi im damaligen Leben der DDR-Bürger gegenwärtig war. Hier lernt man begreifen, wie die Menschen versuchten, sich in dem System so einzurichten, dass es ihnen möglichst wenig wehtat. Und wie ein Mann wie Gundermann in die Welt des Verrats schlittern konnte, wie man sich im Netz der Spinne verfängt, während rundum das „normale“ Leben weitergeht.

Der Film beginnt „nachher“, nach der Wende, als die DDR-Bürger Einsicht in ihre Stasi-Akten begehren konnten – und sich herausstellt, dass Gundermann nicht nur eine „Opfer“-, sondern auch eine „Täter“-Akte hatte. Rückblenden in die DDR-Zeit malen den armseligen Alltag, die Stulle aus der Plastik- oder der Blechbüchse, das Kumpels in der Zeche, die sich über schlechte Arbeitsbedingungen beschweren, ohne dass ihnen jemand zuhört, Gundermann, der singt: „„Ich wurde Bergmann wie mein Vater, aber mein Sohn wird mir kein Bergmann mehr sein.“ Alexander Scheer (der vor fast 20 Jahren in Leander Haußmanns heiterer DDR-Betrachtung „Sonnenallee“ mit dabei war) singt und spielt Gundermann mit der höchsten Selbstverständlichkeit, anfangs mit der Lockerheit des jungen Menschen, später mit den nach innen gefressenen Qualen über das, was er getan hat.

Damals bewirbt sich um die Aufnahme in die Partei, um es leichter zu haben, schwindelt ein bisschen über seine kommunistischen Ideale, die er gar nicht hat, aber sie nehmen ihn ohnedies nicht: „Du bist denen zu wild.“ Aber als ein Stasi-Führungsoffizier (Axel Prahl, ganz jovial, harmlos, aber nach der Wende ein Unbelehrbarer) ihm anbietet, mit seiner Band im nicht-sozialistischen Ausland zu gastieren, brauchen sie natürlich „einen Mann unseres Vertrauens“. Der über die Freunde „berichtet“… nur so Kleinigkeiten. Was sie halt so tun.

Freilich, als Gundermann das später, in BRD-Zeiten, einem Freund (Milan Peschel) gesteht, antwortet dieser: „Ich habe auch über dich berichtet.“ Das System scheint lückenlos gewesen zu sein. Und ging sehr weit – bis zu „Zerrüttungsmaßnahmen“, dass man dem Freund auftrug, Gundermanns Ehe kaputt zu machen…

Nachher freilich, als die Stasi-Aktien öffentlich werden, weht Gundermann der ganze harte Wind der Verachtung entgegen. Und ihm wird  klar, wie die Nebensächlichkeiten, die er berichtet hat, auch zur Vernichtung von Menschen beitragen konnten. Und dass er nur einer von vielen war, die sich ihrerseits vom System benützen ließen (Heiner Müller war auch Stasi-Spitzel, erfährt man). Wenn er „jetzt“ seinen damaligen Führungsoffizier wieder findet, der unerschütterlich an die alte Sache glaubt, hört er, dass er „einer meiner Besten“ war. „Aber ich war doch kritisch!“ „Sicher, das waren wir alle. Aber Du warst einer von uns.“

Für das wieder vereinigte Deutschland ist die DDR-Vergangenheit immer noch, nach bald 30 Jahren (!), ein heißes Eisen. Im Kino hat man über die „gute alte DDR“ am liebsten gelacht und die Parteibonzen und Funktionäre als Lustspiel-Trottel dargestellt, wenn es nicht 2006 als die große, gültige Abrechnung „Das Leben der Anderen“ (Oscar-gekrönt) gegeben hätte. Nun haben wir „Gundermann“ und sind dem Verständnis der DDR, dem Zwiespalt der damaligen Zeit um einiges näher gekommen.

Renate Wagner

 

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