Gstaad New Year Musical Festival 2025/2026 – Konzert vom 4. Januar 2026
Jakub Józef Orliński und Michał Biel am Klavier
Love and Fairies

Mit einem sorgfältig kuratierten Programm spannte der polnische Countertenor Jakub Józef Orliński gemeinsam mit dem Pianisten Michał Biel einen eindrucksvollen Bogen von barocker Affektrhetorik bis hin zur spätromantischen Liedkunst. Das Konzert erwies sich als ebenso virtuose wie feinsinnige Reise durch unterschiedliche Epochen und Ausdruckswelten.
Den Auftakt bildete Johann Sebastian Bachs Kantate „Widerstehe doch der Sünde“ (BWV 54). Bereits hier zeigte sich Orlińskis besondere Stärke: eine makellos geführte Stimme, die technische Präzision mit geistiger Durchdringung verbindet. Sein Countertenor besitzt eine bemerkenswerte Klarheit und Wärme, die der moralischen Strenge des Textes eine menschliche, fast intime Dimension verlieh. Michał Biel erwies sich dabei als sensibler Partner, der die kontrapunktische Struktur nicht bloss begleitete, sondern atmend mitgestaltete.
In den Arien Georg Friedrich Händels offenbarte Orliński seine grosse Affinität zur Opernbühne. „Un zeffiro spirò“ aus Rodelinda gelang leicht und schwebend, mit geschmeidigen Linien und eleganter Phrasierung. „Verdi prati“ aus Alcina hingegen war von schlichter, berührender Innigkeit geprägt – ganz ohne Sentimentalität, dafür mit feinem Gespür für Händels melancholische Klangsprache. Besonders überzeugend war Orlińskis Fähigkeit, Affekte nicht zu überzeichnen, sondern organisch aus dem Text heraus entstehen zu lassen.
Eine echte Entdeckung stellte die Arie „Dovrian quest’occhi piangere“ aus Luca Antonio Predieris Scipione il giovane dar. Hier verband sich vokale Brillanz mit dramatischem Ausdruck, wobei Orliński mühelos zwischen Klage und nobler Zurückhaltung changierte. Biel unterstrich die emotionale Spannung mit klarer Artikulation und feinem Gespür für harmonische Farbwechsel.
Mit Henry Purcells Liedern und Arien wechselte die Stimmung ins Englisch-Barocke. „Sweeter Than Roses“ erklang sinnlich und nuancenreich, während „What Power Art Thou“ aus King Arthur mit eindrucksvoller Klangmalerei überzeugte. Besonders der berühmte „Cold Genius“-Moment bestach durch kontrollierte Zurücknahme und subtile Expressivität. „If Music Be the Food of Love“ rundete diesen Teil mit lyrischer Leichtigkeit ab.
Einen markanten Kontrast bildeten die kurzen Lieder von Mieczysław Karłowicz. In diesen spätromantischen Mélodies zeigte Orliński eine andere Facette seines Könnens: dunklere Farben, grössere emotionale Spannweite und eine beinahe liedhafte Intimität. Die Vertonungen der Texte von Kazimierz Przerwa-Tetmajer wirkten nachdenklich, sehnsuchtsvoll und von stiller Intensität getragen. Biel erwies sich hier als besonders stilsicherer Interpret, der den pianistischen Raum weit öffnete.
Zum Abschluss kehrte Händel mit „Furibondo spira il vento“ aus Partenope triumphal zurück. Orliński liess noch einmal seine ganze Virtuosität aufblitzen: rasante Koloraturen, klare Artikulation und eine mitreissende Bühnenpräsenz setzten einen fulminanten Schlusspunkt.
Dieses Konzert zeigte Jakub Józef Orliński nicht nur als technisch brillanten Countertenor, sondern als vielseitigen, reflektierten Künstler. In enger Partnerschaft mit Michał Biel entstand ein Abend von hoher musikalischer Dichte, der lange nachhallte.
Marcel Emil Burkhardt

