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GSTAAD/Festival: LA BOHÈME. Grosse Stimmen und italienische Leidenschaft

22.08.2026 | Oper international

Puccinis «La Bohème» konzertant in Gstaad vom 21.08.2026 – Grosse Stimmen und italienische Leidenschaft

gsa
Carolina López Moreno als Mimi, Benjamin Bernheim als Rodolfo. Foto von Raphael Faux.

Puccinis «La Bohème» gehört zu jenen Werken, die keiner aufwendigen Inszenierung bedürfen, um ihre Wirkung zu entfalten. Gerade in einer konzertanten Aufführung rückt das in den Vordergrund, was diese Oper seit ihrer Uraufführung 1896 so unwiderstehlich macht: die unmittelbare Emotionalität der Musik, die grossen Melodiebögen und die enge Verbindung zwischen Singstimme und Orchester. Die szenische Einrichtung von Fabio Rickenmann beschränkt sich dabei auf das Wesentliche und überlässt der Musik den entscheidenden Raum.

Im Mittelpunkt des Abends steht Benjamin Bernheim als Rodolfo. Der französisch-schweizerische Tenor gehört seit einigen Jahren zur internationalen Spitze seines Fachs, und die Partie bietet ihm Gelegenheit, jene Qualitäten auszuspielen, die seinen Gesang auszeichnen: eine elegante Linienführung, ein leuchtendes Timbre und eine Höhe, die Kraft besitzt, ohne forciert zu wirken. Bernheim versteht es, Puccinis grosse Bögen auszusingen und gleichzeitig die lyrischen Feinheiten der Partie zu bewahren. «Che gelida manina» wird so nicht zur blossen tenoralen Schaunummer, sondern entwickelt sich organisch aus der Situation heraus. Gerade die Verbindung von vokaler Souveränität und differenzierter Gestaltung macht seinen Rodolfo zu einem zentralen wundervollen Ereignis des Abends.

An seiner Seite steht Carolina López Moreno als Mimì. Ihr Sopran besitzt die Wärme und lyrische Geschmeidigkeit, die diese Partie verlangt. In «Mi chiamano Mimì» kann sie die Schlichtheit der Figur ebenso zeigen wie später deren zunehmende emotionale Intensität.

Einen temperamentvollen Kontrapunkt setzt Sandra Hamaoui als Musetta. Ihre grosse Szene «Quando me’n vo’» verlangt nicht nur vokale Beweglichkeit und sichere Höhen, sondern auch Persönlichkeit und Ausstrahlung. Lodovico Filippo Ravizza steht ihr als Marcello zur Seite und vervollständigt gemeinsam mit Biagio Pizzuti als Schaunard und dem profilierten Bass Gianluca Buratto als Colline das Quartett der Bohémiens. Roberto Abbondanza übernimmt mit Benoît und Alcindoro die beiden charaktervollen Nebenrollen. Sie alle begeistern durch Spielfreude und professionellem Gesang. Die Ensembleleistung ist hervorragend umgesetzt.

Ein wesentlicher Protagonist des Abends ist das Gstaad Festival Orchestra. Puccinis Orchester ist weit mehr als Begleitung. Es trägt die Emotionen weiter, nimmt Gedanken der Figuren vorweg und lässt Erinnerungen wiederkehren. Marco Armiliato ist für dieses Repertoire ein nahezu idealer musikalischer Leiter. Seine jahrzehntelange Erfahrung an den grossen internationalen Opernhäusern zeigt sich insbesondere in seinem Gespür für die Sänger. Er kennt die Atemräume der Stimmen und weiss, wann das Orchester zurücktreten und wann es die ganze orchestrale Farbenpracht Puccinis entfalten darf. Das Gstaad Festival Orchestra folgt ihm aufmerksam und überzeugt sowohl in den kammermusikalisch transparenten Passagen als auch in den grossen orchestralen Steigerungen.

Im zweiten Akt erhält der Chor der Bühnen Bern seinen grossen Auftritt. Die Café-Momus-Szene verlangt Präzision, Beweglichkeit und klangliche Präsenz. Der Chor trägt wesentlich dazu bei, dieser Szene ihre Lebendigkeit und ihren festlichen Charakter zu verleihen.

Die Stärke dieser Gstaader «Bohème» liegt letztlich in der Konzentration auf Puccinis Musik. Eine konzertante Aufführung kann bei einem derart bekannten Werk sogar zum Vorteil werden: Keine Regieidee drängt sich zwischen Partitur und Publikum, keine Ausstattung lenkt von den Stimmen ab. Ein Abend, der einmal mehr zeigt, warum Puccinis «La Bohème» auch nach 130 Jahren nichts von ihrer Faszination verloren hat.

Das Publikum ist begeistert und verdankt den Abend mit stehenden Ovationen und anhaltendem Applaus.

Marcel Emil Burkhardt

 

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