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GRAZ/ Opernhaus: DER ROSENKAVALIER

15.05.2026 | Oper in Österreich

Graz: 13.05.: DER ROSENKAVALIER (Oper Graz)

Ob sich die betreffenden Häuser in Österreich untereinander diesbezüglich absprechen? … Jedenfalls ist nun, nach der Wiederaufnahme der bezaubernden J. E. Köpplinger-Produktion der Volksoper Wien und der Aufführungsserie aus der Sicht von H. Schneider in Linz (von der an der Staatsoper in die Hunderten gehenden Reprisen der ikonischen Fassung von O. Schenk aus den späten 1960ern gar nicht zu reden) auch an der Grazer Oper als drittem (oder eben viertem) österreichischen Haus der „Rosenkavalier“ zu erleben. Und ein Erlebnis ist die Inszenierung von Philipp M. Krenn allemal.

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„Blamage“ – Szenenfoto 2. Akt © Oper Graz/Herwig Prammer

Wiewohl man sich auf dieses Erlebnis durchaus einlassen muss, fordert Krenn doch die Sehgewohnheiten des Strauss-Liebhabers durch einige freche Gedankengänge ordentlich heraus, und man ist da und dort speziell durch häufige Wechsel der Orts- und Zeitebene vielleicht auch gelegentlich verwirrt (fast ohne Unterbrechung ist die Drehbühne im Einsatz, um bei jeder Wendung neue Szenerien freizugeben – zurecht stehen die im Dauereinsatz befindlichen Bühnenarbeiter am Ende auch vor dem Vorhang). Doch auch wenn hin und wieder weniger mehr gewesen wäre – etwa in der Ausgestaltung der „Wienerischen Maskerad‘“ im 3. Akt oder in der konkreten Zeichnung von Ochsens Kammerdieners Leopold: am Ende (und die Schlusspointe ist, so viel sei ohne zu Spoilern verraten, für sich genommen ein genialer Gedanke) erweist sich das Ganze zuletzt bei aller Ungewohntheit als weitgehend schlüssig, be- und des Nachdenkens wert und dem Anliegen des Autors und des Komponisten näher als man prima vista meinen würde. Denn beide hatten mit der Historizität des Maria-Theresianischen Rokoko bekanntlich nicht so viel am Hut, und so gerät die Verlegung der Haupthandlung in die Gegenwart einer noblen Hotel-Suite ebenso plausibel wie die Überblendung des 2. Aktes mit den Erinnerungen der Marschallin an ihre eigene Verschacherung „frisch aus dem Kloster“ an den Feldmarschall. Sehr penibel ist auch in der Personenführung gearbeitet worden (man muss angesichts einer gelegentlich zu wenig differenzierenden Kritik am sogenannten „Regietheater“ doch darauf hinweisen, welch hohe Anforderungen heute auch an die schauspielerischen Fähigkeiten der Sängerinnen und Sänger – bei gleichzeitiger musikalischer Qualifikation – gestellt werden). Die genial flexible und hoch atmosphärische Bühne von Momme Hinrichs und die geschmackvollen Kostüme von Eva Maria Dessecker tun das Ihre, um das nicht unriskante Projekt zuletzt zu einem verdienten Erfolg zu führen.

Musikalisch ist es eindeutig ein Abend der Damen, allen voran der jungen Mezzosopranistin Sofia Vinnik, die die fordernde Titelpartie mit Bravour bewältigt, mit saftiger Mittellage und kräftiger Höhe auftrumpft und, attraktive Erscheinung, die sie ist, in Spiel und Gesang jedes Gefühl des jungen Herrn an der Schwelle zum „Mannsbild“ sicht-, hör- und nachempfindbar machen kann. Eine Künstlerin, die man noch in sehr vielen Partien ihres Fachs erleben möchte.

Nobel in der Phrasierung, mit einem warm timbrierten, in der Höhe nicht ganz durchschlagskräftigen Sopran gefiel die optisch verblüffend an die junge Renée Fleming erinnernde Polina Pastirchak als Marschallin, die in dieser Produktion auch im 2. Akt im (freilich stummen) Dauereinsatz ist, während die aus der Ukraine stammende Tetiana Miyus weniger eine jugendlich-naive als – auch vokal – durchaus selbstbewusste Sophie darstellte, die auch über die entsprechende Höhensicherheit der halsbrecherischen Partie verfügte, wenngleich ihre Pianokultur nicht bis in die exponiertesten Lage mithalten konnte.

Ein neben seiner Tochter recht junger Faninal war Ivan Oreščani, dem die Grazer Fassung die letzte Textzeile gestrichen (oder vielmehr: einer anderen Figur zugedacht) hat – aber mehr sei hier nun wirklich nicht gespoilert (siehe oben ad Schlusspointe). Sehr präsent war Corina Koller als Annina und stellte damit den Valzacchi von Martin Fournier ein bisschen in den Schatten. Daniel Käsmann war – in dieser Hinsicht durchaus der Logik der Inszenierung folgend – als Haushofmeister der Marschallin wie auch als derjenige bei Faninal und schließlich auch noch als Wirt dreifach gefordert, was ihn nicht hinderte, bei der Ankündigung der Marschallin im 3. Akt mit einem wackeren hohen C zu punkten. Iurie Ciobanu absolvierte die bekanntermaßen undankbare Arie des italienischen Sängers souverän und mit dem gehörigen Schmelz. Die restlichen Partien waren durch Kräfte aus dem Haus zufriedenstellend abgedeckt.

Sodass, man muss es leider sagen, der Ochs von Wilfried Zelinka – zumindest musikalisch – als einziger echter Schwachpunkt des Abends notiert werden muss. Da hilft es auch nichts, wenn einem eine Finte des Regisseurs dabei hilft, sich durch einen Biss in die Pizza-Schnitte über das offenbar nicht vorhandene tiefe C im „tief beschämt“ zu schwindeln, wenn die Stimme als ganze zu hell ist und in der Tiefe nicht dorthin reicht, wo sich ein Teil der Partie nun eben abspielt, und wenn auch die Intonation zu wünschen übriglässt. Schade, auch weil es sich beim Gesamteindruck einer Aufführung des „Rosenkavalier“ über den Ochs halt auch schlecht hinwegsehen lässt.

Dabei brauchte nämlich das, was unter der Leitung von Vassilis Christopoulos sowohl im Großen als auch von den einzelnen Solisten aus dem Graben zu hören war, den Vergleich mit den großen Häusern nicht zu scheuen. In besonderer Weise eindrücklich wird die Generalpause vor dem Einsatz des finalen Terzetts in Erinnerung bleiben, die an Spannung und Dauer ein Ausmaß erreicht hat, wie es der Rezensent weder live noch im Vergleich der Aufnahmen bis jetzt gehört hat: Gänsehaut.

Alles in allem also keine Produktion, mit der man an einem Repertoire-Haus unbedingt für Jahre leben möchte, aber eine überaus sehenswerte, erfrischende Sicht, die man sich nicht entgehen lassen sollte – Vorstellung noch bis Mitte Juni.

Valentino Hribernig-Körber

 

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