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GRAZ/Oper: „SOMMERNACHT, GETRÄUMT“

Getanzte Sommernacht zwischen Realität und Traum

18.06.2018 | Ballett/Tanz


Daniel Myers (Lysander), Enrique Sáez Martinez (Demetrius), Astrid Julen (Hermia) und Kana Imagawa (Helena), João Pedro de Paula als Zettel. © Leszek Januszewski

Graz

Grazer Oper am 17.06.2018: „SOMMERNACHT, GETRÄUMT“. –  getanzte Sommernacht zwischen Realität und Traum

Ein feinsinniger Meister der Poesie und Ästhetik – so kennt und schätzt man den Choreografen Jörg Weinöhl.  Was er hier als Ballettdirektor  vom Ballett Graz mit seiner aktuellen Kreation als letzte Produktion dieser Spielzeit auf die Bühne gebracht hat, ist ebenso poetisch wie melancholisch, so sensibel wie tiefgründig, so psychologisch wie philosophisch. Sein zweiaktiges Tanzspiel, wie er es nennt, ist an William Shakespeares „Sommernachtstraum“ angelehnt; die Handlung  lässt sich erahnen und dennoch stecken in Weinöhls Deutung noch weitere Dimensionen. So findet sich hier eine dramaturgisch interessante Variante, indem die Personen Theseus und Hippolytha in Oberon und Titania ineinander übergeführt werden. Der Handlung entsprechend hat Theseus die Königign der Amazonen ja zuvor  im Kampf erobert – im realen Leben herrschen daher Streit und Zank vor. Erst im Wald können sie einander neu entdecken und sich in gegenseitiger Liebe zueinander öffnen. Auch das Quartett der vier jungen Leute durchläuft  eine Wandlung, so bald sie sich im Wald einfinden.  Natürlich dürfen auch die Handwerker nicht fehlen – hier sind es sechs – und Zettel als siebenter weiß gar nicht recht,  wie ihm geschieht, als er plötzlich den Eselskopf trägt. Mittendrin der Kobold Puck, der unsinn- oder doch sinnstiftend agiert.


Das Ensemble als Elfen im Wald…. © Leszek Januszewski

Weinöhl benutzt eine sehr charakteristische, harmonisch-fließende, manchmal gleitende Bewegungssprache mit nur wenigen Überkopf-Hebefiguren. Es gibt kaum große Sprünge,  manchmal bewegen sich die Tänzer in Zeitlupe. Auch der Effekt des „freeze“ wird eingesetzt  – ein  Innehalten, Besinnen, neu orientieren und wieder auf den Weg machen.

Originelle Details wie das läutende Telefon zu Beginn oder die rosaroten Brillen, die Lysander und Demetrius tragen, sind ebenfalls bedeutungsvoll.

Interessant ist auch die Wahl der Musikstücke – zu  Mendelssohn Bartholdy wird noch Schubert, Mozart und Brahms ergänzt, aber auch so scheinbar Gegensätzliches findet sich, wie das Genre HipHop/Rap mit „Tous les mémes“ (Anm: „They are all the same, 2013) von Stromae, einem jungen belgischen Sänger und ein Pop-Song  von Udo Jürgens („Immer wieder geht die Sonne auf“ – um die Stimmung des enttäuschten und des Eselskopf wieder verlustig geratenen Zettel zu beschreiben)

Die wunderbaren Kostüme, die das duftig-zarte im Traum hervor streichen – Tüllröcke, die mit der Bewegung mitschwingen; hingegen zeitlos-moderne Kleidung im Jetzt der Realität – stammen von Saskia Rettig, ebenso wie die Ausstattung, die als bemalte Vorhänge an den Bühnenrändern den Raum den Tänzern öffnet. Ins rechte Licht gesetzt wird von Bernd Purkrabek.


Chris Wang als Puck. © Leszek Januszewski

Eine starke und homogene Ensembleleistung der sportiven Compagnie, aus der Chris Wang als Puck hervorsticht. Er ist das verbindende Element zwischen Sein und Schein. Bárbara Flora (Hippolyta/Titania), Simon Van Heddegem (Theseus/Oberon), Daniel Myers (Lysander), Enrique Sáez Martinez (Demetrius), Astrid Julen (Hermia) und Kana Imagawa (Helena) sowie João Pedro de Paula als Zettel sind die Hauptakteure.


Bárbara Flora (Titania), Simon van Heddegem (Oberon). © Leszek Januszewski

Grandios auch das Grazer Philharmonische Orchester unter der feinfühligen Leitung von Robin Engelen, wunderschön das perlende Spiel von Pianist Philipp Scheucher. Zu den so stimmig agierenden Tänzern  umrahmen auch die Gesangsolisten, der Damenchor der Grazer Oper sowie die Kinderstatisterie dieses kunstvolle Masterpiece.

Jörg Weinöhl verlässt mit Saisonende auf eigenen Wunsch hin die Grazer Oper – mit dieser „Sommernacht, geträumt“ hat er dem hiesigen Ballettpublikum ein wunderbares, feines Geschenk zum Abschied gemacht, das es verdienen würde, im Repertoire bestehen zu bleiben, wenn man den zustimmenden Beifall der Zuschauer als Maß nimmt.  

Ira Werbowsky

 

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