GRAZ/Oper: „La Damnation de Faust“ (8. Oktober 2026)

Foto: Bühnen Graz/ Werner Kmetitsch
Die Vertonung des Fauststoffes ist wohl ein eigenes Kapitel. Als Libretto für eine Oper hat Goethe nur Mozart eine Vertonung zugetraut. Im deutschsprachigen Raum ist im 19. Jahrhundert die Ehrfurcht zu groß für eine theatralische Umsetzung. Berlioz bedient sich eines Tricks. Er nennt sein Werk dramatische Legende und kümmert sich im Weiteren recht wenig um einen schlüssigen Verlauf der Handlung. Genau genommen handelt es sich um ein hybrides Konglomerat mit unterschiedlichen Formen. Wir finden sinfonische Teile, Volksszenen, Tanz- und
Ballettmusik, Lieder und Arien. Der ideale Ausgangspunkt für ein immersives Theaterereignis. Der Zuseher wird zum Mitakteur mitten im Geschehen. Der Regisseur Lorenzo Fioroni verbannt das Orchester in den hinteren Teil der Bühne, fährt den Orchestergraben hoch und lässt von Sebastian Hannak das Bühnenbild weit in den Zuschauerraum vordringen, inklusive Auf- und Abtritte des Chors durch den Mittelgang.
Fausts Verdammnis wird zum Höllenritt durch eindrucksvolle Szenen, die optisch manchmal überfordern, aber immer bis zum Schluß beeindrucken. Dabei lässt der Spielvogt kein Genre aus: eine Mischung aus Revue, Tanztheater, Roadmovie, Film und zahlreiche Anspielungen an bisherige Faustinterpretationen. Überbordend und fast zuviel für einen Abend.
Mit einem Knalleffekt startet Fioroni seine Aufführung und erinnert an frühere Konwitschny-Abende in Graz. Es gelingt, jegliche Erwartungen an eine konventionelle Vorstellung zu unterlaufen. Und dabei wird weder mit Material, Maschinerie noch Personal gespart. Ganz nach dem Goetheschen Motto: Wer vieles bringt, hat für jeden was dabei. Gerade die lyrischen Stellen profitieren von der Position des Orchesters und die überlauten werden sanft gedämpft. Das kann für Berlioz‘ Orchestrierung durchaus Sinn machen. Die Grazer Philharmoniker unter Johannes Braun leisten im pausenlosen zweistündigen Abend hervorragende Arbeit und wahren die Balance und Spannung meisterlich. Daneben ist der Opernchor, verstärkt durch den Philharmonia Chor Wien und der Grazer Singschule, Hauptprotagonist. Mit unzähligen Kostümwechseln und imenser Spielfreude verkörpern sie die vielfältigen Figuren. Wenn sie in einer Szene alle mit Ballett-Tutus bei der Sache sind, ist es nicht nur ein wahnwitziger Einfall des Regisseurs, sondern eine grandiose Übersetzung von der Absurdität mancher auf die Spitze getriebener klassischer Ballettaufführungen. Dennoch kippt die Handlung niemals in peinliche Situationskomik. Im Gegenteil, wenn Marguerite ihre große Arie verzweifelt anstimmt und gleichzeitig die Statisterie eine übervolle Bühne von all ihren Requisten befreit, ist das ein Moment der Verlassenheit, wie er sinnfälliger nicht gezeigt werden kann. Ganz großes Theater.

Foto: Bühnen Graz/ Werner Kmetitsch
Dass Graz dabei auch noch ein ideales Ensemble aufbietet, ist man hierorts in den letzten Jahren gewohnt. Das beliebte Mitglied des Hauses Anna Brull spielt alle Facetten der Marguerite aus, sowohl Bühnenstar als auch einfältiges Gretchen. Nikita Ivasechko als Mephistopheles darf als Vamp, Verführer und Strippenzieher herrlich über die Bühne fegen und ist niemals nur der Verneiner des Geschehens. Der feine Tenor von Pavel Petrov ist bei Faust in besten Händen, die anstrengende und Kräfte raubende Partie besteht er phänomenal und versteht es, an den richtigen Stellen seine Brust- und Kopfstimme einzusetzen. Fangyong Liang und Richard Jähnig ergänzen als Brander und Oriel den sehr guten musikalischen Eindruck.
Noch gibt es fünf Vorstellungen in Graz und die Wiener Staatsoper hat für ihre neue Produktion im Dezember des Jahres eine steile Vorlage bekommen. Drei Nachmittagsaufführungen an Sonntagen soll auch das von weiter anreisende Publikum an dieser sehenswerten Interpretation teilhaben lassen.
Otto Grubauer

