
Dennis Hupka (Bobby Child). Alle Fotos: Oper Graz / Werner Kemtitsch
GRAZ / Oper: Gershwin-Musical CRAZY FOR YOU
2. Aufführung in dieser Inszenierung (Premiere 16.12.23)
17. Dezember 2023
Von Manfred A. Schmid
Das Jukebox-Musical Crazy For You, in Graz nach 18 Jahren in einer Neuproduktion wieder auf dem Spielplan, basiert auf einem von George (Musik) und Ira (Text) Gershwin unter dem Titel Girl Crazy bereits 1930 am Broadway uraufgeführten Musical. Der erfolgreiche Theaterautor Ken Ludwig, bekannt u.a. als Verfasser von Otello darf nicht platzen, hat 1992 eine Neufassung des Stücks herausgebracht, in die 20 weitere Songs aus der Feder des einzigartigen Musical-Duos Gershwin & Gershwin aufgenommen wurden. Erzählt wird – wieder einmal – die fundamentale amerikanische Geschichte vom unmöglichen Traum, der wahr wird, wenn man nur fest daran glaubt: Der tanzbegeisterten New Yorker Bobby Child, der seine ungeliebte Bankerlaufbahn am liebsten beenden und ins Showgeschäft einsteigen würde, wird von seiner Mutter nach Nevada geschickt, wo er ein verschuldetes Revuetheater schließen soll. In der verschlafenen und heruntergekommenen ehemaligen Goldgräberstadt Deadrock angekommen, nützt er die sich ihm unverhofft bietende Gelegenheit dazu, gemeinsam mit der Postbotin Polly Baker, der Tochter des Theaterbesitzers, in die er sich verliebt hat, das Theater und damit auch den Ort wiederzubeleben und eine Show auf die Beine zu stellen. Was ihnen, nach vielen Hindernissen und mit Hilfe des legendären, ungarischstämmigen Impressarios Bela Zangler auch gelingt.
Die mit perfekten Slapstick-Aktionen gespickte und mit Wortwitz angereicherte Handlung bietet gute Unterhaltung, lebt aber vor allem von den großen, von Natalie Holtom schwungvoll choreographierten Tanznummern zur großartigen, unverwechselbaren Musik George Gershwins, die von den wunderbar swingenden Grazer Philharmonikern unter der Leitung von Johannes Braun mit merklicher Hingabe gespielt wird. Abwechslung tut gut, und Evergreens wie „Bidin‘ My Time“, „Someone to Watch Over Me“ und „Embraceable You“ aus dem American Songbook heben die Stimmung und laden zum Mitwippen ein.
Allerdings sind in Ken Ludwigs Fassung auch einige Schwächen festzustellen, Besonders der zweite Akt schleppt sich dahin und enthält, um die eher kleine Geschichte, die es zu erzählen gibt, zu einem abendfüllenden Musical aufzublasen, doch unnötige Längen. Die Episode rund um „Stiff Upper Lip“ mit der parodistischen Nachahmung der ikonischen Revolutionsszene aus Les Miserables, indem Sessel übereinander getürmt werden und darüber eine rote Fahne geschwungen wird, ist zwar witzig, trägt zur Story aber rein gar nichts bei. Die toll ausgespielte Szene, als sich der wahre Broadway-Zampano Zangler und Bobby Child, der sich als Zangler verkleidet und ausgegeben hat, unverhofft gegenüberstehen und was sich daraus in weiterer Folge ergibt, ist große komische Klasse und erinnert an die Slapstick-Auftritte der Marx Brothers. Cusch Jung, der nicht nur für die gelungene Regie verantwortlich zeichnet, sondern auch in der Rolle des schrulligen Zangler auftritt, und Dennis Hupka, der hervorragend singen und steppen kann, sind da kaum zu toppen. Gut inszeniert – geradezu choreographiert – sind auch die Kneipenschlägereien, und es ist eine Freude mitzuverfolgen, wie aus den rüpelhaften Cowboys allmählich geschickte Tänzer werden.

Daniel-Doujenis (Lank-Hawkins), Christoph-Schaller (Pete), Dennis Hupka (Bobby´Child), Euiyoung Peter Oh (Custus), Falk Witzurke (Billy). Alle Fotos; OPer Graz / Werner-Kmetitsch
Hervorzuheben sind die glitzernden Kostüme, mit denen Karin Fritz die langbeinigen Showgirls ausgestattet hat, und die ebenfalls von Karin Fritz entworfene Bühne, die den Kontrast zwischen der glatten Eleganz der Metropole New York und tristen Alltag im Wüstenkaff sichtbar werden lässt. Dass einige der Showgirls sich ziemlich dümmlich präsentieren müssen, ist wohl den unaustilgbaren Blondinenwitzen geschuldet. Auf diese Lachnummern könnte man gerne verzichten.
Katia Bischoff als Polly ist eine junge Frau, die sich in der rauen Welt der Cowboys und arbeitslosen Goldgräber (es könnten auch Ölarbeiter sein) zu behaupten weiß. Gesanglich und tänzerisch mit jugendlichem Schwung. Kein Wunder, dass sich Bobby sofort in dieses Mädchen aus dem gar nicht mehr so goldenen Westen verliebt.
Daniel Doujenis ist Lank Hawkins, der intrigante Hotelbesitzer, der Bobby Childs Pläne durchkreuzen will, mit dem Cowboyhut aber auch den Marlboro-Mann spielen könnte und schließlich in den Armen der von seiner Mutter Bobby aufgezwungenen, herrschsüchtigen Verlobten Irene (Corina Koller) landet.
Erwähnenswert sind weiters Ingrid Niedermair-Miller als Bobbys starrsinnige Mutter, die am Schluss spät, aber doch Verständnis für die künstlerische Laufbahn ihres Sohnes aufbringt und ihn gleich mit einen Showpalast am Broadway beschenken will, sowie Christian Scherler und Hana Batinic als englische Touristen.
Als Crazy For You 1992 herauskam, wurde es als Fanal für die wieder erstarkte amerikanische Musicalszene gefeiert, die sich aus dem Schatten der britischen Musicals à la Andrew Lloyd Webber wieder hatte erheben können. Dass dafür ausgerechnet Hits aus der Zwischenkriegszeit ausgegraben werden mussten, spricht nicht gerade für Erneuerungswillen, sondern eher für Nostalgie. Unterhaltsam ist es aber allemal, was da in Graz geboten wird, und musikalisch immerhin von einem der größten amerikanischen Komponisten geschrieben, der den Jazz nicht nur salon- und musicalfähig gemacht hat, sondern auch opernfähig. Und das ist doch sehr amerikanisch!