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Grafenegg: „Opernabend Piotr Beczala“ – 20.8. 2020– ein lauer Sommer-Abend in stimmungsvollem Ambiente
Nachdem die Gäste in Gruppen eingeteilt, mit Masken auch im Freien, am ausverkauften Wolkenturm Platz genommen haben – natürlich mit Abstand zum unbekannten Nachbarn – wird das Programm mit der Ouvertüre von Rossinis „Guglielmo Tell“ eröffnet. Die fast 80 Musiker des Tonkünstler-Orchester Niederösterreich, seit 2007 traditionell mit Residenz auch in Grafenegg, werden an diesem Abend vom sympathischen Dirigenten Sascha Goetzel geleitet. Der Wiener ist derzeit als Erster Gastdirigent beim Sofia Philharmonic Orchestra tätig und auch den Besuchern der Wiener Staatsoper durch 76 Vorstellungen – von Verdi, Puccini zu Mozart und Strauss – bekannt. Die berühmte Ouvertüre beginnt mit einem ruhigen, herrlich – geführten Cellosolo, dass ein romantisches Bild der Schweizer Berglandschaft zeichnen kann, bevor die explosive Gewitter-Sturm-Passage fast schon etwas zu dröhnend und ohne Nuancen folgt. Der schwungvolle Schluss-Teil wird passend im Galopp zum Abschluss geführt.
Dann zeigt Piotr Beczala mit „Mamma, quel vino è generoso“, dass er seine Stimme weiter in die Verismo-Richtung führen möchte. Das gelingt bei Turiddus Schluss-Arie aus „Cavalleria rusticana“ mit fast weinerlichem „Mamma“ am Beginn, wunderschönen Legato-Bögen und dem edlen Timbre gut. Die Höhensicherheit des Polen ist ohnehin immer perfekt und mit einem finalen „Addio“ hören wir auch genug Durchschlagskraft. Beim anschließenden Intermezzo sinfonico aus Mascagnis Oper verwirren langsame Tempi und das Gefühl eines friedlichen Sonnenaufgangs – bevor das Melodrama blutig enden würde – will sich nicht einstellen.
Der zweite Auftritt des Tenors bringt uns mit „Come un bel dì di maggio“ in die Welt des zum Tode verurteilten Andrea Chènier. Mit sanfter Klangfarbe vorgetragen, können die Abschiedsverse des Dichters durchaus berühren, wenige Male hat man jedoch das Gefühl, dass die Intonierung noch etwas verbessert gehört und ein wenig mehr Kraft nötig wäre.
Bei Verdis Triumph-Marsch klingt das Orchester anfangs nicht einheitlich und kleine Unsicherheiten sind hörbar. Danach kommt eine der wohl schwierigsten Verdi-Arien: „Se quel guerrier io fossi … Celeste Aida“, in welcher der Sänger normalerweise – ohne am Beginn des 1. Aktes eingesungen zu sein – Heldentenor sein muss und gleichzeitig lyrische Elemente eindringlich singen soll. Beczala liegen die sanften Töne mit vielen schönen pianissimi und Phrasen beim Anbeten der Himmelentstammender, viel besser als das kämpferische „Un esercitó di prodi, da me guidato“. Mit strahlender Höhe beim Schluss-Ton erreicht der Kammersänger der Wiener Staatsoper begeisterten Jubel und Bravo-Rufe. Da sein Rollendebüt an der MET im Oktober abgesagt werden musste, sind wir gespannt, wann der erste Radames auf der Bühne zu erleben sein wird.
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Als nächstes steht „Vesti la giubba“ auf dem Programm. Vielleicht liegt es an den übergroßen Vorbildern, die man mit der großen Arie des Canios aus Leoncavallos „Pagliacci“ verbindet, aber trotz perfekter Technik kann die Rezensentin nicht restlos von der Darbietung überzeugt werden. Sehr langsam vorgetragen und mit Unsicherheiten in Stimme und Haltung gelingt keine bestechende Interpretation. Viel sicherer fühlt sich der Publikumsliebling bei Dvoráks „Vidino divná“ als Prinz aus „Rusalka“. Mit stimmungsvoller Beleuchtung wirken die romantischen Töne des typisch jugendlich-dramatischen, slawischen Tenors voll Wehmut und Melancholie großartig und sehr authentisch.
Zwischen den beiden Stücken sorgt „Blumine“ von Gustav Mahler und am Programm-Ende Tschaikowskis Ouvertüre solennelle „1812“ Es-Dur, op.49 für orchestrale Einheit und schöne Klangfarben. Besonders beim Schluss-Werk begeistern Schüsse aus Kanonen, Glockengeläute, Teile der französischen „Marseillaise“ und hymnenartige Elemente und können mitreißen.
Als einzige Zugabe kündigt Piotr Beczala „eine Arie an, die jeder kennt“ und verabschiedet sich mit Applaus am Beginn und großem Jubel am Ende mit „Nessun dorma“, bei dem das Publikum auch mitsummen darf.
Wieder werden die Besucher pro Reihe einzeln in die wundervolle, große Parkanlage von Grafenegg geführt und ein solider Abend endet. Vielleicht hat man sich zu viel erwartet, aber mehr war es nicht.
Susanne Lukas