GIESSEN: CATERINA CORNARO von GAETANO DONIZETTI
30.3. 2023(Werner Häußner)

Foto: Rolf K. Wegst
Man möchte es kaum glauben: Da legt ein arrivierter Komponist wie Gaetano Donizetti seine ganze Kunst ins Zeug, um mit einer „Caterina Cornaro“ in Neapel und in Wien erfolgreich zu sein. Und die Nachwelt vertraut blindlings den ästhetischen (Vor-)urteilen des damaligen neapolitanischen Publikums, kümmert sich weder um die elaborierte Musik Donizettis noch um ein für seine Zeit erstaunlich unkonventionelles Sujet, das wohl auch ein Grund der lauen Aufnahme war. Nein, sie überlässt diese letzte Oper, die der kranke Komponist noch selbst bei der Uraufführung betreuen konnte, den Archiven.
Nun gibt es beim Bärenreiter-Verlag eine neue Edition, herausgegeben von dem niederländischen Dirigenten Hans Schellevis, der bereits eine ganze Reihe wichtiger Belcanto-Werke ediert hat, darunter Donizettis bedeutende „Parisina d’Este“. Das problemlos spielbare Material lässt eine Ausrede wegfallen, um sich im Theateralltag solche Stücke vom Leibe zu halten. Beim Festival Klangvokal in Dortmund erklang die 1844 uraufgeführte „Caterina Cornaro“ im letzten Jahr erstmals in Deutschland und hat einige Aufmerksamkeit gefunden. Parallel dazu programmierte das Theater Gießen die szenische Erstaufführung; die neue Intendantin Simone Sterr setzt damit glücklich die Linie ihrer Vorgängerin Cathérine Miville fort, den Blick auf selten aufgeführte Werke und vernachlässigtes Repertoire zu richten. Donizettis Oper gibt den Bemühungen recht: Es zeigt sich, das nicht immer die Qualität entscheidet, ob sich ein Titel im Repertoire gehalten hat oder nicht. Von der Aktualität von Stoffen einmal ganz zu schweigen.
Die fiktive Geschichte der – zu Beginn der Inszenierung in Gießen comichaft vorgestellten – Königin Caterina Cornaro zeigt, dass Donizetti seine Primadonnen nicht nur aus ihren aussichtslosen Opferrollen in lammermoorischen Wahnsinn flüchten, sich nicht nur spektakulär aus dem Leben verabschieden ließ („Maria de Rudenz“), sondern auch den Widerstand in berückende Töne zu kleiden verstand. Die historische Caterina, eine venezianische Patriziertochter, musste den König von Zypern heiraten, herrschte nach dessen frühem Tod 15 Jahre lang auf der Insel, wurde von der Serenissima ganz unheiter entmachtet und beschloss ihre Tage in Asolo inmitten eines von ihr geführten Musenhofs.
Donizettis Caterina jedoch nimmt am Ende trotz aller seelischen Verwüstungen in einem Akt der Selbstermächtigung die Herrschaft über ihr zypriotisches Volk in die Hand. Erstaunlich auch, was sich in den zwei Akten nebst Prolog der „tragedia lirica“ vorher ereignet: Denn da sind die Konkurrenten um Liebe und Hand Caterinas einmal nicht zwei Testosteron-Schlagetots, sondern sensible Männer, die nicht nur auf die eigene Leidenschaft konzentriert interagieren. Wer also romantischen Belcanto abseits üblicher Rollenschemata sucht: Bei Donizetti wird man fündig.
In ihrer Regie arbeitet Anna Drescher die ungewöhnlichen Seiten des Dramas heraus. Was ihr trotz des holprigen Anfangs gelingt. Zunächst jedoch wird Musik in Bewegung dupliziert, wenn es zum Duett der jugendlichen Caterina (das Original war bei seiner Hochzeit 14 Jahre alt) mit ihrem Geliebten Gerardo Trampolinspringen gibt. Vater Corner muss mit dem venezianischen Strippenzieher Mocenigo ein Tänzchen aufs Parkett legen – dabei ist der Dreiertakt des italienischen Melodramma alles andere als ein Walzer. Mocenigo plärrt seine breaking news von der Rampe in den Orchestergraben, so als sei die Order des venezianischen Rats, die Hochzeit sei sofort abzubrechen, fürs Publikum bestimmt.
Doch zum Glück konzentriert sich Drescher auf die Personen und entwickelt auf der Bühne von Tatjana Ivschina spannungsreiche Szenen. Caterina bleibt dabei eingesperrt in eine Art Vitrine, die sich wie ein Riegel auf der Bühne drehen kann. Der Schritt aus dem Kasten signalisiert am Ende die Befreiung zu sich selbst: Ihr Renaissancekleid, einem Bild der historischen Caterina von Gentile Bellini nachempfunden, wandelt sich von der einengenden Robe zum herrscherlichen Gewand. Leider wird ein wichtiges Detail der Handlung im Kostüm nicht genügend akzentuiert: Gerardo zieht sich nach dem Trauma der aus politischen Gründen gescheiterten Liebesheirat in einen geistlichen Orden zurück und fühlt sich auch nach dem Tod des Gemahls Caterinas an sein Gelübde gebunden.
Für eine Oper dieser Epoche ist technisch einwandfreier, durch nuancierte Expression geadelter Gesang unabdingbar. Gießen kann auch im Musikalischen eindrucksvoll punkten: Julia Araújo setzt ihren nicht zu großen, schmeichelnd timbrierten Sopran trotz der einen oder anderen unsauberen Resonanz in weichen Kantilenen ein, brilliert in dramatischen Momenten wie in der verschatteten Farbe der Sehnsucht. Ausgeglichene Register und – im Gegensatz zu Roberta Mantegna in Dortmund – klare Diktion machen ihre Interpretation zum Vergnügen. Younggi Moses Do hält seinen feinen, leichten Tenor fern von jeder Kraftmeierei, lässt die Töne strömen und hat einen bezaubernden Hauch von Elegie im Timbre.
Tomi Wendt ist ein sicherer Vater Cornaro. Grga Peroš als nicht zu polterig-massiver Zypern-König Lusignano verfügt auch über die Couleur der Zärtlichkeit. Clarke Ruth komplettiert als Stimme der venezianischen Regierung und düsterer Vertreter einer um menschliche Seelenregungen unbekümmerten Politik ein Ensemble, das unter Dirigent Vladimir Yaskorski auch in Tempi und Phrasierung den dramatischen Stil Donizettis trifft. Das Philharmonische Orchester Gießen zeigt sich in der geforderten Flexibilität, dem dramatischen, schon auf den jungen Verdi weisenden Zugriff und den gewinnenden solistischen Momenten dem Stil des reifen Donizetti gewachsen. Jan Hoffmanns Chor könnte die Wellen des Gondolieri-Gesangs weniger rau schlagen lassen; aber die Wucht des Volkes kommt mit Energie über die Rampe. Und wieder einmal ist festzustellen: In der deutschen Theaterlandschaft sind es nicht unbedingt die großen Fixsterne, die über allem leuchten. Häuser wie das Theater Gießen tragen eine Farbe bei, deren Fehlen das Spektrum weit matter strahlen lassen würde.

