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GEORG FRIEDRICH HÄNDEL „THEODORA“ – Mitschnitt konzertanter Aufführungen aus dem Alfried-Krupp-Saal der Philharmonie Essen vom November 2021

03.11.2022 | cd

GEORG FRIEDRICH HÄNDEL „THEODORA“ – Mitschnitt konzertanter Aufführungen aus dem Alfried-Krupp-Saal der Philharmonie Essen vom November 2021

alfrie

Oropesa, DiDonato, Chest, Bénos-Dijan und Spyres sind die Stars, die dieses späte Oratorium zum Schwingen bringen

Während in Sachen Barockoper seit der Originalklangrevolution meist hochspezialisierte Orchester und Solisten den Ton angeben, so bewirkte die außerordentliche kompositorische Güte der dramatischen Vokalwerke Händels, dass sich auch Allrounder des Gesangs und Superdiven beiderlei Geschlechts auf den schönsten Brettern dieser Welt um die effektvollsten Arien des Hallenser Meisters rissen. So sang Montserrat Caballé die Cleopatra in „Giulio Cesare“, Franco Corelli und Fritz Wunderlich liehen ihr tenorales Gold u.a. dem Hit „Ombra mai fu“ aus der Oper „Serse“. Die wohl “verrückteste“ Besetzung eines szenischen Barockmusikdramas ever gab es neben der berühmten „L‘Incoronazione di Poppea“ aus Paris mit Ghiaurov, G. Jones, Ludwig und Vickers wohl 1958 an der Mailänder Scala mit Händels „Hercules“ und Jerome Hines, Fedora Barbieri, Franco Corelli, Elisabeth Schwarzkopf und Ettore Bastianini in den Hauptrollen. Es dirigierte Lovro von Matacic, einen akustisch unzureichenden Mitschnitt hat das Label Myto editiert.

Aber auch die vorliegende Aufnahme von Händels Seelendrama „Theodora“ geizt nicht mit großen und expressiven Stimmen, die überwiegend im klassischen italienischen Belcantofach zu Hause sind. Der russische Dirigent und Pianist Maxim Emelyanychev, einer der Besten seines Fachs, hat mit dem historisch aufspielenden Ensemble „Il Pomo d’Oro“ vom Cembalo aus dafür gesorgt, dass stilistisch alles im Lot ist.

Joyce DiDonato, die die Irene im Februar dieses Jahres auch szenisch am Royal Opera House Covent Garden in London sang, bringt für die Rolle der besten Freundin der einen Märtyrertod sterbenden Titelheldin beste stimmliche Voraussetzungen mit. Mit ihrem dramatischen und dennoch beweglichen Mezzo reüssiert sie besonders in den endlos lange gesponnenen Legatophrasen. Vor allem vermag sie sich in dieser „Nebenrolle“ ganz in den Charakter der Figur zu verwandeln. Dabei lässt sie ihr reich prunkendes Stimmmaterial frei fließen und findet die richtige Balance zwischen den vielen kleinen Verzierungen und überzeugend vorgetragener Empörung. Obgleich Lorraine Hunt (Glyndebourne 1996, William Christie, Regie Peter Sellars) die Latte für die Rolle in schwindelerregende Höhen gelegt hat, ist DiDonato ein ganz persönlicher Zugang zu der überwiegend esoterisch verinnerlichten Klangwelt, die Händel hier anschlägt, gelungen. Manch emotionaler Ausbruch mag vielleicht allzu opernromantisch aus der Gesangslinie brechen, man kann mit diesen höchstpersönlichen Interpretationsmaximen dieser exquisiten Sängerin aber gut leben. Im flehentlichen Gebet „Lord, to thee each night and day“ zu Beginn des dritten Teils und der Arie „New scenes of joy come crowding on“ gestaltet DiDonato anrührende innere Monologe.

Denn immerhin handelt diese von Thomas Morell für Händel als Libretto eingerichtete Geschichte von einer christlichen Märtyrerin, die im Jahr 304 während der Christenverfolgungen unter Kaiser Diokletian zuerst zur Prostitution verurteilt und dann hingerichtet wurde. Das nicht alleine. Wie schon in „The Martyrdom of Theodora and of Didymus“ von Robert Boyle geht der zum Christentum bekehrte Römer Didymus mit seiner geliebten Theodora gemeinsam in den Tod.

Die beiden Hauptrollen sind in der Aufnahme mit der im Belcantofach weltweit erfolgreichen Lisette Oropesa und dem französischen Countertenor Paul-Antoine Bénos-Dijan sehr, sehr gut besetzt. Auch Oropesa hat in Dawn Upshaw (ebenda Glyndebourne 1996) eine äußerst charismatische Rollenvorgängerin, vermag jedoch auf ihre Art mit ihrer magentarot wirbelnden Stimme der schwierigen Vielschichtigkeit der Rolle zwischen „Tugendboldin“, liebender Zeitgenossin und strahlender religiöser Verzückung faszinierend gerecht zu werden. Theodoras Arien „Angels, ever bright and fair“, „With darkness deep as is my woe“ und „When sunk in anguish and despair“ sind hochbewegende Zeugnisse der Alterskunst des 64-jährigen Händel als auch einer mit ihrem engelhaften Timbre für die differenzierten Gemütslagen der wegen ihres christlichen Glaubens grausam verfolgten Theodora ideal ausgestatteten Gesangskünstlerin.

Die bewegendste Musik des Oratoriums hat Händel seinem Helden Didymus in die Kehle gelegt. Paul-Antoine Bénos-Dijan verfügt über einen runden, maskulin-bronzenen Mezzo mit großzügig strömender Mittellage und bruchlos gedeckter Höhe. Gerade mit dieser Figur eines aus Liebe zum Christentum konvertierten Mannes, der zu jedem persönlichen Opfer bereit ist, treibt Händel seine unnachahmliche Kunst der psychologischen Feinzeichnung sowie der subtil musikalisch abschattierten inneren Konflikte auf die Spitze. Bénos-Dijan folgt nicht nur dem tödlichen, und dennoch lachenden Schicksal des Didymus auf einer vokal magisch irisierenden Spur mit zartesten Piani und wunderbarer Phrasierung. In den ätherisch schönen, die Liebe als mystisches Hohelied reiner Sehnsucht besingenden Duetten in Teil II und III vermittelt er mit seiner angebeteten Theodora die kraftvolle Botschaft, dass Liebe und Glaube/ideelle Überzeugung weitaus stärker als der Tod sind.

Auf der gegnerischen römischen Seite finden wir den unerbittlichen Herrscher von Antiochien Valens und seinen zwischen der Freundschaft zu Didymus und dem Gehorsam seinem Chef gegenüber zerrissenen Offizier Septimius. Als Septimius war in Essen als Luxusbesetzung der Baritenor Michael Spyres aufgeboten. Überraschend zurückhaltend und als unversöhnlich hin- und hergerissener Überbringer schlechter Nachrichten und unerbittlicher kaiserlicher Befehle beweist der Sänger, dass er nicht nur vokale Feuerwerke über vier Oktaven zünden kann, sondern ebenso zu immens sensitiver Klangrede befähigt ist. In der Arie „From virtue springs each gen’rous deed“ bittet er in bewegenden Worten und purer Seele Valens um das Leben der schönen Theodora.

Nützt alles nichts. Der amerikanische Bariton John Chest hält mit den Worten „Lasst ab, ihr Sklaven; vom fruchtlosen Flehen; die irdischen Mächte kennen kein Erbarmen“ entschlossen dagegen und die Tragödie nimmt ihren Lauf. Diesen römischen Statthalter Valens gibt Chest mit herrischer Geste und autoritärem Ton. Was für ein exzeptioneller Sänger, von dem wir noch viel erwarten dürfen.

Hat Händel die Figuren seines Dramas aus einem jeweils ganz eigenen musikalischen Relief geschnitzt, so erweist sich Händel als der ganz große Zampano in seinen Chören in diesem so besonderen Oratorium. Das Spektrum reicht von Huldigungschören für Jupiter und Venus bis zu intimen Gebetsszenen des Volkes. Den letzten Chor im zweiten Teil „He saw the lovely youth“ hielt Händel für weit gelungener als das berühmte „Halleluja“ aus dem „Messias“. Der Chor von Il Pomo d’Oro setzt Händels Absichten klangschön und ausdrucksstark in Szene.

Maxim Emelyanychev ist einmal mehr – wie etwa in der überaus gelungenen Einspielung von Händels „Agrippina“ – ein wissender, aber die vielgestaltigen emotionalen Geflechte und tiefen Melancholien des Oratoriums mit Passion vortragender musikalischer Leiter.

Die Tontechnik ermöglichte ein räumlich tief gestaffeltes und atmosphärisch eindringliches Klangerlebnis. Klare Empfehlung!

Dr. Ingobert Waltenberger

 

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