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GENOVA/ Teatro Carlo Felice: LA SERVA PADRONA von Giovanni Battista Pergolesi und TROUBLE IN TAHITI von Leonard Bernstein

07.02.2022 | Oper international

GENOVA/ TEATRO CARLO FELICE : LA SERVA PADRONA von Giovanni Battista Pergolesi und TROUBLE IN TAHITI von Leonard Bernstein

 am 4.2.2022

 Operneinakter sind immer schwer zu kombinieren, wenn man nicht gerade auf die klassische Paarung Cavalleria/Bajazzo zurückgreifen will. Die Oper in Genua hat es jetzt mit einer besonders ausgefallenen „double bill“ versucht und dazu Pergolesis „La serva padrona“ und Bernsteins „Trouble in Tahiti“ zusammengespannt, mit der durchaus einsichtigen dramaturgischen Begründung, dass es sich ja in beiden Fällen – wenn auch durch Jahrhunderte voneineinder getrennt – um komische Beziehungsdramen handelt.

Pergolesis „intermezzo buffo“ hat man leider schon viel zu oft gesehen, als dass man ihm (auch wenn es hier hervorragend präsentiert worden ist) noch viel abgewinnen könnte. Bernsteins erstes theatralisches Werk (man nenne es „Oper“, „Operette“ oder „Musical“ – egal) jedoch war für Ihren Rezensenten, der zu seiner Schande gestehen muss, es zum ersten Mal auf der Bühne erlebt zu haben, eine echte Entdeckung und eine überwältigende Erfahrung.

Genie zeigt sich ja oft schon früh, und in diesem „Trouble“ steckt schon der ganze spätere Lenny.

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„Trouble in Tahiti“ – der entfremdete Mann. Foto: Teatro San Carlo/Genova

Allein schon die „Geschichte“ (zu der Bernstein selbst das Libretto verfasst hat) ist ungewöhnlich: eine idealtypisches amerikanisches Vorstadtehepaar hat sich, „obwohl es doch alles hat“, auseinandergelebt und langweilt sich miteinander. Er geht ins Boxstudio, sie geht zum Psychoanalytiker. Irgendwie beschliessen sie dann aber doch, lieber zusammenzubleiben als auseinanderzugehen und sich im Kino gemeinsam die Schmonzette „Trouble in Tahiti“ anzusehen. Die Frau legt ihren Kopf auf die Schulter des Mannes.Vorhang.

Und Bernsteins Musik, wenngleich hier ausnahmsweise vom Anfang bis zum Ende wie von einem melancholischen Schleier überlagert (das Vorbild für das unglückliche Ehepaar sollen Lennys Eltern gewesen sein) ist so, wie man sie sich von ihm erwartet: äusserst abwechslungsreich, voller Zitate aus der Musikgeschichte, melodiös, modern, arienhaft, swingend, jazzig, lyrisch, jazzig…

Einfach grossartig.

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„Trouble in Tahiti“ – der Mann im Boxclub. Foto: Teatro San Carlo/Genova

Der auch mitspielende Bariton Luca Micheletti hat diese covidtaugliche Doppelproduktion(es sind nie mehr als 5 Sänger auf der Bühne) auf die Beine gestellt, und er und seine Mitstreiter (Leila Fteita für Bühne und Kostüme und Luciano Novelli für das Licht) machen das ganz hervorragend, mit Stil, Geschmack, Einfühlung und Ironie.

Als das Ehepaar in verschiedenen Zeitepochen glänzen Luca Micheletti selbst und (seine ihm auch im wirklichen Leben angetraute Ehefrau) Elisa Balbo. Eine besonders lobende Erwähnung verdient das aus Maria Grazia Stante, Samuel Moretti und Simone Campisi bestehende „Jazz Trio “ (das Bernstein selbst „einen griechischen Chor, der die Handlung im Stil eines radio commercials begleitet“ genannt hat). Toll (auch was die Beherrschung der englischen Aussprache betrifft) !

Ein absolut erhebender Abend, der selbst die am Anfang (naturgemäss nicht wissend, was sie erwartet) ein wenig skeptischen Genoveser Abonnenten am Schluss zu Begeisterungsstürmen hinriss.

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„Trouble in Tahiti“ – Versöhnung im Kino.  Foto: Teatro San Carlo/Genova

Man kann nicht oft genug bedauern, dass niemand Leonard Bernstein rechtzeitig (wie weiland Mozart) in ein Kammerl eingesperrt hat, um mehr mehr und viel mehr solche „Opern“ zu schreiben, bevor sich der Überbegabte endlos in pädagogische und andere Aktivitäten verzettelt hat. Und es schmerzt bis heute, dass seine Erben ein vollendetes Meisterwerk wie „1600 Pennsylvania Avenue“ noch immer nicht für Aufführungen freigeben. Aber vielleicht wird das ja noch was…

 Robert Quitta, Genova

 

 

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