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GENOVA/ Teatro Carlo Felice: DON PASQUALE – Già pensando alla vendetta mi comincio a vendicar”

11.06.2023 | Oper international

Già pensando alla vendetta mi comincio a vendicar” – Don Pasquale am Teatro Carlo Felice Genova, Aufführung vom 09.06.2023

Donizettis Spätwerk Don Pasquale gehört zu den überraschendsten Werken des Bel Cantos. Denn obschon es im leichten Gewand der Opera Buffa daherkommt, umfasst es wie kaum ein anderes Werk zahlreiche Aspekte menschlichen Miteinanders und charakterlichen Fehlverhaltens, so daß es eine schier unbegrenzte Anzahl an Möglichkeiten zur Auslegung bietet. Das Teatro Carlo Felice nutzt dabei geschickt die Inszenierung Andrea Bernards, welche bereits im Frühjahr 2020 am Teatro Maggio Fiorentino gezeigt wurde, und besetzt diese unter anderem mit Absolventen ihrer Accademia, um ihnen die Möglichkeit zu geben, ihr Können unter Beweis zu stellen.

Herrn Bernards Inszenierung legt den Ort der Handlung in ein Casino, dessen Besitzer Don Pasquale ist und welches entsprechend seinen Nachnamen Corneto trägt. In einem Prolog, der während der Ouvertüre abläuft, erfahren wir von einer Vorgeschichte, welche die Handlung in einen anderen Kontext setzt: In den 1970er Jahren feuert Don Pasquale eine bei ihm angestellte Croupière, da diese die Glückssträhne eines Gastes nicht verhindert und Pasquale einen Betrug dahinter wittert. So sehr sie ihn auch bittet, Pasquale lässt keine Gnade walten und schickt sie fort – und mit ihr das Kind, welches sie allein im Umfeld des Casinos großziehen muss. Dieses Kind ist, wie wir später erfahren, die kleine Norina, welche sich mit dem gleichaltrigen Ernesto anfreundet, der wiederum von seinem Onkel Don Pasquale im Casino großgezogen wird. Beide werden also mehr oder weniger gewaltsam voneinander getrennt, doch Ernesto gelingt es, Norina wiederzufinden, welche nun gezwungen ist, in einer Peepshow zu arbeiten. Malatesta ist Zeuge dieses Geschehens und er ist dann auch derjenige, der beschließt diese Ungerechtigkeit wiedergutzumachen, gleiches mit gleichem zu vergelten und den nun erwachsenen, jungen liebenden Norina und Ernesto zu Ihrem Glück zu verhelfen.

Das bemerkenswerte an Andrea Bernards Inszenierung ist, daß sich der Charakter dieser Rache im Laufe des Stückes verändert. Im zweiten Akt sehen wir, daß Norina und Malatesta einige Schergen mitgebracht haben, die offensichtlich versuchen das Casino Don Pasquales auszurauben. Es ist also tatsächlich eine grausame Rache, die hier zunächst geplant wird: Den Alten ausnehmen um dann Norina und Ernesto die Möglichkeit geben in einem anderen Land gemeinsam glücklich zu werden. Das vereint sich natürlich nicht ganz mit dem Libretto und dem Verlauf des Stückes und so ist wahrscheinlich auch hier der Moment der Ohrfeige im 3. Akt an dem sich das Blatt wendet. Donizetti konzipierte Norina als durchaus auch liebevolle junge Frau und so sehen wir wie sie in dieser Inszenierung Don Pasquale einerseits mit ihrer Hochzeitstorte beschmeißt, was noch zur allgemeinen Erheiterung beiträgt (tatsächlich funktioniert dieser Slapstick hier ganz wunderbar). Die besagte Ohrfeige hingegen schmerzt: Don Pasquale, uns im Publikum, aber auch Norina. Man merkt ihr die Scham an, die sie überkommt und wie sie feststellt, dass das, was hier gerade vorgeht nicht richtig sein kann. Das Casino trägt bereits „ihren“ Namen (denn sie wird Pasquale als Sofrina vorgestellt), es wurde umfänglich renoviert und ausgestattet, sie selbst neu eingekleidet und Don Pasquale ordentlich zur finanziellen Ader gelassen. Aber diese Demütigung überschreitet dann doch die Grenze und Norina ist mitgenommen von der Verletzung, die sie Pasquale nun auch emotional zugefügt hat:„È finita, Don Pasquale, hai bel romperti la testa! Altro a fare non ti resta che d’andarti ad affogar“.

Ohnehin ist Maria Rita Combattelli eine sensationelle Besetzung als Norina. Die junge Römerin singt als Mitglied der Accademia des Carlo Felice und legt jede Menge Herzblut in ihre Rolle. Leidenschaftlich lässt sie die Strahlkraft ihres hellen Soprans in die Partie einfließen, trifft alle Höhen präzise und singt die Koloraturen funkelnd, glasklar, ja geradezu rein und kann bereits mit „Quel guardo il cavaliere“im ersten Akt unsere Herzen gewinnen. „Conosco i mille modi dell’amorose frodi, i vezzi e l’arti facili per adescare un cor“ – trällert sie so verführerisch wie unschuldig gleichermaßen, während sie dazu fast schon elegant in der Kabine der Peep-Show tanzt. Keine Sekunde lang hegen wir auch nur einen Zweifel daran, daß dies der Wahrheit entspricht. So soll eine Norina sein: Jugendlich, erfrischend, herzensgut und etwas schlitzohrig, aber nur ein wenig. Denn auch das große Herz und die Wärme Norinas, die Ehrlichkeit und der charakterliche Anstand dieses jungen Mädchens werden von Frau Combatelli glaubwürdig dargestellt, das „Grazie perdono“ im Finale des Abends ist genauso glaubwürdig, wie die aufgestaute Wut über das jugendliche Schicksal, für welches Don Pasquale verantwortlich ist. Doch diese Norina weiß, dass Vergebung ein wichtiger Schlüssel für die eigene Zufriedenheit und das zukünftige Glück mit ihrem Ernesto ist. Brava, bravissima Frau Combatelli, von Ihnen sind noch viele, glorreiche Abende zu erwarten, eine Bereicherung für die Opernwelt!

Als einfühlsames Pendant gibt mit Marco Ciaponi ein noch junger doch ohne Frage tadelloser Tenore di Grazia den Ernesto. Als Spezialist für Bel Canto Partien, sprang er bereits letzten Dezember an der Wiener Staatsoper ein und debütierte am Haus in der Rolle des Tonio. Und auch an diesem Abend können wir seine frische, helle Stimme erleben, die mit viel Einfühlungsvermögen und Können an die Partie geht. Herr Ciaponi hat sich ebenso intensiv mit seiner Rolle und ihrem Charakter auseinandergesetzt. Er zeichnet Ernesto als verletzlichen jungen Mann, der wahrscheinlich bereits über den Verlust seiner Eltern nicht hinweggekommen ist. Nun wird ihm auch noch seine Jugendliebe Norina ein zweites Mal genommen, als Don Pasquale diese heiraten will. Und doch ist er voller Liebe zu Norina, so dass er ihr alles Gute wünscht und vom Ort des Geschehens verschwinden will: „Se tu sei, ben mio, felice, sarà pago il tuo fedel.“ Die Zärtlichkeit mit der Herr Ciaponi dabei seine Zeilen haucht, ist dabei genauso bemerkenswert wie die Trauer, die er zeitgleich zum Ausdruck bringt, das Leiden welches wir mitfühlen können und die gesangliche Qualität, die er gesanglich mitbringt. Niemals grell, die Töne stets treffend, ohne weiteres bis zum Hohen C und weiter (zugegeben ein kleiner Schnitzer war dabei, doch der sei ihm angesichts des restlichen Abends gerne verziehen). „Com’è gentil“ ist dabei ohne Frage der unbestrittene Höhepunkt des Abends, den Herr Ciaponi in purer, fast jungfräulicher Schönheit zu singen vermag: Dieser Ernesto lebt und liebt nur für seine Norina! Es sind Stimmen wie diese, die in ihrem weißen und doch akzentuierten Klang zeigen, wo der Reiz des Bel Canto liegt: Oper ist hier so wunderschön, daß selbst Ernestos Leiden zum Genuss, der Rachefeldzug gegen Pasquale zur Wonne und das Happy End ein verdientes, fröhliches und für alle beteiligten versöhnliches ist. Bravo, bravissimo Marco Ciaponi!

Wie auch Frau Combatelli sind Francesco Samuele Venuti als Malatesta und Davide Maria Sabatino als Don Pasquale Mitglieder der Accademia und beide spielen sich wunderbar die Bälle auf der Bühne und in ihren Rollen zu. Daß Pasquale nichts von der Verschwörung Malatestas weiß, macht natürlich wie immer den besonderen Reiz aus und findet seinen Höhepunkt im wunderbaren Parlando-Duett „Cheti, cheti, immantinente“ wieder, welches sicherlich zu den heitersten des Bel Canto gehört. Malatesta ist dabei das, was Pasquale zu sein glaubt: Gewitzt, etwas larmoyant, nicht immer ganz korrekt aber stets darauf bedacht, daß die Dinge gerecht laufen. Herr Venuti gibt seiner Rolle dabei einen leicht zwielichtigen Anstrich, der durchaus berechtigt ist. So sehen wir Dottore Malatesta zu Beginn der Inszenierung tatsächlich Kokain durch seine Nase ziehen und es ist klar: Für diesen Malatesta heiligt der Zweck durchaus die Mittel. Bei Don Pasquale hingegen handelt es sich nunmehr um einen ganz liebenswürdigen alten Herrn, dessen Geiz mehr als eine Art Kauzigkeit wahrgenommen wird. Herrn Sabatino gelingt es ebenso tadellos, diesen lustigen Opa als eher knuffigen, manchmal etwas Jähzornigen Herrn zu charakterisieren, der nicht weiß, wie ihm eigentlich geschieht und am Ende doch seine Einfältigkeit und Naivität einsehen muss: „La morale è molto bella, applicarla a me si sta. Sei pur fina, bricconcella, m’hai servito come va.“ Auch diesen beiden jungen Herren ist ein beachtliches Talent zu attestieren und wir freuen uns auch hier darauf, in Zukunft mehr von ihnen zu hören – bravi!

Dass Maestro Francesco Ivan Ciampa das Orchester des Teatro Carlo Felice fabelhaft dirigiert, ist letztlich keine Überraschung. Als profilierter Dirigent im italienischen Fach reicht seine Palette von Bel Canto hin zu Puccini und auch am heutigen Abend gelingt es ihm wieder, den Reichtum des Donizettischen Klangs voll auszuloten und aus Orchester und Sängern eine wunderbare Einheit zu bilden. Bereits während der Ouvertüre arbeitet er entscheidende Nuancen sauber heraus und gibt der Oper selbst an ihren ernsten und nachdenklichen Passagen die Leichtfüßigkeit, die Donizetti im Sinn hatte. Bravo, bravissimo Maestro Ciampa, wir freuen uns bereits auf ein Wiedersehen in Verona!

So durften wir einem Abend beiwohnen, der hochgradig unterhaltsam war und zeigte, dass das Teatro Carlo Felice nicht nur hochkarätige Gäste anzulocken, sondern auch in seiner eigenen Accademia großartige Talente zu fördern weiß. Auch die Inszenierung beweist dieses, denn trotz erlittenen Unrechts finden Gerechtigkeit aber auch gegenseitige Vergebung ihren Weg und die Produktion unterstreichen den tieferen Sinn des Werks. Bravi, bravissimi tutti – „siate felici; Com’io v’unisco, v’unisca il ciel!”

E.A.L.
 

 

 

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