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GENOVA/ Teatro Carlo Felice: BÉATRICE ET BÉNÉDICT von Hector Berlioz

30.10.2022 | Oper international

GENOVA/ TEATRO CARLO FELICE: BÉATRICE ET BÉNÉDICT von HECTOR BERLIOZ

am 28.10. 2022 (Premiere)

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Im Tonstudio. Foto: Teatro Carlo Felice

Bizzarerweise ist Hector Berlioz‘s letzte Oper BÉATRICE ET BÉNÉDICT (ein Auftragswerk eines Spielbankpächters aus Baden-Baden) eine „opéra-comique“. Wie bei einem der humorlosesten Komponisten aller Zeiten nicht anders zu erwarten, ist an ihr natürlich gar nichts komisch. Vorlage ist Shakespeares frühe Komödie „Much ado about Nothing (Viel Lärm um Nichts), doch Berlioz, der sich auch für einen genialen Librettisten hielt, tilgt alle tragischen Verwicklungen, die erst den Reiz des Originals ausmachen, und lässt vom komplexen Plot nur je zwei Liebesgeschichten über. Führt dafür aber als eigene Erfindung völlig unnötigerweise die Figur des Somarone (etwa soviel wie großer Esel) ein, der zwar lustig sein soll, im Endeffekt jedoch n o c h unkomischer ist als der verbliebene Rest.

Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass dieses seltsame Werkchen – trotz teilweise wunderschöner Musik – nicht sehr oft aufgeführt wird. In Wien war dies zuletzt dank Roland Geyer im Theater an der Wien der Fall. Die Produktion hat aber auch hier keinen bleibenden Eindruck hinterlassen – was möglicherweise auch an der unentschlossenen Regie Kaspar Holtens gelegen sein mag.

Jetzt hat das Teatro Carlo Felice in Genua (in Koproduktion mit der Opéra de Lyon) einen erneuten  Versuch der Ehrenrettung von Berlioz‘s „musikalischem Testament“ unternommen, und siehe da, diesmal ist er vollständig gelungen.

Das liegt natürlich in erster Linie an dem genialen Duo Damiano Michieletto (Regie) und Paolo Fantin (Bühnenbild). Die beiden haben an der Oper von Rom bereits des Meisters anderes Problemkind, die eigentlich unaufführbare „La Damnation de Faust“, in überzeugendster Weise auf die Bühne gebracht. Und in Genua wiederholen sie jetzt dieses Wunder, erneut unter Beweis stellend, dass sie dann am stärksten sind, wenn das Werk am schwächsten.

Im Gegensatz zu ihren deutschen Kollegen „überschreiben“ Michieletto & Fantin aber nicht, überfluten die Szene nicht mit „Live-Videos“ und machen die Story auch nicht in populistischer Manier tauglich für die „Instagramm“ – Generation“. Nein, sie überhöhen und verwandeln die zugrundeliegende Geschichte vielmehr mittels der mächtigen Bilderfindungen von Paolo Fantin in eine poetische Reflexion über Grundsätzliches: in diesem Fall in eine Reflexion über die Liebe zwischen Mann und Frau (und ihre gesellschaftlichen Bedingungen).

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Im Dschungel. Foto Teatro Carlo Felice

Ein Urwald, ein Affe, Adam und Eva nackt, die zwangsweise in Kleider gesteckt und permanent mit Mikrophonen überwacht werden, das „normale“ Liebespaar endet wie aufgespiesste Riesenschmetterlinge im Hochzeitsoutfit in vergoldeten Schaukästen, während das aufsässige und anarchische Pärchen Béatrice et Bénédict am Ende gemeinsam mit dem Affen noch ein ganz klein wenig Freiheit genießen kann.

In dieser nicht nur intelligenten, sondern auch schön anzusehenden Version ergibt sogar Berlioz‘ seltsame Figur Somarone einen Sinn. Denn hier ist er, als Tontechniker verkleidet, sozusagen ein Don Alfonso, der die Paare verwirrt und zusammenführt.

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Im Käfig. Teatro Felice

Die schönste aller Inszenierungen würde aber bekanntlich nichts nützen, wenn der musikalische Teil nicht adäquat wäre. Gott sei Dank ergänzen sich hier aber beide Sphären vollkommen. Unter der Leitung von Donato Renzetti wird ganz wunderbar gesungen und gespielt: von Cecilia Molinari (Béatrice), Bernadetta Torre (Héro), Julien Behr (Bénédict), Yoann Dubruque (Claudio) und Ivan Thirion (Somarone). Eine besondere Erwähnung verdient der Mime Amadeo Podda als Schimpanse.

Ein erhebender Abend, ein geglückter Beginn der Saison in Genua, eine Wiederentdeckung eines bisher nicht sehr geschätzten Werks, eine Sternstunde zeitgenössischen Musiktheaters.

Robert Quitta, Genova

 

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