GENOVA/ Teatro Carlo Felice: A MIDSUMMER NIGHTS DREAM von Benjamin Britten am 13.10.2023
Dass William Shakespeare ein genialer Theaterautor war, ist ja keine wirklich neue Erkenntnis.
Immer wieder überraschend ist aber, wie sehr seine Genialität auch Bearbeitungen standhält, die ihn seiner Ecken und Kanten und Fallhöhen zu berauben versuchen. So zum Beispiel in der Oper „A Midsummernight‘s Dream“, bei der die Librettisten Benjamin Britten und Peter Pears des Meisters realistische Krassheit sehr abzumildern, sehr zu verschönen versuchten. Aber im letzten Akt, bei den Handwerkerszenen, ist die Pranke des Barden ungeachtet dessen wieder voll und unverfälscht da. Michael Niavarani meint zwar, dass Shakespeare hier sich total über die Amateurtheatergruppen lustig macht und sie vera..scht.Die Wahrheit ist aber, dass der gute alte William hier in prophetischer Weise so gut wie alle revolutionären Theatertheorien des 20.Jahrhunderts von Brecht (Verfremdungseffekt) bis Artaud etc. vorwegnimmt. Und auf Britten muss das so inspirierend gewirkt habe, dass er hier vielleicht die lockerste, fröhlichste und kreativste Musik aller seiner Opern schreibt – indem er seinerseits die Musikgeschichte von Monteverdi bis Alban Berg auf die kompositorische Schaufel nimmt – was zu grossartig geistreichen und lustigen Ergebnissen führt. Und zwangsläufig auch zur Frage, ob unser lieber Benjamin – wenn er sich nicht so auf tragische Endzeitdramen wie Peter Grimes und Billy Budd etc. kapriziert hätte, nicht ein wunderbarer Verfasser komischer Opern à la Rossini etc. hätte werden können.
Jedenfalls hat die Oper Carlo Felice in Genua dieses Werk nun zur Eröffnung ihrer Opernsaison neu herausgebracht – in Co-Produktion mit der Königlichen Oper im Oman. Das wiederum führte zu ein wenig fragwürdigen Entscheidungen bei der Inszenierung.

Die zwei Liebespaare im Wald. Foto: Teatro Carlo Felice
Dass es im „Dream“ nur um Sex, Sex und noch einmal und noch härteren Sex (Partnertausch, Dreier, Pädophilie, Sodomie, Sex mit Tieren, Revenge Sex etc.) geht, dürfte sich ja mittlerweile herumgesprochen haben. Ebenso, dass man das im islamischen Sultanat Oman etwas weniger gerne auf der Bühne sieht.
Diese konfliktuelle Ausgangslage dürfte den Ausstatter Gary McCann dazu verleitet haben, sein Heil im Gestalten üppigster neo-elisabethanischer Kostüme (die aber eher neo-viktorianisch wirken). Kostümen also, die man zu Shakespeares Zeiten weder im real life geschweige denn auf einer Vorstadtbühne getragen hat …No Sex please, I am Britten…
Über dieses groteske und ärgerliche Missverständnis trösten ein wenig Laurence Dales einfühlsame Personenregie und vor allem der musikalische Teil dieses seltsamen Abends hinweg.

Titania (Kamelia Kader) und der Esel. Foto: Teatro Carlo Felice
Der durchgehend muttersprachliche Cast (unter der Leitung von Donato Renzetti) ist schlicht und einfach grossartig. man könnte namentlich alle erwähnen…um unsere Leser nicht mit ihnen unbekannten Namen zu langweilen, seien hier nur einige wenige Protaginistinnen erwähnt: Hagar Sharvit (Hermia), Keri Fuge (Helena), Seumas Begg (Flute), Kamelia Kader (Titania) und Scott Wilde (Theseus) etc.etc.
Das Premierenpublikum war begeistert und verhalf der Genueser Oper zu einem erfolgreichen Spielzeitstart.
Robert Quitta, Genova

