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GELSENKIRCHEN: DER FLORENTINER HUT / DIE FAHRSCHULE von Nino Rota (Neuinszenierung)

04.12.2016 | Oper

GELSENKIRCHEN: DER FLORENTINER HUT / DIE FAHRSCHULE von Nino Rota

Premiere am 19. November   2016              Gesehene 3. Aufführung am 3. Dezember

Ein guter-Laune-Abend am Musiktheater im Revier, von dem sich das Publikum auch in der dritten Vorstellung mitreißen lässt und mehrfach Szenenapplaus spendet, was bei der nummernhaften Musik Nino Rotas  auch unschwer möglich ist. Die Rede ist vom Vierakter  „Der Florentiner Hut“ („Il cappello di paglia di Firenze“), dessen kulinarischen  Humor in jüngerer Zeit auch Aufführungen in Gießen (2004); Halle (2006) und Wexford (2013) nachgewiesen haben. Nun also Gelsenkirchen, wo man zusätzlich die viertelstündige Farce „Die Fahrschule“ („La scuola di guida“) bietet. Geschrieben für das Spoleto-Festival 1959, schildert die Farce einen Autounterricht von Mann zu Frau, der aber letztlich mehr auf erotische Kapriolen hinausläuft. Das schien der Regisseurin SONJA TREBES als witzige Ouvertüre für den „Florentiner Hut“ passend, und so treiben die Protagonisten dieser Oper bereits hier ihre frivolen Spielchen. Erst 2010 wurde übrigens für eine Aufführung in Siena von Bruno Moretti eine Orchesterfassung nachgeliefert (der 1911 geborene Komponist war 1979 verstorben). Gelsenkirchen spielt diese Version als Deutsche Erstaufführung.

Der „Florentiner Hut“ basiert auf „Un chapeau de paille d’Italie“ des französischen Komödienautors Eugène Laiche, welcher Untiefen und Doppelbödigkeiten des menschlichen Lebens raffiniert zu beschreiben versteht (1851 waren sie sicher kaum anders als heute). Dass der titelgebende Hut als Beweismittel für eheliche Treue herhält, ist freilich als historische Gegebenheit zu akzeptieren, was bei dem ganzen komödiantischen Elan aber nicht schwer fällt.

Humor wird allerdings mit schwerem Geschütz aufgefahren: ein schwerhöriger Opa, Schuhe, die absolut nicht passen wollen, eine überkandidelte Baronesse und was sonst noch alles. Dies alles wird zusammengekittet von lauter Techtelmechtel, die aber zuletzt wieder in (aber vermutlich weiterhin brüchig bleibender) Harmonie enden. Dem zentralen Liebespaar gönnt Rotas Musik indes einen zarten Dur-Schluss, Anschein eines haltbaren Glücks. Und wenn nicht, dann halt nicht.

Nino Rota verstand sich, wie sein Oeuvre-Katalog zeigt, eigentlich immer als „klassischer“ Musiker; er lieferte Beiträge zu den unterschiedlichsten Gattungen. Doch das wurde dann überrollt von den Erfolgen als Filmkomponist, als der er vor allem als Partner von Federicon Fellini berühmt wurde. Den „Florentiner Hut“ schrieb er noch vor diesen Karrierejahren (Uraufführung allerdings erst 1955 in Palermo). Die Partitur zitiert Komponistengrößen der Vergangenheit, vornehmlich solche der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts- Ein kesses Ensemble erinnert an Rossini, es klingt aber auch Bellini und Donizetti auf; ganz köstlich ist ein Plapperchor von Näherinnen. Rotas Stil, immer hoch inspiriert in der Orchestrierung, verbleibt standfest in Dur-Moll-Traditionen, nippt genießerisch an Belcanto-Sentimentalitäten. Ein letztlich unzeitgemäßer Komponist, der sich zu seiner „Nostalgie“ aber hartnäckig bekannte.

Labiches Komödie wurde mehrfach verfilmt, René Clairs Stummfilm von 1928 (u.a. mit Olga Tschechowa) konnte man vor kurzem auf Arte sehen. Auf der Leinwand vermögen Schnitte und Verfremdungseffekte fraglos ein besonders hohes Tempo zu erzielen, wobei der Clair-Film freilich durchaus Längen aufweist. Durch das Überführen in die musiktheatralische Form, wo Melodie und Wortinhalt einer gewissen Ausdehnung bedürfen, kommen zwangsläufig ritardierende Momente auf. Es ist eine Kunst von Rotas Musik, dass ihr Parlando eine eigene Gangart findet und niemals durchhängt.

Dass die Inszenierung von Sonja Trebes mitunter recht deftig verfährt, ist beim „Florentiner Hurt“ nur richtig. Von DIRK BECKERs realistisch hübscher Bühne (durch JULIA REINDELLs teilweise sehr opulente Kostüme zusätzlich herausgeputzt) wird dem Zuschauer durch Vorhangsegmente immer nur ein Ausschnitt präsentiert. Eine nette optische Idee.

Alle Sängerdarsteller (man muss die Akteure wirklich so nennen – den großen, von ALEXANDER EBERLE einstudierten Chor ausdrücklich eingeschlossen) lassen gewissermaßen die Sau raus, spielen beseligt sämtliche ihnen aufgetragenen Kapriolen aus, seien sie auch noch so grotesk. NORIKO OGAWA-YATAKE (als schleierwedelnde Baronesse), ANKE SIELOFF (als die  fremd gehende Anaide, welcher der von einem Pferd gefressene Florentiner Hut gehört) und JOACHIM G. MAASS (Schwiegervater Nonancourt) sind als langjährige Ensemblemitglieder zuvörderst zu nennen. IBRAHIM YESILAY als leicht rundlicher Casanova Fadinard erfreut mit höhensicherem, geschmeidigen Tenor, BELE KUMBERGER ist die ihm zuletzt endlich angetraute Elena und glänzt mit frischem, staccato-sicherem Sopran. KATHARINA BORSCH (Modistin), URBAN MALMBERG (der düpierte Beaupertuis), WILLIAM SAETRE (als fast tauber Onkel Vézinet), MARVIN ZOBEL (Galan Emilio), TOBIAS GLAGAU (Diener Felice), MICHAEL DAHMEN (Korporal) sowie MISCHA NODELMAN (Stargeier Minardi) machen aus kleinen Partien große Rollen. THOMAS RIMES lässt durch die NEUE PHILHARMONIE WESTFALEN mächtigen musikalischen Wind wehen.

Christoph Zimmermann

 

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