15.3.2026 Oper Graz WOZZECK
Das Menschsein als Alptraum

Regiestar Evegny Titov, der kürzlich mit seiner Wiener Iolanta einen großen Erfolg feierte, kreiert für Alban Bergs 100 Jahre alten Wozzeck ein eigenes Universum: Erdhügel, Gestrüpp, vorbeiziehende Wälder (Bühne: Gideon Davey), dort tummeln sich allerlei Gestalten: Wozzeck selbst am Anfang nackt, später nur mehr seiner (Über-)hose beraubt, einfach, die anderen Protagonisten aus einer gothic-fantasy-Welt, in karikaturhaften schwarzen Latex-Kostümen (Kostüme: Klaus Bruns), der Chor und die Statisten zumeist von Pieter Breughel-Bildern inspiriert. Ein düsteres, beklemmendes, aber auch fratzenhaftes Setting – wie ein nicht enden wollender Alptraum. Die 15 Bilder des in 3 Akte gegliederten Werks werden durch schwarze Zwischenvorhänge voneinander abgegrenzt, so wird der Zuseher immer wieder in ein neues, aber doch ähnliches Setting geworfen. More of the same. Das Zusammenspiel zwischen den Charakteren ist ausgefeilt, vor allem die Arroganz von Doktor (als sein eigener potenzieller Patient offenkundig schwer adipös), Hauptmann und Tambourmajor (in silberner Glitzerrüstung) sind greifbar. Eine optische Wandlung macht nur Marie durch: Anfänglich als schwarz-goldene Latex-Queen mit Glatze Gewalt gegen Margret übend trägt sie in der Bibelszene ein einfaches Kleid – Läuterung? Teil von Wozzecks Welt? Wird sie „Mensch“ kurz vor ihrem Tod? Titov stellt Fragen und überlasst die Antworten seinem Publikum und dessen Phantasie – ein spannendes Miteinander.
Der Grazer Chefdirigent Vassilis Christopoulos und die Grazer Philharmoniker zaubern eine stringente, gültige und passende Interpretation in den Orchestergraben. Die unerträglichen, lauten Töne finden großartige Steigerungen, ebenso gelingen die kammermusikalischen Parts. Der Walzer in der Wirtshausszene trostlos.
Daniel Schmutzhard ist schon wegen seines blendenden Aussehens und seines durchtrainierten Körpers nicht dafür prädestiniert, Wozzeck als gequälte Kreatur anzulegen. Er versucht dies nicht einmal, sondern gibt einen zusehends verrückt werdenden, eifersüchtigen aggressiven „Kraftlackel“, der vor dem – um das nunmehr im allgemeinen Sprachgebrauch verankerte Wort zu benutzen – Femizid an seiner untreuen Geliebten nicht zurückscheut. In Titovs Deutung kann man die Geschichte auch als seinen Alptraum erfassen. Seine zur Schau getragene Männlichkeit wird durch eine – vermeintliche – Masturbationsszene im 1. Bild, deren Gesten er bei der Ermordung Maries wiederholt, eindrücklich ins Bild der Betrachter gerückt. In gesanglicher Hinsicht gibt es nichts zu beanstanden. Die Stimme strömt mit baritonal-weichem Kern, weiß allerdings auch um die Ecken und Kanten der Partitur. Eine hervorragende Leistung!
Seine Marie ist Annette Dasch, eine Rolle, die man ihr vor einigen Jahren noch sicherlich nicht zugemessen hätte. Ihre Stimme hat allerdings an Rundheit verloren, die weichen Töne zeigten sich zuletzt immer wieder abgenützt, was für die Bergsche ledige Kindsmutter, die sich mit einer harmlos erscheinenden Affäre aus ihrem gesellschaftlichen Schlamassel herausreißen möchte, nicht von Interesse ist, ist hier doch vor allem Expressivität gefragt, die sie zweifelsohne aufbringt. Von der Regie ein wenig ins Outriert-Übertriebene gedrängt, lässt sie zunächst – wohl beabsichtigt – die menschlichen Aspekte der Marie missen, und hat ihre großen Momente gegen Schluss hin, wo sie ganz „schuldige“ Frau sein kann.
Thomas Ebenstein ist gewohnt persönlichkeitsstark als Hauptmann und kostet jede Facette von dessen sadistischen Charakter beispiellos aus, Matthias Koziorowski ist ein wahrhaft ekelhafter Tambourmajor, der sich nur mit Ohrringen, nicht mit Charme seine Frauen kauft, Daeho Kim ein nicht minder ekelhafter Doktor, der selbst angstzerfressen seine Dämonen in besonderen Grausamkeiten anderen Menschen gegenüber auslebt. Auch sämtliche andere Protagonisten agieren stimmlich und darstellerisch tadellos.
Ein beklemmender Opern-Nachmittag. Die Hölle ist jeder Mensch selbst – oder sind es doch die anderen?
Sabine Längle

