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GARS/ Kamp/Burgruine: FIDELIO

Etwas zu viel „Action“ auf Kosten der Musik, aber trotzdem gelungen

08.08.2019 | Oper

 


Paul Gay (Rocco), Magdalena Renwart (Leonore) und Wilfried Zelinka (Pizarro). Foto: Claudia Prieler

GARS / Burgruine: Ludwig van Beethovens FIDELIO in der Regie von Stephan Bruckmeier

  1. August 2019 (Premiere 18.7.2019)

Etwas zu viel „Action“ auf Kosten der Musik, aber trotzdem gelungen

Von Manfred A. Schmid

Zu Beginn erlebt man das Jubelpaar Leonore und Florestan bei der rührseligen Feier seiner Goldenen Hochzeit, inklusive Weihrauch, Priester, Dankgebet und musikalischen Einsprengseln aus Beethovens C-Dur-Messe. Diese Rahmenhandlung hätte sich Regisseur Stephan Bruckmeier sparen können. Sie trägt nichts Erhellendes zum Verständnis der Oper bei. Würde er – in anderer Konstellation – etwa den Grafen Almaviva und seine Gräfin an den Beginn von Mozarts Nozze di Figaro stellen, oder gar das Titelpaar aus Romeo et Juliette so präsentieren, dann böte das allerdings einigen Raum für Interpretationen. So aber bleibt das Ganze nur ein Gag ohne jedwede Nachhaltigkeit. Ziemlich ärgerlich ist zudem, dass die Ouvertüre durch das rege, personalintensive Treiben auf der Bühne in den Hintergrund gedrängt wird, was im Übrigen leider auch auf die traditionsgemäß eingeschobene Leonoren-Ouvertüre vor dem 3. Akt zutrifft. Alle Aufmerksamkeit wird so abgelenkt, der musikalische Fluss empfindlich beeinträchtigt. Warum diese – in letzter Zeit immer öfter grassierende – Unsitte vom Intendanten und musikalischen Leiter der Aufführung nicht unterbunden wird, bleibt rätselhaft. Statt die wunderbaren Musik Beethovens in den Mittelpunkt zu stellen und ihr alle Achtung zuteilwerden zu lassen, werden vom Chor der freigelassenen Gefangenen und ihrer Angehörigen unablässig Parolen wie „Freiheit“, „Recht auf Freiheit und Würde“ und „Liebe“ vorgeführt, indem sie auf der Bühne die Gitterstäbe der Kerker zu Buchstaben umformen und zu Wörtern zusammenfügen.

Johannes Wildner, der unermüdliche, kommunikative Dirigent und Spiritus Rector der Oper Burg Gars, weiß das eigentlich besser. Im Pressetext zur Premiere am 18. Juli schreibt er: „Im Opernhaus des Waldviertels zeigen wir Fidelio in der endgültigen Fassung von 1814 – so, wie Beethoven die Oper erdacht und komponiert hat. In Österreich ist das Stück durch seine legendäre Aufführung zur Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper 1955 zum Symbol für Unabhängigkeit und Freiheit geworden. Die Inhalte Freiheitssehnsucht und Humanität sind heute ungebrochen gültig und wichtig. Beethoven bringt es auf den Punkt!“ So ist es. Und wie bringt Beethoven all dies „auf den Punkt“? In seiner Musik natürlich. Da ist alles drin. Da sollte man – unabgelenkt und unverstellt – hineinhören dürfen. Diese Chance hat man – zumindest was die beiden so kostbaren Ouvertüren betrifft – in Gars diesmal leider nicht.

Davon abgesehen ist Bruckmeiers Regiearbeit sehr präzise. Er konzentriert sich auf eine durchwegs stimmige Personenführung. Auch die Gegebenheiten des einzigartigen Spielorts – mit Bühneninstallationen von Asim Dzimo – werden gut genützt. Sehr gelungen ist die Verlagerung der Kerkerzelle Florestans in die Nähe des Orchesterraumes. Aufgrund der räumlichen Verhältnisse findet sich das Garser Opernorchester nämlich schräg gegenüber der rechten Bühnenecke positioniert. Dadurch ist der Zusammenklang der Stimmen auf der Bühne mit dem Orchester naturgemäß nicht immer ganz unproblematisch. In den Szenen mit Florestan aber, ob allein, mit Rocco oder mit Leonore – den musikalisch wichtigsten Passagen der Oper – ist durch die Nähe der Sänger zu den Instrumentalmuskern eine optimale Amalgamierung des Zusammenklangs gewährleistet. Chapeau!

Gespielt und gesungen – ohne elektronische Verstärker – wird geradezu perfekt. Die zum Einsatz kommende Alternativbesetzung in den beiden Hauptpartien weiß zu begeistern. Magdalena Renwart ist eine intensive Leonore, Algidas Drevinskas gibt einen erschütternden Florestan, der trotz des drohenden Endes seinen Idealen treu bleibt. Seine Auftrittsarie „Gott welch dunkel hier“ klingt zunächst zwar noch etwas belegt, spätestens aber im grandiosen Duett „O namenlose Freude“ mit seiner wieder gefundenen Frau tönt der Jubel ungetrübt. Paul Gay als Rocco ist nicht – wie üblich – der hemdsärmelig-pragmatische, gemütliche Kerkermeister, sondern wirkt eher wie ein gewiefter Facility-Manager, der auf Profit großen Wert legt und gekonnt agiert. Wenn er, bevor er das Grab für Florestan zu schaufeln beginnt, sich in die Hände spuckt, passt das daher auch nicht unbedingt zu seiner Persönlichkeit, wird vom Publikum aber schmunzelnd zur Kenntnis genommen. Ungemein gewinnend und entzückend ist die Marzelline von Caroline Wenborn. Stimmlich große Klasse, darstellerisch einfach hinreißend, was auch für den beherzten jungen Bariton Ian Spinettis Jaquino gilt, der mit seinem Mienenspiel für komische Akzente sorgt

Der Don Pizarro von Wilfried Zelinka ist ein zum Fürchten böser, gefährlicher Schurke, der am Ende zusammenbricht und wie ein Häuflein Elend auf dem Boden kauert. Yasushi Hirano verkörpert den edelmutigen, souveränen Abgesandten vom Königshof, der nach dem Rechten schaut. Der Regieeinfall, dass er bei seinem Erscheinen minutenlang allein auf der Bühne steht, das Publikum mustert und darauf warten muss, bis sich alle übrigen Personen allmählich hinzugesellen, wirkt einigermaßen befremdlich. Der Empfang eines Ministers sieht wohl anders aus, zumal er ja zuvor mit imponierender Trompetenfanfare vom Turm aus angekündigt worden war.

So gibt es bei dieser Produktion musikalisch also Vieles zu bewundern, neben den Sängerinnen und Sängern vor allem auch das vorwiegend aus jungen Kräften bestehende Orchester sowie den beherzten Chor (Einstudierung Roger Diaz Cajamarca). Die Regie klappt im Großen und Ganzen gut, beeinträchtigt jedoch in wichtigen Momenten die Musik. Zuerst die Musik, dann die Handlung. Das gilt für Beethovens einzige Oper, ein einziges Hohelied auf Freiheit und Gattenliebe, in ganz besonderer Weise. Man muss dabei aber auch nicht übertreiben, indem man an die Oper als Abgesang noch ein Stück aus seinem Schaffen hinzunimmt. Ob es wirklich nötig ist, noch Beethovens „Ode an die Freude“ hinzuzufügen? – Unbedingt nötig wohl nicht. Aber – das Publikum hat sich erhoben und singt begeistert mit – nehmen wir es als ein glühendes Bekenntnis zu Europa und zu seinen humanistischen Werten in Zeiten, die gar nicht so glänzend sind.

Manfred A. Schmid

  1. 8. 2019

 

 

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