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FULDA/ Gastspiel Hildesheim: BOCCACCIO von Franz von Suppé

02.12.2015 | Operette/Musical

FULDA: BOCCACCIO von Franz von Suppé als Gastspiel aus Hildesheim am 30.11.2015 (Werner Häußner)

Es gibt sie noch, die gute alte Operettenseligkeit mit ihren illustrierenden Bühnenbildern, dem bunten Folklorismus schlecht geschnittener Kostüme, ihren abgehalfterten Chargen, eitlen Tenören und der überreifen Erotik gealterter Soubretten und matronenhafter Liebhaberinnen. Die Art Operette, die in den siebziger, achtziger Jahren die Lust an der Gattung vermiest hat und die gegen die fortschreitende Professionalisierung der Fernseh-Zerstreuung höchstens noch bei distinguierten alten Damen eine Chance hatte. Die Operette, von der ein Intendant, Tebbe Harms Kleen in Würzburg, einmal sagte, sie sei tot – aber der Operetten-Besucher lebe noch.

Zu besichtigen sind solche Aberrationen in die Vergangenheit eines einst frechen, aktuellen und mit großen Emotionen verbundenen Unterhaltungstheaters meist an kleinen Häusern abseits des Mainstreams. Theater, in die von einigen Liebhabern abgesehen kaum ein Kritiker eine Dienstreise macht. So wie Hildesheim. Dort wird durchaus mit Liebe, Elan und Neugier Theater für die Besucher der Region gemacht – und dazu gehören zum Glück noch die Operette und die Spieloper. Zum Beispiel ist Daniel François Esprit Aubers „Fra Diavolo“ geplant, ein Stück, das inzwischen so gut wie ganz aus dem Repertoire getilgt wurde (Premiere am 13. Februar 2016).

Die Spielzeit eröffnet hat am „Theater für Niedersachsen“ eine andere einst beliebte Rarität: Franz von Suppés „Boccaccio“ behauptete seit der sensationellen Uraufführung am Wiener Carltheater 1879 ein Jahrhundert lang einen dauerhaften Platz auf der Bühne und erreichte 1932 sogar – mit Maria Jeritza – die Wiener Staatsoper. In den letzten Jahren aber ist das so bezaubernde wie aufgeweckte Werk fast verschwunden – und das trotz der unverkennbaren Qualität von Suppés Musik und des komischen wie brisanten Potenzials des Stoffs aus dem „Decamerone“.

Das Hildesheimer Theater geht auch auf Reisen, und ein Abstecher führte nach Fulda, in ein bespieltes Stadttheater mit einem für heutige Verhältnisse üppigem Programm von vier Operetten in der Spielzeit. Und da war sie zu erleben, die bunte, von Interpretations-Anmutung freie Operette von einst: nostalgische Erinnerung an fürchterlich danebengegangene Provinzaufführungen der Jugend. Die Kostüme Elisabeth Bennings sehr charmant, aber ebenso vordergründig; die Regie Guillermo Amayas vorhersehbar konstruiert in Lust und Leid.

Man merkt, welcher der Darsteller ein Talent für situative Komik und spontane Rollengestaltung mitbringt, denn die anderen stolpern mehr oder weniger haltlos durch den Raum. Den hatte Hannes Neumaier gestaltet – und daran war zu erschließen, dass man sich in Hildesheim dem Stück doch nicht ohne Idee genähert hatte: Das bunte Völkchen bewegt sich über bedrohlich große Folianten. Zwischen diesen Behältnissen gewitzten Geistes wirken sie alle klein, die jungen Leute zwischen Studium und Stelldichein, die Handwerker zwischen Weib und Wirtshaus, nicht zuletzt der Dichters selbst, der verliebt ist und verdroschen werden soll, weil er die mühsam gezügelten Begierden der braven Florentiner durch seine Geschichten gefährlich anfacht.

So gerne sie freizügig leben würden – ihre Frauen versuchen es zumindest – so angstvoll entrüstet reagieren sie auf die anarchische Erotik der Novellen. Der Dichter soll Prügel bekommen, die der adlige Prinz Pietro (Peter Kubik) einstecken muss; der Autor darf dafür seine eigenen Bücher ins Feuer werfen, in dem die Wutbürger alles Gedruckte verbrennen, das ihren repressiven Begriff von Liebe ins Wanken bringt. „Boccaccio“ hat also, auch wenn dank einer von Zensur beherrschten Theaterepoche verharmlost verarbeitet, zeitgemäßes komisches wie kritisches Potenzial. In der Einrichtung Amayas ist es allerdings kaum zu entdecken.

Was der Szene fehlt, will die Musik erreichen: Der Dirigent Florian Ziemen hat den Hildesheimer „Boccaccio“ zu seiner Sache gemacht. Sein erfahrener, von Quellenstudium geleiteter Blick lässt das – revidierte und korrigierte –Notenmaterial farbig und luftig erklingen. Zu hören ist von den ansprechend spielenden Hildesheimer Orchestermusikern, wie sorgfältig Suppé die Bläser behandelt; auch der für die Wiener Operette so wichtige Streicherklang wirkt elegant und feinsinnig modelliert. Achim Falkenhausen, der das Orchester in Fulda leitete, macht sich die kritische Auffrischung zu Eigen. Auch wenn die Bläser vor der ersten heiklen Stelle in der Ouvertüre schon kapitulieren, auch wenn in mancher Passage die Intonation abgleitet: Die musikalische Präsenz ist das Plus dieser Aufführung.

Leider hat Hildesheim die originale Besetzung der Titelfigur durch einen Mezzosopran nicht wieder hergestellt. Auf den Tenor Dirk Konnerth hätte man gerne verzichtet, um die erotische Vieldeutigkeit des Boccaccio in der Stimme repräsentiert zu erleben. Martina Nawrath hat als Fiametta die bekannteste Solo-Nummer des Werks („Hab ich nur deine Liebe“), und trägt sie sympathisch uneitel und lyrisch beseelt vor. Alle anderen schlagen sich frei- oder unfreiwillig komisch durch ihre Partien, am treffendsten noch Jan Kristof Schliep als Lotteringhi und Neele Kramer als schlaue, selbstbewusste Isabella.

Werner Häußner

 

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