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Film: FRÜHES VERSPRECHEN

04.02.2019 | FILM/TV, KRITIKEN

Filmstart: 8. Februar 2019
FRÜHES VERSPRECHEN
La promesse de l’aube / Frankreich, Belgien / 2017
Regie: Eric Barbier
Mit: Charlotte Gainsbourg, Pierre Niney u.a.

„Biopics“ sind „in“, biographische Filme über historische Persönlichkeiten. Allerdings sollten diese im allgemeinen auch ziemlich populär sein. Ein Schriftsteller wie Romain Gary ist das nicht, auch wenn er 34 Romane geschrieben und zweimal Frankreichs höchsten Literaturpreis, den Prix Goncourt, erhalten hat. Einst mag es ihn berühmt gemacht haben, dass er die Schauspielerin Jean Seberg heiratete, aber auch das dürfte heute nichts mehr besagen, wo nur noch Cineasten ihren legendären Film „Außer Atem“ (1960 / Regie: Jean-Luc Godard / Partner: Jean-Paul Belmondo) kennen…

Romain Gary also, der in vielen seiner Werke so autobiographisch war und in dem Roman „La promesse de l’aube“ (1960) der wichtigsten Frau seines Lebens, seiner Mutter, ein Denkmal gesetzt und dabei eine Art Autobiographie geschrieben hat. Der Film stellt die Geschichte in den Rahmen des kranken Gary, der von seiner Frau in Mexiko City (draußen tobt der „Karneval der Toten“) ins Krankenhaus gebracht wird und ihr auf der Taxifahrt die Geschichte erzählt, die er eben niedergeschrieben hat…

Gary, der 1914 als Roman Kacew in Wilna (damals noch russisch) geboren wurde (später ging die Familie nach   Warschau), von einem Vater sieht man nichts, lebte unter der liebenden, erdrückenden Obhut der Mutter, einer „jüdischen Mame“, wenn es je eine gab, eine Frau, für die ihr Sohn der Beste, Größte, Wunderbarste war, was sie jedermann verkündete, unter dem Gelächter aller. Ein kleiner Junge zuckte damals schon immer zusammen. Nie vergaß sie, ihm die Opfer vorzubeten, die sie angeblich für ihn gebracht hatte (eine große Schauspielerinnen-Karriere aufgegeben!), nie ließ sie nach ihm einzubläuen, was sie alles von ihm erwartete: Künstler, Politiker sollte er werden, ein großer Mann in den feinsten englischen Anzügen. Und ein kleiner Junge zwischen schier unerträglichem Druck und großer Liebe versprach, alles einzulösen, was sie verlangte… Gary als Erzähler kommt aus dem Off, kommentiert oft noch zusätzlich, was man sieht.

Charlotte Gainsbourg, die man so oft im französischen Film sexy, ätherisch, verführerisch gesehen hat, ist wie verwandelt: eine Frau, die kämpft und zankt und fordert, eine laute Lebenskünstlerin (wenngleich, wenn man echte jüdische Mames kennt, letztendlich immer noch verhältnismäßig diskret), die ihr Leben nur für diesen Sohn führt – das jedoch mit allerlei Geschicklichkeit, auch in geschäftlichen Dingen. Tatsächlich hat es diese Frau, die voll den russisch-polnischen Antisemitismus erlebte, geschafft, ihrem Sohn eine bessere Zukunft zu sichern, indem sie mit ihm nach Frankreich zog, als er 14 war. Und tatsächlich machte er – als Student, der unter Pseudonymen schon viel schrieb, dann als Soldat im Zweiten Weltkrieg, Karriere. Obwohl – dem Antisemitismus entkam er nicht, die Franzosen mochten die Juden auch nicht, machten ihm die Karriere schwer („Wenigstens sind Sie nicht wie Dreyfus“, muss er als Kompliment betrachten – dessen Unschuld haben die Franzosen offenbar nie verinnerlicht).

Dennoch kam er als Soldat über Afrika und England schließlich ins siegreiche Frankreich zurück – nur um zu erkennen, dass die liebende Mutter, die ihn mit ihren Briefen weiter und weiter gepeitscht hatte, seit drei Jahren tot war… Sie hatte Briefe auf Vorrat geschrieben und ließ sie dem Sohn über einen Vertrauten schicken, zwei pro Woche, um ihn nicht zu beunruhigen…

Damit endet die Rückblende, und wie man weiß, hatte der in Mexiko so moribund erscheinende Autor nach diesem Buch noch 20 Jahre, bis er 1980 seinem Leben selbst ein Ende setzte, wobei er (aus dem Off) die Vermutung ausspricht, dass seine weitgehende Beziehungsunfähigkeit auf die übergroße Liebe zur Mutter zurückzuführen war, die nicht getoppt werden konnte (auch wenn sie seine Geliebten nackt auf die Straße jagte) – und ihn vielleicht für alle Zeiten emotional ausgelaugt hatte…

Regisseur Eric Barbier, bislang eher für Psychothriller zuständig, liefert einen Film, der eine intensive Beziehung bebildert – Charlotte Gainsbourg ist immer da und scheint kaum zu altern, kaum in ihrer Intensität zu wanken. Als kleiner Junge ist Pawel Puchalski an ihrer Seite. In einem klassischen Filmschnitt springt er als Bub in Nizza ins Meer und taucht als Jugendlicher (Nemo Schiffman) wieder auf, bis dann Pierre Niney den Schriftsteller übernimmt, der in stetem Kampf zwischen vergeblichen Befreiungsversuchen und selbst anerkannter, hoffnungsloser Bindung an die Mutter lebenslang an der Nabelschnur bleibt…

Über das gewissermaßen tragische Ende, dass seine Mutter nicht mehr erlebt hat, wie er alle ihre Forderungen erfüllte, wird er von seiner damaligen Frau Lesley (Catherine McCormack) getröstet: Schließlich habe er Olga mit seinem literarischen Denkmal unsterblich gemacht…

Wilna und Warschau in den zwanziger Jahren, ein durchaus antisemitisches Frankreich in den Dreißigern, der Krieg (unser Held meist in Uniform, als kühner Flieger in den Lüften) geben den Hintergrund, immer wieder auch mit historischem Bildmaterial angereichert. Es ist eine gefühlsmäßig so starke Geschichte, dass man sie als Prototyp einer Mutter / Sohn-Überbindung für erfunden halten könnte. Aber man hat keinen Grund, Romain Gary – wie sich Roman Kacew als Franzose dann nannte – nicht zu glauben.

Es ist natürlich, bei aller Bewunderung, eine ungesunde Geschichte. Dass ein Mensch wie diese Mutter sich dermaßen in das Leben eines anderen, des Sohnes, krallt, dass sie ihn total beherrscht, bis zu ihrem Tod und darüber hinaus bis zu seinem eigenen… man hat das Gefühl, selbst in Vertretung des Helden von so viel Psycho-Liebe-Terror gewürgt zu werden.

Renate Wagner

 

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