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FREIBURG: KASPAR HAUSER – Oper von Hans Thomalla. Uraufführung

11.04.2016 | Oper

Freiburg: „KASPAR HAUSER“. Oper von Hans Thomalla – UA. 9.4.2016

Musikalische Schlammschlacht

Kasper Hauser
Copyright: Theater Freiburg

Der Dirigent weigert sich bei der Verbeugung, dem Protagonisten die Hand zu geben. Was sonst auf künstlerische Meinungsverschiedenheiten hinweist, ist hier nur zu verständlich: Kaspar Hauser ist immer noch über und über mit Schlamm bedeckt – und das seit beinah 2 Stunden.

Das ist überhaupt die grösste Leistung des Abends: Vor grellgelbgrünen Wänden (etwas fantasielose Bühne von Volker Thiele, aber passend zu den noch fantasieloseren Alltagsklamotten von Gabriele Rupprecht) kriecht das Schlammmonster aus dem Loch, wütet, beschmiert Wände und Menschen, stammelt unverständliches Zeug und erstarrt im Tode schliesslich blutend als Standbild. Ganz zu schweigen davon, dass es auch noch praktisch durchgehend singen muss, während ihm die Schlammpampe ins und vom Gesicht tropft.

Die wahre Geschickte des Findelkinds Kaspar Hauser, der als Teenager eines schönen Tages im Jahre 1828 in Nürnberg auftaucht und seltsam – beinah unverständlich – artikulierend erzählt, er sei jahrelang in einem dunklen Raum gefangen gehalten worden, hat seit jeher die Fantasie der Menschen angeregt. So sehr, dass unter anderem auch das Gerücht umherging, er sei der verschollene Erbprinz von Baden. Die traurige Gestalt starb 5 Jahre später an einer Schnittwunde.

In dem Auftragswerk des Theaters Freiburg in Koproduktion mit dem Theater Augsburg fügt Komponist Hans Thomalla – es ist bereits seine zweite Oper nach „Fremd“ – die verschiedenen Geschichten der Bürger Nürnbergs, mit denen sie die Identität des seltsamen Jungen füllen wollen, mehr zu einer Kollage als zu einem Handlungsstrang zusammen. Dafür benutzt Thomalla zeitgenössische Textquellen und verteilt diese auf acht repräsentative Bürger, die ihre Projektionen auf Hausers Geschichte werfen, in einem Gemisch aus Gesang und Gesprochenen, aus Bericht und Gefühl. Frank Hilbrich kann da eigentlich nicht viel inszenieren. Deshalb vielleicht die Schlammschlacht, beinahe ein Verzweiflungsschrei des Regisseurs.

Thomallas Musik ist fremd und vertraut zugleich, angenehme Passagen reihen sich an reibende, manches tut weh, geht einem buchstäblich auf die Nerven, erweist sich dann wieder als erstaunlich einfallsreich. Hörenswert sind meist aber nur die Antworten Kaspar Hausers auf die verschiedenen Anschuldigungen und Interpretationen der Bürger. Überhaupt ist der spanische Countenor Xavier Sabata unbestritten der Star des Abends. Er bedient optisch zwar nicht die Illusion eines 16-Jährigen, sein differenziertes Spiel und seine bezaubernd verletzliche Stimme machen das aber bald vergessen.

Mithalten kann da nur noch Susanna Schnell als Karoline Kannewurf, deren schöner, mehrere Oktaven umfassender Sopran die stimmliche Entdeckung des Abends ist. Juan Orozco und Roberto Gionfriddo sind in gewohnter Höchstform, Sigrun Schell, Andrei Yvan, Pascal Hufschmid, Alejandro Lárraga Schleske und Christoph Waltle bestätigen die hohe Gesangsqualität des Abends.

Einen Vergleichswert hat man bei einer Uraufführung ja nicht und Thomallas Musik zeichnet sich nicht gerade durch Melodiosität aus. Umso mehr muss man die Präzision von Daniel Carter bewundern, der das Philharmonische Orchester so präzise durch den Abend dirigiert, als sei dies seine x-te Tosca und nicht ein rhythmisch höchst kompliziertes Stück.

Trotz tosendem Beifall, einigen interessanten Passagen, der guten musikalischen Qualität und der Gefahr, als altmodisch zu gelten: Lieber die x-te Tosca als einen Kaspar Hauser.

Alice Matheson

 

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