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FREIBURG im Breisgau: DER FREISCHÜTZ

08.12.2022 | Oper international

FREIBURG i.Br.: DER FREISCHÜTZ
08.12.2022 (Werner Häußner)

freu
Caroline Melzer (Agathe) und Roberto Gionfriddo (Max). Foto: Laura Nickel

Ännchen kann, das muss man ihr lassen, mit der Knarre gekonnt umgehen. Zwei Schuss, zwei Mal Treffer, und sie hat den Seilen den Rest gegeben. Die fetten Taue kamen von oben, zwei Schlingen haben sich um die Hälse von Agathe und Max gelegt, deutlich sichtbar von Samiel dirigiert. Gerade als die nach Gewalt gierenden Weiber den Strang hochziehen wollen, funkt Ännchen dazwischen. Zu dritt geht’s ab durch den sich schließenden Vorhang, begleitet vom Wut-Urschrei Samiels. Dessen gierige Hand ist das letzte, was sich von der Inszenierung von Carl Maria von Webers „Der Freischütz“ aus dem Vorhang krümmt.

Dabei begann das Finale so ganz unspektakulär. Max erschießt mit der siebten Freikugel tatsächlich Kaspar. Agathe fällt und steht wieder auf, der Schmerz nur warf sie nieder. Der Eremit in weißer Kukulle, unter der unschwer der zuvor in der Wolfsschlucht entsorgte Kaspar steckt, verkündet sein Urteil, während sich der fast nackte Samiel dazu in den obszönen Posen mittelalterlicher Fassadenskulpturen räkelt. Der Fürst in fluffigem Pelz gibt seine Ordres und bekehrt sich schön brav zum Schiedsspruch des Weisen.

Warum also die Halsschlingen, in die Agathe und Max ergeben ihre Köpfe hängen? Diese Frage an die Inszenierung zu stellen, ist schon ein Fehler. Denn die fünf Leute der Gruppe Showcase Beat Le Mot „senden keine Botschaften, sie interpretieren nicht, sie erklären nicht“, heißt es in einem Programmhefttext. Wohlan denn, bürgerlich bildungswütiger Besucher, gib auf, nach Subtexten oder höherem Sinn zu suchen. Gelöster Genießer, gönne dir einfach, zu schauen. Goutiere die originellen Zweideutigkeiten in den frisch erschaffenen Dialogtexten, grantle nicht über die Irritationen, gehe nicht um mit den Gesetzen der Bühnenlogik, wie du sie aus einer linearen Erzählung kennst. Gib dich einfach hin – das gilt auch für den Rezensenten, der sonst ja vertraut ist mit jedem Grausen.

Dennoch: So ganz postdramatisch ist die 1997 aus den Angewandten Theaterwissenschaften Gießen (bei Kennern fällt jetzt der Groschen) gegründete Performer-Gruppe dem „Freischütz“ nicht zu Leibe gerückt. Da haben sich etwa Kay Voges 2016 in Hannover oder Jochen Biganzoli 2018 in Lübeck weiter vorgewagt. Showcase Beat Le Mot lässt sich „nur“ eine neue Rahmenhandlung einfallen: Während der Ouvertüre folgen wir einer nächtlichen Straße, erleuchtet von den Scheinwerfern eines Fahrzeugs, aus der Sicht der Mitfahrer. Plötzlich ein Abweg in den Wald, ein Krach – und wir erblicken einen Bus, festgefahren zwischen den grauen Riesenbaumstämmen der Bühne von Antonia Kamp und René Fußhöller. Motorschaden, erklärt der Fahrer, der sich später als Samiel entpuppt: Sein Bus hat ja auch „SML“ als Richtungsanzeiger.

Für die Truppe im Bus ist erst einmal Endstation. Dummerweise handelt es sich um einen Opernchor auf dem Weg zu einem Abstecherort. Was tun, um seine Gage zu bekommen? Da öffnet eine Lücke im Vertrag ein Türchen, und der „Freischütz“ erklingt im Walde … Gegen das, was danach passiert, ist Friedrich Kinds Libretto ein Lehrstück der Logik. Aber das macht nichts: Der ganze „patriarchalische, sexistische und klassistische Unsinn“ fliegt raus – und wenn er drin bleibt, dann wird er mit bedeutungsvoll erhobener Stimme deklamiert. Was bleibt und neu thematisiert werden soll, ist die Beziehungsdynamik einer Gruppe, die auf sich selbst gestellt ist. Der Wald ist wie eine Insel, die Menschen wie Schiffbrüchige, denen den „Freischütz“ allmählich zum Ritual in einer surreale Züge annehmenden Umgebung wird. Dass darüber mehr erzählt als ausgespielt wird, ist ein problematischer Aspekt des Experiments.

Die Musik bleibt unberührt, aber dazwischen finden die Mittel des postdramatischen Theaters immer wieder Platz und führen zu verblüffenden Momenten der Berührung zwischen Webers Musiknummern und neu gesponnenen Texten, zu Situationskomik oder zurück zum heiter-naiv wirkenden Coup: „Das ist eine Requisite, die schießt nicht“, erklärt Max, als ihm Kaspar sein Gewehr in die Hand drückt. Aber das Ding macht doch „pöff“, und der größte Stößer knallt vom Himmel herab auf den Bühnenboden.

Der Illusionstheatralik der Wolfsschlucht verweigern sich die Performer-Inszenierer fast komplett: Die Ingredienzen fürs Kugelgießen werden noch in einen Mühlentrichter mit Verbindung zur Unterwelt gekippt, aber die sieben Kugeln entstehen hinter geschlossenem Vorhang. Das Grauen, wenn’s denn ein solches gibt, möge durch die Musik animiert in den Köpfen spuken. Die Szene ist allerdings ein Wendepunkt: Danach haben sich die Baumstämme in gewaltige, bleichen Lianen ähnliche Stränge aufgelöst, und die Rückseite des Busses wirkt mit neubarocker Rahmung wie ein Jahrmarktstheater.

So bekommt die Musik in diesem Fall wirklich das komplette Gewicht des Bühnenzauber-Höhepunkts aufgeladen. Ektoras Tartanis und das Philharmonische Orchester Freiburg entledigen sich dieser Aufgabe mit der Eleganz eines leichten Tons und einer gar nicht hochdramatischen Flexibilität. Tartanis will überhaupt den romantischen Aplomb aus Webers Musik verbannen: Schon in der Ouvertüre brennen die Tremoli nicht, löst sich der Stretta-Jubel nicht befreit in ein glänzendes Forte, haben die dunklen Streicher im Piano keinen lauernden Charakter. Das wirkt alles entschlackt und luftig, frisch und alert – aber immer wieder auch, als habe die Musik das Sprechen verlernt. So stehen wunderschön gelungene neben blass-gestaltlosen Momenten. Die Wolfsschlucht bleibt trotz geschärfter Akzente eine stumpfzahnige Angelegenheit. Aber das passt wohl auch zum Konzept: Überwältigungstheater soll nicht sein.

Eindeutig auf der musikalischen Habenseite verortet sich der von Norbert Kleinschmidt einstudierte Chor und Extrachor. Bis auf die leicht aus den Fugen geratene Balance im Jägerchor – der Tenor wird zu impulsiv zu laut – brillieren die Sängerinnen und Sänger in der Exposition und im Finale mit konzentriertem Ton und einwandfreier Artikulation. Zum Schluss stecken sie unterschiedslos in Clemens Leanders Frauenkleidern – ein queerer Aspekt, nach dessen Bedeutung man besser auch nicht fragt.

Mit Jin Seok Lee kann das Freiburger Ensemble einen Trumpf ins Spiel der Musik werfen: Ein fülliger, unangestrengt geführter Bass mit sicherer Höhe und bruchlos in eine tragende Tiefe geführter „Rache“, ein eher jovialer Kaspar, der Samiel wie im Kasperltheater heraufruft, weil er an den Ernst der Situation für sich noch gar nicht glaubt. Überzeugend auch Caroline Melzer als Agathe: Die Stimme hat zwar nicht den deutschen Glockenton einer Tiana Lemnitz oder Gundula Janowitz, aber sie lässt ihren Sopran in „Leise, leise, fromme Weise“ in feinen Piano-Lasuren ausschwingen. Das Gebet „Und ob die Wolke sie verhülle“ fließt dann nicht mehr ganz so gelöst-geschmeidig.

Roberto Gionfriddo als von Versagensängsten gepeinigter Max setzt einen robusten Tenor ein, der sich manchmal vibratoreich von der Stütze schleicht, aber auch mit kernigem oder wehmütig verschleiertem Klang für sich einnehmen kann. Katharina Ruckgaber gewinnt als Ännchen die Herzen der Zuschauer dank ihres lebendigen Spiels, hat aber Probleme mit dem Aufstieg in die Höhe und mit der Bildung eines substanzvollen Tons. Juan Orozco trumpft als Ottokar allzu gewaltig auf. Mit dem Eremiten kann Jin Seok Lee sein Legato und einen strömenden Ton zeigen. Martin Müller-Reisinger als Bus fahrender Samiel spielt für jede Situation souverän die passende Tonlage aus und wird so zu einer zentralen Figur des Geschehens. Das Publikum zeigte sich animiert und beifallsfreudig; die vielen Jugendlichen im Zuschauerraum verfolgten die Performance still-konzentriert. Was auch immer vom „Freischütz“ hängenbleiben mag: Die Show hat gefallen.

Werner Häußner

 

 

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