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FREIBURG/ Breisgau: DIE TOTE STADT von Erich Wolfgang Korngold

17.01.2015 | Oper

Freiburg i. Br. – Grosses Haus – Korngold „Die tote Stadt“  – Premiere 17.01.15

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Michael Bedjai, Sigrun Schell. Foto: Theater Freiburg

Nachdem das Theater Freiburg in den vergangenen Jahren diverse „Wagner-Kisten“ ebenso mutig wie erfolgreich gestemmt hat, wagt sich das innovative Opernensemble an das nächste aufreibende Projekt: Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“. Das (vielleicht zu) junge Team (Bühne: Martina Segna, Kostüme: Adriane Westerbarkey) um die ebenfalls (vielleicht zu) junge  Regisseurin Florentine Klepper lässt die Geschichte im Zimmer, in welchem Marie verstorben ist, spielen. Dort sind sämtliche Möbel zu einem Turm aufgestapelt und mit weissen Tüchern bedeckt; so wie das eben in unbewohnten, möblierten Räumen der Fall ist. Ebenfalls verdeckt ist das Bildnis von Marie; ihr Portrait schimmert jedoch aus der weissen Leinenbedeckung hervor. Im Verlaufe von Pauls Vision löst sich der Raum auf, die abgedeckten Möbel schweben durch den Raum, am Schluss bedecken sie die auf dem Bett liegende erdrosselte Marietta und führen den Raum in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Regisseurin Klepper erzählt die gesamte Geschichte als Vision von Paul, aus welcher er bis zum Ende der Oper nicht heraus finden soll; als unbeteiligter Zuhörer vernimmt er die „Rückkehr“ Brigittas, Franks und Mariettas aus dem Bühnen-Off – er scheint in seiner unendlich tiefen Trauer und seinen Schuldgefühlen endlos verloren und gefangen zu bleiben. Die Inszenierung zeigt interessante Ansätze, bleibt aber vor allem in der Personenführung reichlich oberflächlich.

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Michael Bedjai, Alejandro Larraga Schleske, Sigrun Schell. Foto: Theater Freiburg

 Auch musikalisch bleibt diese „Kiste“ hinter den Freiburger Wagner-Abenteuern zurück. Zwar präsentiert sich das Philharmonische Orchester Freiburg unter der bewährten, zuverlässigen Stabführung von Fabrice Bollon von seiner besten Seite; der korngoldsche Orchesterklang kann sich bestens entfalten. Zuweilen fast „zu bestens“, was der Opernchor sowie der Kinder- und Jugendchor des Theater Freiburg (Leitung Chor: Bernhard Moncado, Leitung Kinder- und Jugendchor: Thomas Schmieger), welche teilweise akustisch verstärkt hinter der Kulisse singen müssen, empfindlich zu spüren bekommen. Inszenatorisch eher ungeschickt.

 Mit grossem gesanglichem und spielerischem Engagement stemmen Michael Bedjai (Paul) und Sigrun Schell (Marietta/Erscheinung Maries) ihre Partien und machen dabei zuweilen eine stimmliche Grenzerfahrung. Beide kämpfen mit ihren enorm hoch angelegten Rollen. Vor allem das erste Bild ist geprägt durch starke Vibrati, im „Glück, das mir verblieb“ finden beide nicht zueinander. Bei den Szenen, in welchen beide mit akustischer Verstärkung hinter der Szene singen, zeigt sich, was für zwei wunderbare Sängerpersönlichkeiten da eigentlich  am Werk sind. Ich gehe davon aus, dass sich beide mit wachsender Zahl Aufführungen massiv steigern werden.

 Als Frank und Fritz doppelt besetzt liefert Alejandro Larraga Schleske im zweiten Bild mit „Mein Wähnen, mein Sehnen“ ein musikalisches Glanzlicht. Eine stimmgewaltige Brigitta liefert Bernadett Wiedemann an diesem Abend. Mit jugendlich-frischem Tenor und darstellerischem Schalk gefällt Christoph Waltle als Vicotrin. Des weiteren sind Juliette mit Susana Schnell, Lucienne mit Kyoung-Eun Lee, Gaston mit Johannes Vondey und Graf Albert mit Shinsuke Nishiolka besetzt.

 Das Publikum feiert den dennoch beeindruckenden Abend mit grossem Applaus – genau so muss das sein.

 Fazit: Für mich ist die Freiburger „tote Stadt“ wie ein edler junger Wein, der noch reifen muss, um dann seine ganze Mannigfaltigkeit zu entfalten. Ich werde von dem Tropfen zu einem späteren Zeitpunkt bestimmt nochmals kosten.

  Michael Hug

 

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