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FREIBERG/ Mittelsächsisches Theater: „ARABELLA“

08.02.2018 | Oper

Freiberg/Mittelsächsisches Theater: „ARABELLA“ – 6. 2.2018

Nachdem sich das Mittelsächsische Theater vor nicht allzu langer Zeit bereits mit anerkennenswertem Ergebnis an den „Rosenkavalier“ gewagt hatte, nahm es sich mittlerweile dessen jüngerer Schwester Arabella an, und auch diesmal war ihm damit ein schöner Erfolg beschieden, den vor allem die Regisseurin Judica Semler und der Dirigent Raoul Grüneis für sich verbuchen dürfen.

Glücklicherweise unternimmt die Regie nicht einmal im Ansatz den Versuch, das Werk in die Gegenwart zu katapultieren (dass sie die Handlung ungefähr in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg ansiedelt, schmerzt kaum). Annabel von Berlichingen, in Personalunion Bühnen- und Kostümbildnerin, hat ihr bei diesem löblichen Unterfangen engagiert zur Seite gestanden. Bar sonderlichen Aufwands versah sie die drei unterschiedlichen Handlungsorte mit der ihnen gebührenden, sich keineswegs karg ausnehmenden Atmosphäre. Sparsam eingesetzte Videos (Thomas Fiedler) gingen ihr dabei hilfreich zur Hand. Judica Semler stellte erneut unter Beweis, wie intensiv und sinnreich sie mit den ihr anvertrauten Beteiligten zu arbeiten imstande ist, befähigte sie, mittels fein ersonnener darstellerischer Details jeder Figur die ihr entsprechenden Charakterzüge abzugewinnen. Raoul Grüneis am Pult der Mittelsächsischen Philharmonie brachte sich temperamentvoll für eine die Reize der Partitur ausleuchtende orchestrale Wiedergabe ein. Mutete im Tutti mitunter einiges noch pauschal an, glänzten die Streicher hingegen in ihren ausgedehnten Passagen mit purem Wohllaut, wob der musikalische Chef des Hauses den Solisten einen Klangteppich, der ihren vokalen Einsatz an keiner Stelle gefährdete. Desto mehr verwunderte es, wenn sich das Parlando der beiden Schwestern im 1. Akt mitunter etwas bemüht ausnahm und ohne Not stellenweise forciert wurde.

Wie schon im „Rosenkavalier“ stand mit Leonora del Rio eine Sängerin auf der Bühne, der man eine ausgesprochene Affinität zur Klangsprache des Münchner Meisters bescheinigen darf, und dennoch vermochte ich mich des Eindrucks nicht zu erwehren, dass die lebens- und liebesweise Marschallin ihrem Naturell eher entsprach als die sich selbstbewusst auf die Suche nach dem Richtigen begebende Arabella. Vokal blieben freilich kaum Wünsche offen, bestach erneut das kostbare Timbre der Stimme, wenngleich sie sich manch unnötigen Ausflug ins Forte ersparen sollte. Freilich kommt dies Jammern auf hohem Niveau gleich, könnte zudem der Tagesform angelastet werden. Eine zu Herzen gehende, sich sichtbar in der Hosenrolle wohl fühlende Zdenka gab Lindsay Funchal. Als ihre „Jodelrouladen“ souverän servierende Fiakermilli genoss Jana Büchner ein neuerliches Stelldichein mit jener Bühne, an der sie vor 26 Jahren ihren Einstand als Sängerin gegeben hatte. Dezente Komik mengte Barbora Fritscher ihrer auf Contenance bedachten, partiell textunverständlichen  Adelaide bei. Dass Meister Strauss den männlichen Vertretern der hohen Stimmgattung nicht immer hold gesonnen war, verdeutlicht die Partie des Matteo. Leider verfing sich Sebastian Fuchsberger in den ihm lustvoll aufgestellten Fallen. Ein Dauerforte kann hier beim besten Willen keine Lösung sein. Frank Ernst (Elemer) nahm sich in diesem Zusammenhang gelöster aus, obschon auch er arg mit tenoralem Schmelz knauserte. Insgesamt durfte aus dem Trio der gräflichen Bewerber um Arabellas Gunst, dem Judica Semler jede karikierende Nuance versagte, Elias Hans balsamischer Bass (Dominik) eindeutig als Sieger hervorgehen. Eine gehörige Portion Schlitzohrigkeit einbringend, gefiel sich Sergio Raonic Lukovic in der von ihm komödiantisch aufgewerteten Rolle des Rittmeisters Waldner. Als Mandryka war Guido Kunze besetzt, der seit Jahr und Tag alternativlos sämtliche Baritonpartien am Mittelsächsischen Theater verkörpert. Mithin erstreckt sich der Bogen seines Repertoires vom Händelschen Cäsar bis zum Lehárschen Danilo, muss er sich in der Spieloper ebenso bewähren wie in der zeitgenössischen Musikdramatik. Abgesehen davon, dass der Künstler nun einmal nicht über das farbenreichste vokale Fundament verfügt, verdient ein solch steter und zuverlässiger Einsatz ohne Zweifel Anerkennung. Schon vom Typ her entspricht Kunze weniger dem sich mit Bären herumbalgenden Kraftmeier aus der Walachei, wartet kaum mit dem Glanz eines echten Kavalier-oder Charakterbaritons auf. Dafür beeindruckte er mit einer über die Maßen vorbildlichen Diktion und dürfte somit der erste Mandryka sein, bei dem ich jedes Wort verstanden habe.

Joachim Weise