Freiberg/Dresden: ZWEI SEHR UNTERSCHIEDLICH GESTALTETE AUFFÜHRUNGEN DES „STABAT MATER“ VON ANTONÍN DVOŘÁK – 1./2.4.2023
Durch die geografische Nachbarschaft von Sachsen und Tschechien besteht eine enge Verbindung zwischen beiden Ländern hinsichtlich Musik und Kultur, werden Werke böhmischer und tschechischer Komponisten in Sachsen gern aufgeführt. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen kam (zufällig ?) in Dresden und dem etwa 31 km (Sachsen) das „Stabat Mater“ (op. 58) von Antonín Dvořák mit unterschiedlichen Chören, Orchestern und Solisten und unter unterschiedlicher musikalischer Leitung zur Aufführung.
Dvořák komponierte sein erstes, 1880 in Prag uraufgeführtes, kirchenmusikalisches Werk, die Vertonung des mittelalterlichen Gedichtes „Stabat Mater dolorosa“ („Es stand die Mutter schmerzerfüllt“) 1877 aus freiem Antrieb, ohne Auftrag in einer persönlichen Krise. Als seine drei Kinder in kurzem Abstand starben, suchte er Trost in der Arbeit und verfasste ein Werk, das in zehn Sätzen die verschiedenen Aspekte des Leidens Marias und das Mitgefühl des Betrachters in einer beeindruckenden, sehr kontrastreichen Folge von expressiven und suggestiven Bildern beleuchtet. Nach einer sehr erfolgreichen Aufführung in der Royal Abert Hall, die Dvořák selbst leitete, wurde es international bekannt und zusammen mit seiner „9. Sinfonie“ und den „Slawischen Tänzen“ zu einem seiner beliebtesten Werke, die häufig aufgeführt und eingespielt werden.
Den Text des „Stabat Mater“ vertonten auch andere Komponisten (Palestrina, Scarlatti, Haydn, Rheinberger, Rossini, Poulenc, Pärt, Rihm, Nystedt). Dvořáks Vertonung ist jedoch mit 80 Minuten Dauer die umfangreichste und wird deshalb meist ohne weitere Werke in Konzertsaal oder Kirche aufgeführt. Ganz gleich, in welchem Rahmen, verfehlt es seine Wirkung nicht, auch nicht im etwas kleineren Rahmen, wie im Freiberger Dom.
Freiberg (Sachsen)/Dom: „STABAT MATER“ VON ANTONÍN DOŘÁK – 1.4.2023
Musik hat im Freiberger Dom, einem von Jahrhunderten geprägten Bauwerk mit wertvoller Inneneinrichtung von europäischem Rang, der seit 2019 zusammen mit dem gesamten Stadtkern zum UNESCO-Welterbe gehört, eine lange und gute Tradition. Es beeindruckt immer wieder, mit welch hoher Qualität hier in besonderer Atmosphäre musiziert wird. Hier sind Kultur und Musik in der Bevölkerung fest verwurzelt und werden von ihr getragen, was sich auch im, 1923 gegründeten, Freiberger Domchor widerspiegelt.
Unter der Leitung des sehr engagierten Domkantors Albrecht Koch wurde der Chor allen Anforderungen in schöner Weise gerecht. Er verfügt über das entsprechende Stilgefühl und Stilempfinden, mit dem auch die Mittelsächsische Philharmonie zu einer gelungenen Aufführung beitrug.
Für die abwechslungsreiche vokale Besetzung vom einstimmigen Sologesang über verschiedene Kombinationen mit Chor und Orchester stand ein sehr unterschiedlich besetztes Solistenensemble zur Verfügung, aber Albrecht Koch verstand es, alle Beteiligten zu einer in sich geschlossenen Wiedergabe in Harmonie zwischen Soli, Chor und Orchester zu vereinen.
Die deutsch-brasilianische, in Brasilien und an der HfM Dresden ausgebildete Sopranistin Lindsey Funchal, die zurzeit Ensemblemitglied des Mittelsächsischen Theaters Freiberg ist und deshalb mehr auf Oper orientiert, fügte sich auch mit ihrem auffälligen, aber weniger störenden Vibrato gut in das Solistenquartett ein. Sie erschließt sich jetzt mehr und mehr die Welt des Konzert- und Oratoriengesanges.
Technisch perfekt und mit Stilgefühl sang der Konzert- und Opernsänger Thomas Kiechle die Tenor-Partie und überzeugte in Satz VI mit der Strophe „Fac meveretecum flere“ („Lass mich wahrhaft mit dir weinen“).
Die zarte, warme Altstimme von Louisa-Marie Möbius war vielleicht für den Dom etwas zu klein, aber die Sängerin konnte dennoch, vor allem mit der, mit Innigkeit gesungenen Strophe „Inflammatus et accensus“ („Dass mein Herz von Lieb entzündet“) in Satz IX die aufmerksam Zuhörenden gewinnen.
Zum gestalterischen Höhepunkt wurde Satz IV für Bass solo und Chor mit Andreas Scheibner, dem auch bei seiner internationalen Karriere in Oper und Konzert die musica sacra seiner sächsischen Heimat besonders wertvoll ist. Er kennt keine technischen Schwierigkeiten. Souverän, mit ausgesprochen wohlklingender Stimme, ausgefeilt bis ins letzte Detail, hatte er genügend Freiraum für eine großartige Gestaltung.
Oft wird Dvořáks „Stabat Mater“ auch in großen Konzertsälen aufgeführt, aber diese stimmige, in sich geschlossene Aufführung dieser wahrscheinlich persönlichsten geistlichen Komposition Dvořáks in der beeindruckenden Atmosphäre des Freiberger Domes konnte sich auch in diesem vergleichsweise „kleineren“, intimeren Rahmen hören lassen und erfreute die Besucher, die aus der gesamten Umgebung herbei geströmt waren.
Eine andere Aufführung fand im großen Rahmen in der Dresdner Kreuzkirche statt.
Dresden/Kreuzkirche: „STABAT MATER“ VON ANTONÍN DOŘÁK – 2.4.2023
Mit großem Chor, mittlerem Orchester und erfahrenen Solisten konnte hier der orchestrale wie vokale Farbenreichtum des Werkes und die, den Text plastisch illustrierende Melodik voll zur Geltung kommen. Matthias Jung, der unter anderem den Dresdner Kreuzchor kommissarisch geleitete hat (1994-1996) und die Akustik der Kreuzkirche genau kennt, hatte seine beiden, von ihm gegründeten, unterschiedlich orientierten Chöre, das Sächsische Vocalensemble und den dresdner motettenchor am Heinrich-Schütz-Konservatorium zu einem großen homogenen Chor mit auffallend guten, sehr sicheren und stilsicheren Männerstimmen (darunter zahlreiche ehemalige Mitglieder des Dresdner Kreuzchores) vereint, der besonders im ersten und letzten Satz Eingangs- und Schlusschor, aber auch im Wechsel mit den Solisten Akzente setzte.
Das, 1992 von seinem Leiter, Marek Štryncl, der in Dresden barockes Violoncello studiert hat, gegründete Orchester Musica Florea Prag, das führende Barock-Orchester Tschechiens, das naturgemäß auch eine enge Beziehung zur romantischen Musik seines Landsmanns Dvořák hat, sorgte für die Ausführung des instrumentalen Teils, wobei für Musik der Romantik nicht unbedingt ein Orchester mit alten Instrumenten erforderlich ist, deren notwendiges Nachstimmem den kontinuierlichen Fortgang der Aufführung unterbrechen musste.
Für die Sopranistin Maria Perlt war sehr kurzfristig (5 Stunden vor der Aufführung) Lindsey Funchal eingesprungen, die die Partie tags zuvor im Freiberger Dom gesungen hatte und sich auch in der Kreuzkirche mit ganz anderer Akustik bewährte.
Für Markus Brutscher war Wolfram Lattke eingesprungen und bewältigte den Tenor-Part mit hellem Timbre und sanfter Tongebung.
Bei dieser Aufführung setzte die Altistin Henriette Gödde schon bei ihren ersten Einsätzen und erst recht mit der von ihr mit technischer Perfektion gesungenen und gestalteten Strophe in Satz IX die Glanzpunkte. Auf der Grundlage perfekter Gesangstechnik deutete sie souverän ihre Partie bis in jede Feinheit aus.
Einfühlsam, mit Engagement und Gestaltungswillen trat auch Daniel Ochoa mit der vom Bass gesungenen Strophe in Satz IV hervor.
Matthias Jung leitete den großen Aufführungsapparat umsichtig und inspirierend in einer großartigen Steigerung, die am Schluss zu einem atemberaubenden Höhepunkt führte.
Ingrid Gerk

