Oper Frankfurt: WRITTEN ON SKIN von George Benjamin und M.Crimp (Text), 21.3.26

Bo Skovhus (The Protector), Iurii Iushkevich (The Boy; hinten), Cecelia Hall (Mary) und Michael McCown (John). Foto: Barbara Aumüller
Von G. Benjamins bisher drei abendfüllenden Opern ist WRITTEN ON SKIN wohl die bekannteste und wurde seit der UA 2012 bisher über 100 Mal nachgespielt. Das ist sensationell, und liegt sicher auch am Librettist Martin Crimp,der den Stoff aus einer mittelalterlichen Sammlung entnahm, in der 3 Engel den Großgrundbesitzer als Protector und seine Ehefrau Agnes erfinden.Ein Engel (Countertenor) schlüpft in die Rolle des Boy und soll den Protector in einer Buchmalerei verherrlichen.Agnes bittet den Boy,das Porträt einer Frau zu zeichnen, die wahrhaft liebt. Aufgrund des Porträts, in dem sie sich selbst erkennt, verliebt sich Agnes leidenschaftlich in den Boy, und die beiden beginnen eine Affäre. Die Ehe mit dem Protector verläuft hingegen mau. Agnes sagt ihm,d ass der Boy viel leidenschaftlicher sei. Dieser verleugnet aber seine Beziehung. Agnes fühlt sich von ihm verraten und verlangt, auf brutalstmögliche Weise den Protector davon in Kenntnis setzen, indem er auf einer Buchseite seine Liebesnächte im Detail beschreibt.(„Written on Skin“, die mittelalterliche Schreibweise auf Tierhäuten) Der Boy wird vom Protector daraufhin getötet, und er setzt sein Herz seiner unwissenden Frau zum Essen vor. Danach entzieht sie sich dem Protector und stürzt sich in den Tod. Die 3 Engel beobachten den Fall mit kalter Faszination. und ziehen weiter.
G.Benjamin betont für seine Kompositionsweise, dass er den Protagonisten, -innen, keine ‚Erkennungsmotive‘ zugewiesen habe, dass sich aber musikalische Sphären für den Protector, Agnes, First Angel/The Boy, 2. Engel/Marie als Schwester von Agnes und dem 3.Engel/John, im Arbeitsprozess herausgebildet haben. Er gibt zu, dass er mit diesem Motiv, das ihm samt seiner Vertextung von Crimp zugespielt wurde, eigentlich die Popularität seiner Oper verdankt. Mit dem Verzehr des Herzens des Liebhabers ist sie einfach spektakulär. Ansonsten bewegt sie sich musikalisch auf hohem Niveau, und tonale und atonale, bzw. auf 12-Tonreihen fußende Sequenzen halten sich fast die Waage. Es gelingt Benjamin auch, ein romantisch großes Orchester in allen seinen Möglichkeiten echt virtuos einzusetzen. Dafür gibt das Frankfurter Museumsorchester alles und mitgestaltet unter der Stabführung Eric Nielsens, der in Frankfurt schon einen packenden BILLY BUDD abgeliefert hat, einen ansehnlichen Opernabend.
Für die Inszenierung sorgt die renommierte Regisseurin Tatjana Gürbaca.Die dreiteilige Oper wird pausenlos durchgespielt.Sie führt die Personen manchmal wie halsbrecherisch auf einen mit vielen absteigenden hügeligen Hang, dessen Hügel aber geometrisch angeordnet sind (Bb,auch Licht: Klaus Grünberg). Sie möchte in einem vielschichtigen Geflecht patriarchalische Kontrolle und Unterwerfung, Sinnlichkeit und Revolte ,Zivilisation und Ausbeutung vergegenwärtigen, was ihr in den bunten und sehr phantastuösen Kostümen von Silke Willrett auch (zumindest ansatzweise) gelingt. Manchmal ist sie auch surreal, wenn heutige Flugzeuge, wie über einem seltenen Planeten auftauchen. Die 3 Engel sollen dem Chor in der griechischen Tragödie entsprechen. Das Essen des Herzens wird bei Gürbaca mit dem Biss Evas In den Apfel als Erkenntnisgewinn verglichen: Agnes wird hellsichtig (vorher konnte sie nicht einmal lesen und schreiben) und lebt weiter bzw fährt zu den Klängen einer Glasharmonika in den Himmel, während der Protektor, der einmal auch unter ihrem weißen Riesen-Reifrock von unten eingetaucht ist, im Nichts zurückbleibt. Der Boy ist mit langen blonden Haaren, aber meist in sehr eleganten dunkel glitzernden Anzügen gezeichnet.

Foto: Barbara Aumüller
Den 3.Engel gibt Michael McCown tenoral im blauen Einheitsgewand der Engel mit 3 weissen Halsstreifen. Als John erscheint er aber auch mal in eine ausladende gelbe Robe gesteckt. Den 2. Engel/Marie singt mit geschmeidigem Mezzo und einer enigmatischen braunen Kopfdraperie Cecelia Hall. 1. Engel und Boy ist Iurii Iushkevich mit fein gestyltem Countertenor. Die Agnes singt mit herrlichem Sopran Elizabeth Reiter, und den Protector übernimmt die Baritonlegende und gleichzeitig Doppelkammersänger Bo Skovhus.
Friedeon Rosen

