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FRANKFURT/ Opernhaus: DIE ERSTEN MENSCHEN von Rudi Stephan

07.07.2023 | Oper international

FRANKFURT/OPER: DIE ERSTEN MENSCHEN von Rudi Stephan

am 6.7.2023

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Copyright: Matthias Baus

Ich muss ja gestehen, dass nicht einmal so ein deklarierter Raritätensammler wie meine Wenigkeit den Namen dieses Komponisten je gehört hatte. Zu meiner Entschuldigung sei vorgebracht, dass es auch allen meinen Freunden und Kollegen so geht, und zu unser aller Entschuldigung, dass halt allgemein wenig Gelegenheit bestand, Werke von Rudi Stephan kennenzulernen. Denn Stephan, der als eine der größten Hoffnungen des deutschen Musiklebens galt, fiel in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs an der Front in Tarnopol. Sein Nachlass verbrannte bei Angriffen auf seine Heimatstadt Worms, und seine einzige Oper „Die ersten Menschen“ wurde erst fünf Jahre nach seinem Tod in Frankfurt uraufgeführt.

Die Oper Frankfurt nahm dieses Jubiläum jetzt zum Anlass, um mit großem Aufwand eine Neuinszenierung dieses Unikats auf die Bühne zu bringen.

Wenn man den Besetzungszettel liest, ist man eigentlich schon gewonnen. Denn allein die Schreibweise der biblischen Protagonisten verheisst Ungewöhnliches: Adahm, Chawa, Chabel und Kajin. Auch der Untertitel „ erotisches Mysterium“ und die kurze Inhaltsangabe machen neugierig: Adahm kann nicht mehr („Es ist Herbst.“), während Chawa („Frühling!Frühling!“) urgeil ist und unbedingt noch ein Kind will. Und so begibt sich, dass ihre beiden Söhne sie begehren (gibt ja weit und breit kein anderes „wildes, wildes Weib“). Mit dem „guten“ Chabel schläft sie sogar. Als der „böse“ Kajin das entdeckt, erschlägt er aus lauter Eifersucht seinen Bruder. Endlich wieder Inzest in einer Oper !

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Kleinbürgerhölle. Foto: Matthias Baus

Soweit, so spannend. Als man dann aber die Texte von Otto Börngräber zu Gehör bekommt, ist man rasch abgelöscht. Ich hasse ja das permanente Lamento über schlechte Libretti…aber dieses hier ist mit seiner expressionistisch-schwülstigen, von Stabreimen und Ellipsen durchsetzten Verquastheit, schon wirklich jenseits der Erträglichkeit.

Musikalisch geriet dieser Wiederentdeckung für den scheidenden Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und für die Sängerinnen – Ambur Braid (Chawa), Andreas Bauer Kanabas (Adahm), Iain  MacNeil (Kajin) und Ian Koziara (Chabel) – zum Triumph.

Leider trug außer den Texten, bei denen sich einem permanent die Fussnägel aufrollten, einem das Geimpfte aufging und man sich vor lauter Cringe-igkeit dauernd zusammenkrümmen musste, hauptsächlich die Inszenierung von Tobias Kratzer dazu bei, einem diesen Abend gründlich zu vergällen.

Kratzer ist ja eine Art „One-Hit-Wonder“: berühmt wurde er durch eine seltsamerweise von allen gelobte „gespritzte“ Tannhäuser-Inszenierung in Bayreuth (die heuer wieder aufgenommen wird), aber seither hat er eigentlich alle Produktionen in den Sand gesetzt, zuletzt eine unfassbar hässliche „Gazza ladra“ in Wien. So wie damals hat er sich auch hier eine mit völlig sinnlosen Requisiten vollgeräumte hypernaturalistische Küche auf die Bühne stellen lassen. Zoff im Gemeindebau. Inzest bei Prolls. Ein echter Adahm geht nicht unter…

Im zweiten Akt gibt es sogar noch eine drastische Steigerung der Grässlichkeit: auf einer riesigen, dauernd in Bewegung befindlichen Drehbühne bekommen wir ein postpostapokalyptisches Szenario vor unsere armen Augen geknallt. Alles kaputt, alles zerstört, alles verkohlt, alles schwarz. Chawa und Chabel treiben es in schwarzen Overalls (wie erotisch !) mit Gasmasken in einem kaputten Auto (darf derzeit in keiner Inszenierung fehlen) usw. usf…

Kratzer ist der typische willige künstlerische Handlanger von sich als Umerziehungslagerkommandanten verstehenden Opernintendanten, der seine Karriere – ohne Rücksicht auf Verluste, was die ihm anvertrauten Werke betrifft – gnadenlos durch eine im jeden Preis „originell“ sein wollende, „krasse“ Regie-Handschrift unbarmherzig vorantreibt.

Und Verbrechen zahlt sich bekanntlich aus: trotz oder wegen seiner bekannten Untaten wurde Kratzer ja kürzlich (gemeinsam mit dem pro forma – Musikdirektor der Wiener Volksoper, dem Jobhopper Omer Meir Wellber) zum neuen Chef der Hamburger Staatsoper bestellt.

Die Hamburger können einem jetzt schon leid tun…

Robert Quitta, Frankfurt

 

 

 

 

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