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FRANKFURT/ Oper: L’ITALIANA IN LONDRA von Domenico Cimarosa

10.10.2021 | Oper international

Oper Frankfurt: ‚L’italiana in Londra‘ von Domenico Cimarosa  9.10.

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Foto: Angela Vallone, Iurii Samoilov, (c) Monika Rittershaus

In Frankfurt wurde jetzt als 1.Saisonpremiere im Opernhaus L’italiana in Londra von Cimarosa aufgeführt. L’italiana in Londra? Man kennt eigentlich nur „L’italiana in Algier“, und die ist von Gioacchino Rossini, der ja im 19./20.Jahrhundert wiederentdeckt wurde, und der heute mit einigen Opernhits im Repertoire verankert ist. Sein Vorläufer Cimarosa ist heute dagegen so gut wie vergessen, nur sein ‚Matrimonio segreto‘ wird noch manchmal gespielt. ‚L’italiana in Londra‘ hat Rossini sicher auch zu seiner Italienerin, aber in Algier, inspiriert. Wobei aber gesagt werden muß, daß beide ganz unterschiedlich sind, was die Arien betrifft, da ist Cimarosa schon sehr konzis und verzichtet weitgehend auf Koloraturen, Fiorituren und anderen manchmal etwas schematisch wirkenden ‚Schnickschnack‘, der bei Rossini dagegen fest verankert scheint. Ähnlich sind sie sich aber bei der Anziehung, Verdichtung und Zuspitzung in den Aktfinali, bei Cimarosa ‚angedacht‘, bei Rossini dann so vertieft, daß sie bis zu einem Drittel des gesamten Akts einnehmen können, indem auch andere musikalische Formen und Charaktere hineingenommen und zusammengezogen werden. In dieser Hinsicht hat sich aber auch Mozart viel von den Beiden abgeschaut, und eine ‚Nozze di Figaro‘ wäre ohne ‚Matrimonio segreto‘ oder eine  ‚Italiana in Londra/Algier‘ so gar nicht denkbar. 

Der Text von Giuseppe Petrosellini für Cimarosas L’italiana ist eigentlich ganz schön komplex. In einem Londoner Hotel von Madama Brillante gibt es ein paar Dauergäste, den holländischen Geschäftsmann Sumers, den neapolitanischen Lebemann don Polidoro sowie die geheimnisvolle Enrichetta, eigentlich Livia, Tochter eines reichen Genuesers. Dazu gesellt sich der englische Milord Arespingh, zu dem Livia eine Beziehung hatte, und die den  Verschwundenen in London sucht. Inzwischen bändeln  Madama Brillante und Polidoro miteinander an, aber indem die Hoteliersfrau den Italiener, der seinerseits Enrichetta kennen lernen möchte, mit einem geheimnisvollen schwarzen Stein, der unsichtbar macht, an der Nase herumführt. Livia, die Arespingh liebt, aber von  seiner Untreue überzeugt ist, wird vom langen Arm ihres Vaters wegen Ausreißens verhaftet, aber von Arespingh wieder ausgelöst, der ihr auch beweisen kann, daß er sich nicht auf die anderweitigen Heiratspläne seines Vaters  eingelassen hat. Am Ende finden sich 2 Paare (wieder), nur Sumers, der auch ein Auge auf ‚Enrichetta‘ geworfen hatte und ihr helfen wollte, geht leer aus.

Aus dem Graben kommt die Musik erst noch ein wenig spröde daher, später dreht sie aber auf, und  die Kompositions-Finessen Cimarosas kommen voll zum Tragen. Auch harmonisch interessante ‚Kurz-Wendungen‘ finden sich ein, und in den Finali jagen sich die Musikfetzen wie Wolken bei starkem Wind. Auch starke Motive oder Melodien und deren Abwandlungen tragen zum Kompositionsbild bei. Das Frankfurter Orchester hält alles in guter Balance und spielt es wie aus einem Guß. Der Dirigent ist Leo Hussain und begleitet kurze Rezitative am Hammerflügel. Es gelingt ihm bei den intrikaten Stellen, das Orchester gut aufzumischen, und er strahlt sonst Unaufgeregtheit und Übersicht aus. 

Die Inszenierung R.B.Schlathers ist durch größtmögliche Beweglichkeit, gutes Spiel und eindrückliche Charakterisierung der 5 ProtagonisInnen gekennzeichnet. Dazu kommt ein nahezu geniales Bühnenbild von Paul Steinberg. Zentral befindet sich ein dicker Rundturm, der an den Londoner Tower gemahnt, vorn erscheinen manchmal weiße Türen auf, die von Polidoro auch abgenommen und geschultert werden, hinter denen sich aber nichts verbirgt. Die Farbe  des Turms ist weiß mit schwarzen trapezartigen schwarzen Fachwerken oder umgekehrt. An ihm hängt auch Enrichetta/Livia bei ihrer Auftrittsarie, in eine Riesen englische Flagge eingehüllt. Rechts noch eine weiße Telefonzelle, in der meist Arespingh die Telefonate seines Vaters, des englischen Königs, entgegennimmt. Links ein gelber Tresen, der eine Bar mit Getränken enthält. 

Auch die Kostüme (Doey  Lüthi) sind eine Wucht. Sumers in violettem Nadelstreif, Polidoro in offenem weißen Hemd und karminroten Hosen. Arespingh in engem schwarzem Anzug mit Bratenrock und Bowler Hut. Für die Damen natürlich mehrere Kleiderwechsel. Madama Brillante mit einer runden gelbblonden Perücke mit Korkenzieherlocken, natürlich gewagten Delcolletes und mit bunten Streifenröcken, die bis zur Taille geschlitzt sind, ihrer vollschlanken Figur bestens angemessen. Livia erst in einem schick aufgebügelten schwarzen Hosenanzug, dessen Weste den Rücken ganz frei läßt. Ihr zweites Kleid ist dann der Hammer. Eine violette Riesenrobe aus der Zeit Ludwigs XIV. mit langen wuscheligen Straußenfedern, in die sich auch Milord Arespingh nach der Versöhnung in der glaslosen Telefonzelle ausgiebig hineinkuscheln kann.

Livia ist Angela Vallone mit angenehm berührendem Sopran erst etwas furienhaft dem früheren Liebhaber gegenüber. später wieder ganz anschmiegsam. Dabei meistert sie die Finten, die ihr Part birgt, grandios. Eigentliche Primadonna ist aber Madama Brillante der Bianca Tognocchi. Wie sie den Polidoro mit ihren schwarzen Steinen sich letztlich gefügig macht, ist brillant im wahrsten Sinne des Wortes. Und dabei kann sie auch einen schlackenlosen, einnehmend wohlklingenden jungdramatischen Sopran vorweisen.

Der amerikanische Tenor Theo Lebow singt den Sumers auch ganz ausgezeichnet. Mit sehr angenehmem Timbre läßt er sich etwa über die englische Kriegsmanie aus, die sich für seine Geschäfte eher unpositiv auswirkt. Den Arespingh gibt der junge ukrainische Sänger Iurii Samoilov, der bereits 2014 vom Opernstudio ins Ensemble wechselte. Auch sein Bariton ist eine Ohrenweide. Den Don Polidoro stellt der kanadische Baßbariton Gordon Bintner ganz köstlich. Er hat vielleicht die meisten Fiorituren und gesanglichen Ausschmückungen in seiner Partie, die er bei legerem Spiel ganz großartig auskostet.                                       

Friedeon Rosén

 

 

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