FRANKFURT / Oper Frankfurt: MAZEPPA
Oper in drei Akten und sechs Bildern von Peter I. Tschaikowski
Text von Victor P. Burenin und Peter I. Tschaikowski nach Alexander S. Puschkin
Uraufführung 1884, Bolschoi-Theater, Moskau
Übernahme einer Produktion der Tiroler Festspiele Erl
18.9.2026

Alexander Roslavets (Premierenbesetzung des Kotschubej) und Nombulelo Yende (Maria) sowie Jihun Hong (Iskra) | Foto: Xiomara Bender
Regisseur Matthew Wild erzählt die Geschichte nicht als historisches Drama aus dem frühen 18. Jahrhundert. Die Kosaken und ukrainischen Fürsten sind verschwunden, geblieben ist eine Welt aus Familienclans, Geschäftsleuten und bewaffneten Männern. Die Produktion wurde 2024 bei den Tiroler Festspielen Erl aufgeführt und nun von der Oper Frankfurt übernommen.
Herbert Murauers Bühnenbild ist dafür ausgesprochen passend. Eine große Wand teilt die Bühne und gibt immer wieder den Blick in die Räume der Mächtigen frei. Man sieht das Wohnzimmer der Familie Kotschubej, ein Badezimmer, Marias Kinderzimmer, später auch Mazeppas Umfeld. Die Einrichtung erinnert an eine wohlhabende Gesellschaft Osteuropas aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Nichts wirkt historisch, und gerade deshalb ist schnell klar, dass es hier nicht um eine vergangene Epoche geht.
Besonders wichtig ist das Badezimmer. Was zunächst wie ein ganz gewöhnlicher privater Raum aussieht, wird später zum Folterort. Während dort Menschen gequält werden, befindet sich Maria nur wenige Schritte entfernt. Diese Nähe macht die Brutalität der Inszenierung besonders deutlich.
Marias Kinderzimmer mit seinen Stofftieren gehört zu den eindrücklichsten Bildern des Abends. Hier lebt zunächst noch die Erinnerung an eine behütete Kindheit. Später wird dieser Raum zum Schlafzimmer von Maria und Mazeppa. Die Stofftiere bleiben dabei als Erinnerung an eine Welt zurück, die für Maria längst nicht mehr existiert. Am Ende kehrt dieses Motiv noch einmal zurück. Maria nimmt ihre Stofftiere wieder hervor und hält schließlich einen blutigen Teddy in den Händen. Aus dem Zeichen der Kindheit ist ein Bild des Schreckens geworden.
Bibi Abels Videos zeigen dazu Bilder von Krieg und Zerstörung. Vor allem während des Übergangs zur Schlacht von Poltawa wird der Bezug zur Gegenwart deutlich. Wild braucht dafür keine direkten politischen Kommentare. Die Bilder reichen aus. Auch die Festgesellschaft ist bemerkenswert. Ein Tänzerpaar bewegt sich zunächst in einer beinahe klassischen Welt. Dann stürmen die hinein und zerstören diese Ordnung. Christiana Stefanou zeichnet die Choreografie, für die Kampfszenen ist Stephen Louis verantwortlich.
Wild zeigt dabei immer wieder auch die Menschen, die mit den Entscheidungen der Mächtigen leben müssen. Oben werden Pläne geschmiedet, unten bleiben die Folgen. So wird aus Tschaikowskis historischer Geschichte ein Stück über eine Gegenwart, in der Macht, Geld und Gewalt eng miteinander verbunden sind.
Karsten Januschke führt das Frankfurter Opern- und Museumsorchester sicher durch die fast vier Stunden dauernde Aufführung. Tschaikowskis Musik darf dabei ihre ganze Klangfülle entfalten. Es gibt große dramatische Ausbrüche, aber ebenso viele lyrische Momente, in denen er das Orchester zurücknimmt und den Sängern Raum lässt. Besonders schön gelingen die Stellen, in denen Tschaikowski seine melodische Seite zeigt. Januschke vermeidet dabei übermäßiges Pathos.
Auch der Chor der Oper Frankfurt unter der Leitung von Manuel Pujol ist eine wichtige Säule des Abends. Gerade bei dieser Oper, in der immer wieder zwischen privater Szene und gesellschaftlichem Geschehen gewechselt wird, trägt der Chor wesentlich zum Eindruck dieser großen, von Gewalt bestimmten Welt bei.
Nombulelo Yende ist für mich die stärkste Sängerin des Abends. Ihre Maria ist zunächst eine junge Frau, die sich von Mazeppa angezogen fühlt und sich gegen ihre Familie stellt. Später wird aus der selbstbewussten jungen Frau ein Mensch, der an den Ereignissen zerbricht.
Yende findet dafür auch stimmlich die richtigen Farben. Ihr Sopran kann zart und verletzlich sein, besitzt aber ebenso Kraft und dramatisches Gewicht. Besonders im letzten Teil der Oper wird ihre Darstellung immer eindringlicher.
Die Schlussszene gehört ihr. Maria ist psychisch längst aus ihrer Welt gefallen, und Yende macht diesen Zustand nicht mit großen Gesten, sondern mit einer erschütternden Mischung aus Verlorenheit und Erinnerung sichtbar. Wenn sie am Ende den blutigen Teddy in den Händen hält, bekommt die ganze Geschichte noch einmal eine andere Dimension. Die Szene bleibt im Gedächtnis. Auch die Oper Frankfurt selbst hebt die Wirkung von Yendes Schlussarie hervor.
Alex Birkus war an diesem Abend erstmals an der Oper Frankfurt als Kotschubej zu erleben. Für mich war er neben Yende der stärkste Sänger des Abends.
Sein Bass gibt Kotschubej von Beginn an Autorität. Gleichzeitig beschränkt Birkus die Figur nicht auf den mächtigen Familienvater. Hinter dem selbstbewussten Mann wird immer wieder der Vater sichtbar, der seine Tochter liebt und zugleich nicht akzeptieren kann, dass sie sich seinem Einfluss entzieht.
Besonders stark wird Birkus in den späteren Szenen. Kotschubej verliert dort alles, was ihm zuvor Sicherheit gegeben hat. Im Gefängnis und vor seiner Hinrichtung ist von dem mächtigen Familienoberhaupt nicht mehr viel übrig. Birkus gestaltet diesen Wandel mit großer Präsenz und ohne jegliches Pathos.
Petr Sokolov gibt den Titelhelden als selbstbewussten Mann, der sich seiner Wirkung auf andere bewusst ist. Sein Mazeppa muss seine Macht nicht ständig demonstrieren. Vieles geschieht mit einer gewissen Ruhe und Selbstverständlichkeit. Sein Bariton besitzt das nötige Gewicht für die Partie und trägt auch in den dramatischen Szenen. Insgesamt überzeugt Sokolov als Mazeppa, ohne für mich die Intensität von Yende und Birkus zu erreichen.
Auch die kleineren Partien sind sorgfältig besetzt. Karolina Makuła gibt Ljubow, Marias Mutter, mit Wärme und großer Sorge um ihre Tochter. Besonders die gemeinsame Szene mit Maria gehört zu den ruhigeren Momenten des Abends. John Findon ist ein überzeugender Andrej. Sein heller Tenor passt gut zu der jungen Figur, die im Gegensatz zu Mazeppa und Kotschubej nicht über Macht verfügt. Gerade deshalb wirkt sein Schicksal besonders tragisch. Jarrett Porter stattet Orlik mit klarer Präsenz aus. Jihun Hong gibt Iskra einen beweglichen Tenor. Kudaibergen Abildin sorgt als betrunkener Kosak für einen kurzen grotesken Moment, bevor die Handlung wieder in ihre düstere Richtung kippt.
„Mazeppa“ ist keine leichte Kost. Die fast vier Stunden vergehen trotzdem erstaunlich schnell, weil die Inszenierung die Handlung konsequent vorantreibt und die Räume immer wieder neue Perspektiven auf das Geschehen eröffnen.

