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FRANKFURT: OEDIPUS REX / IOLANTA. Premiere

29.10.2018 | Oper

Frankfurt: Oedipus Rex/ Iolanta  28.10. 2018 Premiere

Die Oper Frankfurt bringt als frischgebackenes Opernhaus des Jahres (Opernwelt) als  2. Saisonpremiere  die beiden Kurzopern Oedipus Rex von Strawinsky und Iolanta von Tschaikowski. Auf den ersten Blick sind es zwei Raritäten der beiden berühmten russischen Komponisten, bei denen man bei näherer Betrachtung auch Gemeinsamkeiten findet. Beide haben nämlich blinde ProtagonistInnen, Oedipus sticht sich am Ende die Augen aus, Iolanta ist geburts- bzw. kindheitsblind, wird aber am Ende durch Heilung sehend. In beiden Fällen ist die Blindheit bzw. deren Heilung Ergebnis eines längeren Prozeßes, auf dessen Spannung das jeweilige Stück beruht. Zeitlich liegen sie beide nur 25 Jahre auseinander, es hat sich aber die tonale spätromantische Musik zur atonalen/polytonalen und in Stawinskys Fall auch zur Neuen Sachlichkeit gewandelt. Natürlich werden sie in Frankfurt aber in derselben oder ähnlichen musikalischen Besetzungen gespielt, für deren Leitung jeweils Sebastian Weigle als GMD verantwortlich zeichnet, während die Inszenierung die Deutschamerikanerin Lydia Steier übernommen hat.


(Oedipus Rex): Tanja Ariane Baumgartner (Jokaste; im roten Kleid), Peter Marsh (Ödipus; rechts) und Gary Griffiths (Kreon; dahinter) sowie Ensemble . Copyright: Barbara Aumüller

Das im neusachlichem Stil komponierte  ‚Opernoratorium‘ hat somit antitheatralen Charakter und erhält über die von Strawinsky gewählte lateinische Sprache eine gewisse „versteinerte“ Ausdrucksweise und kann somit der der griechischen Vorlage klassischen Ausdruck verleihen. So wird auch -, im klassischen Ebenmaß -,  unter Sebastian Weigle musiziert und die vielgestaltigen Chöre fügen sich darin wie Amalgame ein. Steier konterkariert klassisches Ebenmaß durch ein völlig bewegtes spontanes Bühnenleben wie in einer griechischen Agorá, stellt etwa eine thebanische Gerichtsverhandlung dar, wo sich die thebanischen Volksführer in einem Oval vor einem klassizistischen Fassade (Bb.: Barbara Ehnes) wegen der Pest in ihrer Stadt zusammen gefunden haben. Da liegen bei allen die Nerven blank, wenn auch Pestkranke hereingeführt werden, die vor der Versammlung verenden, und ihre Wärter in Gasmasken danach von Iocaste wie Hunde abgeführt werden. Oedipus wird dabei als schwacher Herrscher gezeigt, den die Angst vor Aufdeckung des Mordes an Laios beherrscht. Nach der Selbstverstümmelung verschwindet er mit seiner kleinen Tochter (Antigone?), die dem gesamten Geschehen beigewohnt hat, während man auf der Rückseite des nun gedrehten Gerichtes die aufgehängte schwangere Iocaste sieht. Mit sehr suggestiven, in den Entstehungszeiten der Opern angesiedelten Kostümen wartet Alfred Mayerhofer auf.

Bei ‚Iolanta‘ sieht man in einem Oberstock das Schlafgemach der Titelfigur, dessen hohe Wände ganz mit roten Puppen ausstaffiert scheint. Auf dem Bett wird sie von ihren Gefährtinnen, alle mit Gesichtsmasken, was wohl auf die eigene Blindheit einen Fingerzeig gibt, angekleidet, mit Gesängen erfreut und auch akustisch mit Natur konfrontiert, dann wieder zu Bett gebracht. Während im Untergeschoß, wo sich auch die Puppen zuerst befinden, der arabische Arzt erwartet wird, sieht man den Vater Iolantas, König Rene, oben bei ihr liegen und sich danach wieder ostentativ anziehen. Nachdem er gegangen ist, dringen zwei Ritter bei ihr ein, von denen Vaudemont aber allein bleibt und sich in die erwachte Iolante verliebt.Bei seiner Beschreibung des Gesichtssinns setzt die gesamte Streicher-samt Harfenmacht ein, und in einem weitausschwingenden Gedicht feiern Vaudemont und Iolanta diese göttliche Schöpfung (Vorher hatten bei der blinden Iolante nur Holzbläser gespielt).  Da ist nun auch das Orchester ganz in seinem hinreißenden Element, wie auch Weigle sich diesem Kompositionsjuwel  mit starkem Gestaltungszugriff annähert. Bei der Geschichte gibt es in der Version Lydia Steiers kein Happyend. Nach der suggestiven Heilung, die Rene dann doch erlaubt, und sogar der Heirat seiner Tochter  mit Vaudemont zustimmt, realisiert die jetzt sehende Iolanta ihren andauernden Mißbrauch, schmeißt alle Puppen und sonstiges Inventar in rasendem Zorn auf den Boden, weist Vaudemont ab, und der Vater begeht scheinbar Selbstmord mit seiner Pistole. Die Katastrophe ist ausgebrochen.Somit sind die Enden der beiden Stücke aneinander angeglichen und das rechtfertigt auch die Sicht der Regisseurin, die sich bei ‚Iolanta‘ nicht mit einem ‚Ammenmärchen‘ zufrieden gibt.

Für den Oedipus hat Peter Marsh seinen schlanken kräftigen Tenor ganz belcantesk eingesetzt. Tanja Ariane Baumgartner kann mit  ihrem üppig raffinierten Mezzosopran die Iocaste bestens charakterisieren. Gary Griffiths führt als Kreon einen prägnanten Bariton ins Spiel und singt in ‚Iolanta‘ Robert, den Freund Vaudemonts. Der Baß Andreas Bauer zeichnet in ‚Oedipus‘ den Teiresias und gibt mit hellem markanten Timbre den Arzt Ibn-Hakia. Den Hirten bei Oedipus singt tenoral Matthew Swensen, in ‚Iolanta‘ den Almeric. Der Bote wird von Brandon Cedel gegeben. Als Sprecher firmiert in Oedipus Philipp Rumberg, es werden aber sich verändernde Kinderstimmen wahrgenommen.


(Iolanta): Asmik Grigorian (Iolanta). Copyright: Barbara Aumüller

Als Iolanta ist Asmik Grigorian absolut top. Die blonde Perücke, die sie als Blinde zu tragen hat, verpaßt ihr ein schlechtes Aussehen. Mit natürlichem  schwarzen Kurzhaar gewinnt sie und es blüht auch ihr schon fast jugendlich dramatisches Timbre auf. Robert Pamakov ist der allbeherrschende Vater im blauen Anzug, der über einen äußerst eigentimbrierten prägnanten Baß verfügt. Ganz unbedarft tritt AJ Glueckert als Vaudemont auf und kann sich mit seinen gutstimmigen Tenor bestens in Szene setzen und reizvoll in den Höhen  mit Asmik Grigorian harmonieren. Deren Gespielinnen sind Judita Nagyova (Martha), Elizabeth Reiter (Brigitta) und Nina Tarandek (Laura) unter den Masken ganz allerliebst. Als Bertrand kommt das Urgestein, der Baß Magnus Baldvinsson, mal wieder zum Einsatz.

Brandender Applaus in Frankfurt.                                                       

 Friedeon Rosén

 

 

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