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FRANKFURT/ hr-Sendesaal: KONZERT hr-SINFONIEORCHESTER „Schostakowitsch pur“. Kahchun Wong, musikalische Leitung, Boris Giltburg (Klavier)

23.05.2026 | Konzert/Liederabende

Schostakowitsch unter der Lupe: Kahchun Wongs radikale Deutung im hr-Sendesaal

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Kahchung Wong: Foto: Copyright by hr/Angie Kremer

Dmitrij Schostakowitsch taugt nicht zur beiläufigen Berieselung. Er verlangt nach dem existentiellen Offenbarungseid. Wer an diesem Abend die Plätze im hr-Sendesaal einnahm, suchte die Reibung an einer Ästhetik der Extreme – und bekam sie in einer Dichte geliefert, die noch lange nachhallen dürfte. Das hr-Sinfonieorchester präsentierte unter der Leitung des singapurischen Dirigenten Kahchun Wong drei Schlüsselwerke, die das Chamäleon Schostakowitsch in drei gänzlich unterschiedlichen Maskeraden zeigten. Wong, der sich seit seinem Triumph beim Mahler-Wettbewerb in Bamberg mit bemerkenswerter Geschwindigkeit zunehmend in die erste Liga der internationalen Orchesterlandschaft dirigiert  und mittlerweile das Japan Philharmonic sowie das Hallé Orchestra in Manchester leitet, gab an diesem Abend sein Debüt am Pult der Frankfurter. Es wurde eine Demonstration analytischer Schärfe und orchestraler Disziplin, die bewies, dass die Musik der sowjetischen Moderne tief in der gestalterischen DNA dieses Dirigenten verankert ist.

Den Auftakt bildete die Festliche Ouvertüre von 1954. Dieses Gelegenheitswerk, das oft als reines sozialistisch-realistisches Prunkstück missverstanden wird, geriet unter Wongs Händen zu einer funkelnden Visitenkarte. Er nutzte die Partitur, um die klanglichen Register des hr-Sinfonieorchesters bis in die äußersten Spitzen hinein zu polieren. Das Orchester glänzte in leuchtendsten Farben, die Fanfaren knackten präzise, und die motorische Unruhe des Hauptteils entwickelte einen unwiderstehlichen Sog. Wong dirigierte mit einer körperbetonten, ungemein plastischen Gestik, die jede Phrase strukturierte und den Pointen dieser Musik Raum zur Entfaltung gab. Das war kein hohles Pathos, sondern rhythmisch geschärfte Virtuosität, die das Publikum im Handumdrehen für den restlichen Abend einnahm.

Mit dem zweiten Klavierkonzert wechselte die Szenerie radikal hin zu einer neoklassizistischen Leichtigkeit, die man diesem oft so düsteren Komponisten kaum zugetraut hätte. Schostakowitsch schrieb das Werk als Prüfungsstück für seinen neunzehnjährigen Sohn Maxim – daher die reduzierte Orchesterbesetzung und der spielerische Gestus. Hier klopften die Geister Haydns und Beethovens vernehmlich an die Pforten der Moderne. Als Solist stand Boris Giltburg am Flügel, ein Pianist, der aus seiner Obsession für Schostakowitsch kein Hehl macht. Giltburg suchte die nackte Kraft in diesen Noten und fand sie bereits im eröffnenden Allegro, das er mit stupender Fingerfertigkeit und kraftvoller Härte anlegte. Das hr-Sinfonieorchester erwies sich als wacher, hochpräsenter Partner, der jeden Haken des Klavierparts behände parierte. Der eigentliche Höhepunkt ereignete sich jedoch im zentralen Andante. Giltburg verwandelte sich an den Tasten in einen Sänger, der die schlichte, enorm schöne Melodie mit einer subtilen Dynamik modellierte, die im Saal den Atem stocken ließ. Jedes feine Nuancieren des Anschlags wirkte durchdacht, ohne je kalkuliert zu erscheinen. Aus diesem klanglichen Refugium entließ er die Zuhörer in ein Finale von purer, frecher Spielfreude. Hier blitzte der Humorist Schostakowitsch auf, der mit harmonischen Querschlägern und rhythmischen Finessen das akademische Pflichtstück parodierte. Giltburg meisterte diesen halsbrecherischen Parforceritt mit einer Souveränität, die begeisterte Ovationen nach sich zog. Zwei klug gewählte Zugaben rundeten diesen ersten Teil ab und entließen das Publikum in eine Pause, die angesichts des dräuenden Hauptwerks dringend nötig war.

Nach der Unterbrechung stand die fünfte Sinfonie auf dem Programm – jenes Monument der Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts, das wie kaum ein anderes Werk unter der Last historischer Fehlinterpretationen gelitten hat. In den ersten Dekaden nach der Uraufführung 1937 wurde das Finale in westlichen Konzertsälen meist in mörderischem Tempo exekutiert, getrieben von einem ungenauen Notenbild und dem Glauben an ein vorbehaltloses Bekenntnis zum triumphalen Jubel. Dass Schostakowitsch selbst jene Hörer als Narren bezeichnete, die in diesem Finale einen echten Triumph sahen, gilt inzwischen als musikwissenschaftlicher Konsens. Es ist ein Jubel unter der Knute, ein verordnetes Aufbegehren unter den Augen des stalinistischen Terrors.

Kahchun Wong ging diese Partitur mit dem Wissen des Historikers und dem Gespür des Dramatikers an. Er dirigierte das monumentale Werk auswendig, was ihm eine absolute Kontrolle über die dynamischen Prozesse des Orchesters ermöglichte. Auffallend war seine Entscheidung, in allen vier Sätzen spürbar mehr Zeit zu nehmen als die gängige Aufführungspraxis diktiert. Dieses gedehnte Zeitmaß führte jedoch zu keinem Augenblick zu einem Erschlaffen der Spannung, sondern legte die Konstruktion des Werkes mit schneidender Klarheit offen. Schon im ersten Satz profitierte das Cantabile enorm von der ruhigen Gangart; es wirkte wie eine einsame Stimme in einer trostlosen Landschaft, bevor die gewaltigen orchestralen Eruptionen und der derbe Marsch den Satz in eine bedrohliche Kulisse verwandelten. Die feinen Soli von Flöte, Horn und Violine setzten schmerzhafte Akzente. Das Allegretto geriet zu einer bitteren Groteske. Wong ließ das hr-Sinfonieorchester die Karikatur mit einer Radikalität ausspielen, die man bei deutschen Kulturorchestern nur selten in dieser Schärfe hört. Der tänzerische Gestus war bis zur Fratze überzeichnet. Im Mittelteil, wenn die Solo-Violine anhebt, baute Wong bewusste Verzögerungen ein, die dem Ganzen etwas unheimlich Marionettenhaftes verliehen – kongenial grundiert durch das knarzende, fast unverschämte Grunzen des Kontrafagotts. Ein Humor, der auf dem Schafott balancierte. Das darauffolgende Largo bildete das emotionale Epizentrum des Abends. In einem deutlich breiten Tempo entfaltete sich ein Lamento von schneidender Intensität, das die Grenze des Erträglichen suchte. Hier zeigte sich die Klasse des Orchesters besonders in den leisen Passagen. Die Einsätze von Oboe, Flöte und Klarinette verloren jede pastorale Anmutung; sie klangen wie das Stammeln von Überlebenden. In Wongs Interpretation erhielt jedes Holzblasinstrument eine eigene, unverwechselbare Stimme – gleichsam ein Requiem für die im Gulag verschwundenen Weggefährten des Komponisten, der selbst allnächtlich mit gepacktem Koffer neben dem Fahrstuhl auf seine Verhaftung wartete. Der finale vierte Satz brach mit brutalen Paukenschlägen in diese Agonie ein. Wong reizte auch hier die Extreme aus und verweigerte dem Satz jegliche oberflächliche Glätte. Das choralartige Thema vor dem großen Kehraus wirkte wie ein erstarrtes Gebet im Angesicht der Katastrophe. Mit dem einsetzenden Wirbel der kleinen Trommel zog die Metrik die Schlinge unerbittlich zu. Die Musik detonierte schließlich in Fortissimo-Salven, die wie Schläge in die Magengrube wirkten. Die Streicher hämmerten das repetitive „Ich“-Motiv mit mechanischer Kälte in den Saal, während die finalen Schläge von Pauke und Becken jede Hoffnung auf eine versöhnliche Auflösung niederschmetterten.

Das hr-Sinfonieorchester wuchs an diesem Abend zu einer beeindruckenden Einheit zusammen und bewies eine stupende Wandlungsfähigkeit. Das Frankfurter Publikum dankte mit lang anhaltendem, enthusiastischem Jubel – für ein Orchester in Bestform und einen überragenden Kahchun Wong, der Schostakowitsch nicht nur dirigierte, sondern ihn radikal und tiefgehend neu zum Sprechen brachte. Was für ein starker, bewegender Abend!

Dirk Schauß, 23. Mai 2026

Schostakowitsch Pur
Boris Giltburg, Klavier
hr-Sinfonieorchester
Kahchun Wong, musikalische Leitung
Konzert im hr-Sendesaal am 22. Mai 2026 (auch als Videostream auf Youtube verfügbar!)

 

 

 

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