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FRANKFURT/ Heiliggeist-Kirche: Johann Sebastian Bach JOHANNES-PASSION. Cäcilienchor bändigt das theologische Beben der Johannes-Passion

23.03.2026 | Konzert/Liederabende

Cäcilienchor bändigt das theologische Beben der Johannes-Passion am 22.3.2026

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Hans Christoph Begemann. Foto: Martina Pipprich

Wer am späten Sonntagnachmittag des 22. März 2026 die Heiliggeistkirche in Frankfurt betrat, suchte vermutlich mehr als nur eine vertraute Rekonstruktion der Leidensgeschichte. Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion ist ein Werk von ungestümer, ja opernhafter Schroffheit – ein musikalisches Ringen, das den Komponisten über ein Vierteljahrhundert begleitete. Von 1724 bis 1749 feilte er an der Partitur, verwarf Sätze, schärfte Dissonanzen und suchte vergeblich nach einer endgültigen Gestalt. Diese bleibende Unabgeschlossenheit, dieses stete Werden und Suchen, war in der Aufführung des Cäcilienchors Frankfurt und der Neuen Hofcapelle Frankfurt unter Christian Rohrbach in jedem Takt spürbar. Es war eine Interpretation, die das Menschliche in den Vordergrund rückte und das Sakrale durch vitale, hochemotionale Erzählkraft ersetzte.

Die Heiliggeistkirche erwies sich als idealer Resonanzraum: voll besetzt bis auf den letzten Platz, bot sie eine Architektur, die Bachs klug gebautes, fein ausbalanciertes und theatralisch intensives Werk mitreißend zur Geltung brachte. Christian Rohrbach setzte bewusst auf einen fließenden, musikantischen Ansatz statt auf übersteigertes Drama. Er verschmolz den großen Chorapparat mit den historischen Instrumenten der Neuen Hofcapelle zu einer klaren, raumfüllenden Einheit. Die knapp achtzig Sängerinnen und Sänger des Cäcilienchors präsentierten sich in bestechender Verfassung: In der Polyphonie blieb jede Stimme konturiert, die Intonation saß felsenfest, die Textverständlichkeit war so präzise, dass das Programmheft überflüssig wurde. Schon der druckvolle Eingangschor „Herr, unser Herrscher“ sorgte in seiner Eindringlichkeit für Gänsehautmomente. Besonders in den Chören der Volksmenge, die Jesu Tod fordert, entfaltete der Chor eine Wucht, die den Zuhörer unmittelbar ins Geschehen zog.

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Christian Rohrbach. Foto: Jonas Boy

Das Solistenensemble bot ein Panorama unterschiedlicher gestalterischer Ansätze – ein Spiegel der Freiheit, die Rohrbach den Sängern ließ. Annemarie Pfahler am Sopran war das vokale solistische Ereignis des Abends. Ihr Timbre legte sich wie ein goldener Schimmer über die Orchesterbegleitung. In „Ich folge dir gleichfalls“ sang sie mit spielerischer Leichtigkeit einen freudigen Aufbruch, fern jedes dogmatischen Tons; in „Zerfließe, mein Herze“ entfaltete sie eine emotionale Bandbreite, die das Publikum den Atem anhalten ließ. Ihr Gesang war frei von Künstlichkeit – pure, wahrhaftige Entfaltung von Wohlklang und Obertönen.

Einen markanten Kontrapunkt setzte Hans Christoph Begemann als Bass-Bariton. Er ist kein reiner Tönesänger, sondern ein Darsteller von eminenter Präsenz und faszinierender Ausdruckskraft. Jeder seiner Beiträge war enorm spannend und vielschichtig. Sein Petrus war ein Mann in existenzieller Gewissensnot: Jedes „Ich bin’s nicht!“ lud er mit Bedeutung auf, die weit über das Notenblatt hinausging. Mit wachem Blick ins Publikum, perfekter Mimik und kernigem, sonorem Tongebung machte er ebenso die Ambivalenz des Pilatus greifbar – eine vielschichtige Charakterstudie, die den Kern der Passion traf und zu echten Höhepunkten führte.

Julian Habermann übernahm die anspruchsvolle Doppelfunktion des Evangelisten und der Tenor-Arien. Technisch brillant, mit unerschöpflicher Kondition und makelloser Intonation in den schwierigsten Passagen, blieb sein Bericht jedoch auffallend sachlich. Es war eine polierte, neutrale Erzählung – ein Chronist, der sich mehr als distanzierter Berichterstatter denn als Mitleidender verstand. In Momenten wie der Geißelung fehlte der Mut zur schmerzhaften Nuance, zur hässlichen Kante, die das Grauen widerspiegelt. Diese Deutung ist legitim, wirkte aber im Vergleich zu Begemanns expressiver Wucht monochrom.

Florian Küppers als Christus blieb zurückhaltend. Seine Stimme bringt die nötige Farbe mit, doch band er sich so stark an die Noten, dass emotionale Gestaltung in Andeutungen steckenblieb. Der erste Auftritt mit „Wen suchet ihr?“ klang eher nach einer genervten Frage als nach souveräner Präsenz; die Haltung mit dem gestreckt gehaltenen Klavierauszug wirkte fast wie ein Tablett – eine unfreiwillige Distanz, die den leidenden Heiland passiv erscheinen ließ. Es fehlte das markante, charismatische Profil, das diese zentrale Figur aus der Musik heraushebt.

Jonathan Mayenschein am Altus wählte den Weg der Verinnerlichung. Durch kultivierte Tongebung machte er die natürlichen Grenzen des männlichen Altus wett; besonders in „Es ist vollbracht“ berührte seine erschöpfte, anrührende Darbietung, auch wenn die Tragfähigkeit und Textverständlichkeit stellenweise hinter dem Klangideal zurückblieben.

Die Neue Hofcapelle Frankfurt war das Rückgrat: Das Continuo agierte mit wacher Aufmerksamkeit, das Zusammenspiel zeugte von tiefer Verwurzelung in der barocken Tonsprache. Rohrbach hielt die Fäden souverän, ohne Tempo zu forcieren – er ließ die Musik atmen, würdigte die meditativ-lyrischen Arien ebenso wie die dramatischen Chorszuspitzungen.

Das Besondere dieser Aufführung lag im Zusammenspiel von Ausführenden und Publikum. In den Chorälen – Bachs Stimme der Gemeinde – entstand echte Gemeinsamkeit. Als der letzte Ton verklungen war, verharrte die Menge in ergriffener Stille, bevor begeisterter Jubel ausbrach. Die Menschen erhoben sich zu stehendem Applaus. Es war eine humane Passion: nicht durch dogmatische Strenge, sondern durch musikalische Spielfreude, ehrliche Emotion und die Freiheit individueller Gestaltung überzeugend. Bachs ewiges Ringen um die Form fand hier eine lebendige, berührende Interpretation.

Dirk Schauß, 23. März 2026

 

Johann Sebastian Bach

Johannes-Passion

  1. März 2026, Heiliggeistkirche Frankfurt

Mitwirkende:
Annemarie Pfahler (Sopran)
Jonathan Mayenschein (Altus)
Julian Habermann (Tenor, Evangelist und Arien)
Florian Küppers (Bass, Christusworte)
Hans Christoph Begemann (Bass, Pilatus und Arien)

 

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