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FRANKFURT: DON CARLO

17.01.2016 | Oper

Frankfurt: „DON CARLO“ Besuchte Aufführung . 16.01.2016

Auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen, muss ich dennoch bemerken: immer wieder gelingt es der Intendanz der Oper Frankfurt Wiederaufnahmen mit interessanten Sängern neu zu besetzen und nun dazu in  den Aufführungen im Dezember und Januar in doppelter Ausführung. Das Haus sorgt immer wieder für höchst angenehme Überraschungen!

Somit wurde ich mehrmals zum Wiederholungstäter auch allein der ausgezeichneten Inszenierung von David McVicar in der lebendigen Figurenzeichnung und einfallsreichen Situationscharakterisierung wegen. Die fünfaktige Version des „Don Carlo“ von Giuseppe Verdi zu besuchen ist und bleibt ein echter „Hingucker“ zur imposanten, variablen Bühnenausstattung (Robert Jones) sowie den zeitgemäßen prächtigen Kostümen (Brigitte Reiffenstuel) welche die streng-kühle Atmosphäre des spanischen Hofzeremoniells noch unterstreichen.

In Transparenz, gestaffelter Dynamik musizierte das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter der Leitung von Renato Balsadonna zupackend, leicht federnd, dramatisch auftrumpfend die vielschichtigen Klangstrukturen von Maestro Verdi. Mit stets wachem Blick zur Bühne demonstrierte der italienische Gastdirigent orchestrale „Italiana“ pur, welche kaum Wünsche offen ließ.

Als Titelheld debütierte in Frankfurt Sergio Escobar mit einem recht gelungenen Carlo-Einstand. Der junge spanische Tenor schwächelte zwar (wie viele Tenöre davor) noch zur Tongebung im Fontainebleau-Akt, steigerte sich zunehmend, beeindruckte mit klangvoller Mittellage seines schönen Materials und punktete schließlich mit beachtlichem Höhenpotenzial. Piani sowie eine überzeugende Darstellung waren jedoch seine Stärke nicht.

Nobody is perfect?

Das Gegenteil bewiesen allerdings die folgenden Damen und Herren der Hauptpartien:

Ein Gewinn jedenfalls war das Engagement von Tamara Wilson, der bereits am Hause gefeierten Kaiserin, uneingeschränkt verstand es die Sängerin (mich) zu überzeugen.

In nobler, königlicher Rollengestaltung erlebte man die amerikanische Sopranistin als anrührende Elisabetta, unglaublich mit welcher Kultur Frau Wilson die Facetten der Rolle auskostete. Ich war vom weichen Timbre, der stilistisch-raffinierten Stimmführung, dem herrlichen Legato, den belkanten Lyrismen, den überirdischen Piani, den aufblühenden wohlklingenden Höhen der Künstlerin einfach begeistert.

Nach wie vor ist und bleibt Tanja Ariane Baumgartner als Eboli ein Naturereignis! Elegant, glutvoll, aufregend, koloratursicher umhüllt sie in prächtigen Mezzocouleurs das Schleierlied, trumpft bei O don fatale dramatisch mächtig auf, punktet zudem stilsicher mit enormem Höhenregister in Verbindung  einer wohldosierten, glaubhaften Darstellung. Einfach bravourös!

So viel Frauenpower standen die Herren in keiner Weise nach: Überreich an klangvoller Tongebung, weich-herrlichem  Bariton-Timbre wurde Daniel Schmutzhard (Posa) gesegnet.

In differenzierten Phrasierungen verströmte der junge Sänger sein balsamisches Material, steigerte sich zu dramatischen Aufschwüngen und verhalf somit auch mit darstellerischem Format, der Begegnung mit Philipp zum vokal-strahlenden  Höhepunkt der Aufführung. Wunderbar verhalten, innig gestaltete Schmutzhard in belkantem Schönklang die berührende Sterbeszene und avancierte mit dieser Gesamtleistung zum Publikumsliebling.

Dazu gesellte sich ein Philipp allererster Güte: Andreas Bauer, ein Sänger  mit nicht „der“  nachtschwarzen  Bassfülle, aber von ganz großem Format. Wohlklingend, bestens phrasiert, musikalisch hoch kultiviert, ohne manierierte Drücker gestaltete Andreas Bauer den verletzbaren, noblen, menschlichen Herrscher, eine weitere auch vom Publikum gewürdigte Glanzleistung.

Dem unversöhnlichen Großinquisitor (Magnus Baldvinsson), dessen dunklerer  Bass zwar  kontrastierte, konnte diesen Vokalqualitäten leider nicht mithalten.

Schönstimmig fügten sich die weniger tragenden Rollen: die höhensicheren, leichten Soprane Julia Dawson (Tebaldo), Danae Kontora (Stimme von oben), tenoral leichtgewichtig Simon Bode als Graf Lerma, Vuyani Mlinde (Mönch) und besonders ansprechend besetzt die flandrischen Deputierten Dietrich Volle, Iurii Samoilov, Gurgen Baveyan, Miroslav Stricevic, Jan Polewski, Florian Rosskopp ins Geschehen.

In Präzision, Plastizität, fein abgestuftem Vokalklang präsentierten sich Chor und Extrachor (Tilman Michael) und trugen somit zum besten Gelingen einer qualitativ-grandiosen, gefeierten und ausverkauften  Opernaufführung bei.

Gerhard Hoffmann

 

 

 

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