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FRANKFURT: DER SANDMANN von Andrea Scartazzini. Deutsche Erstaufführung/ Premiere

19.09.2016 | Oper

Frankfurt:  DER SANDMANN von Andrea Scartazzini   18.9.2016

 

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Agneta Eichenholz, Daniel Schmutzhard. Copyright: Monika Rittershaus/ Oper Frankfurt

An der Oper Frankfurt findet als 1.Saisonpremiere die deutsche Erstaufführung von Der Sandmann von Andrea Lorenzo Scartazzini statt. Eine Oper in zehn Szenen auf den Text von Thomas Jonigk nach Motiven der Erzählung von E.T.A. Hoffmann. Der Komponist schreibt diese Oper auf einen deutschen Text, da er ja selber in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Es gelingt ihm, eine ganz theatralisch bewegte vielgestaltige Neue Musik zu erfinden, die den Prosatext von Jonigk gut in  den durchkomponierten Episoden skandiert. Besonders die Angst- und Traumphasen werde in atonalen bzw. 12-Tonreihen gesetzt, und Vorbilder wie Ligeti oder auch Luigi Nono scheinen durch. Bei Thomas Jonigk befindet sich der Schriftsteller Nathanael  in einer Schaffenskrise, sein Roman ‚Der Sandmann‘ arbeitet den frühen Tod seines Vaters, an dem er sich mitschuldig fühlt, sowie die Beziehung zu seiner Freundin Clara auf. Er wird mit Angst- und Wahnvorstellungen durch seinen Vater, einem Leichenbestatter, und dessen Compagnon Coppelius bedrängt, dazu kommen die Verlustängste in Bezug auf Clara, die sein einziger Realitätsbezug erscheint. Nachdem diese  sich von ihm  wegen seines beleidigend empfundenen  „Romans“ getrennt hat,  stellt ihm „Spalanzani“ und sein Bruder in den Gestalten seines verstorbenen Vater und Coppelius‘ seine Tochter Clarissa als Alter ego von Clara vor, die sich wie die Puppe Olympia in einem roten Kleid verführerisch zeigt, aber nur Ja sagen kann. Nach Zerstörung der Puppe durch Nathanel verändert Spalanzani deren ‚Programmierung‘ und manipuliert auch Nathanael, bis dieser an seiner nervlichen Erschütterung stirbt. Auch die Rückkehr von Clara kann seinen Tod nicht verhindern. Am Grab erklärt Clara aber, ein Roman ‚Der Sandmann‘ sei nie geschrieben worden und sie habe sich auch nicht von ihm getrennt, während in einiger Entfernung die toten Gestalten Vater und Coppelius aus eben dem Sandmann rezitieren.

Diese im ganzen eher verworrene ‚Handlung‘ wird von Regisseur Christof Loy aber in einen nachvollziehbar konzise Abfolge gebettet, indem die Szenen in einem beklommen engen fast sargähnlichen schwarzen Kasten gestaltet werden. (Bühnenbild Barbara Pral) Die modernen Kleider und Anzüge stammen von Ursula Renzenbrink.Ein besonder Regiegag ist , daß plötzlich ganz viele „Clarissen‘ auf der Bühne versammelt sind, die nur noch chorisch unverständlich durcheinander singen und den Wahn Nathanaels nach „leichten“ Frauen ad absurdum führen.

Die anspruchsvolle Musik wird vom Orchester sehr präzise wiedergegeben, Hartmut Keil leitet engagiert. Eine echt groteske Chorszene in ETA Hoffmann-Manier kommt auch vor, wo die Schwarzgekleideten dem Dichter süffisant akklamieren, wärend sie sonst offsite Schnarr- und Stöhngeräusche beitragen. Den Lothar singt mit angenehm knorrigem tiefen Baß Daniel Miroslaw. Vater und Coppelius sind die Tenöre Thomas Piffka und Hans-Jürgen Schöpflin, die aber gesanglich etwas blaß verbleiben. Die Clara/Clarissa wird von Agneta Eichenholz mit großer Verve gespielt und hat dazu auch den passenden elegant fließenden Sopran, den sie als Clarissa wunderbar psychologisch ironisch verformen kann. Auch eine ganz ausgezeichnete Leistung ist die Darstellung des Nathanael durch Daniel Schmutzhard, der mit gut gestyltem und bestens austariertem Bariton die Partie mit bis zu grotesk anmutenden Verrenkungen und  mit toller Mimik spielt.                

Friedeon Rosén

Der Kurzfilm von Thiemo Hehl zur Deutschen Erstaufführung von Andrea Lorenzo Scartazzinis Der Sandmann (Musikalische Leitung: Hartmut Keil; Regie: Christof Loy) im Internetauftritt der Oper Frankfurt ist freigeschaltet:

http://www.oper-frankfurt.de/de/mediathek/

 

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