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FRANKFURT/ Alte Oper: London Symphony Orchestra Sir Antonio Pappano, Leitung, Janine Jansen, Violine (Boulanger, Barber, Rachmaninoff; Tschaikowsky)

03.05.2024 | Konzert/Liederabende

FRANKFURT/ Alte Oper: London Symphony Orchestra Sir Antonio Pappano, Leitung, Janine Jansen, Violine (Boulanger, Barber, Rachmaninoff; Tschaikowsky)

Edles aus London

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Antonio Pappano und sein Ochester. Foto: Tibor Florestan Pluto

Ein Hauch von Spannung und Erwartung lag in der Luft, als das berühmte London Symphony Orchestra (LSO) unter der Leitung seines neuen Chefdirigenten, Sir Antonio Pappano, die Bühne betrat. Begleitet von der fabelhaften Geigerin Janine Jansen versprach dieser Abend ein wahrhaftiges Fest für die Sinne zu werden, und das Versprechen wurde mehr als erfüllt. Der Abend eröffnete mit Lili Boulangers „D’un matin de printemps“ („Von einem Frühlingsmorgen“), einem Werk, das die zarte Schönheit und die emotionalen Kontraste des Frühlings einfängt. Es ist eine klangliche Reise durch die letzten Momente des Lebens einer außergewöhnlichen Komponistin. Boulanger, die bereits in jungen Jahren durch ihren einzigartigen musikalischen Ausdruck und ihre bahnbrechenden Werke Aufsehen erregte, widmete sich in den letzten Monaten ihres kurzen Lebens diesem Werk und seinem Begleitstück „D’un soir triste“ („Von einem traurigen Abend“). In dieser Zeit war sie von einer unheilbaren Krankheit gezeichnet, und die Welt um sie herum war von Krieg und Zerstörung bedroht. Doch trotz dieser widrigen Umstände gelang es ihr, eine Musik zu schaffen, die von einer unerschütterlichen Hoffnung und einer tiefen Liebe zur Schönheit des Lebens zeugt. Der Frühlingsmorgen, den Boulanger in ihrem Werk einfängt, ist geprägt von einer lebhaften Energie und einer überschwänglichen Freude am Leben. Der lebhafte Beginn wird von den Streichern mit leichten Achtelnoten untermauert, die für Schwung und Dynamik sorgen. Die Soloflöte setzt mit dem Hauptthema ein, das von einer bezaubernden Melodie getragen wird und für Aufmerksamkeit sorgt. Die Bläser spielen eine herausragende Rolle, verleihen der Musik mit ihrem hellen Timbre Lebendigkeit und Dynamik. Doch auch in diesem Frühlingsmorgen gibt es Schatten, die die strahlende Sonne durchbrechen. Boulanger versteht es meisterhaft, Farbe und Textur einzusetzen, um das nahtlose Auf und Ab zwischen Licht und Schatten fortzusetzen. Gespenstische Violinen und die zarten Klänge der Celesta verstärken die mysteriöse Atmosphäre und verleihen der Musik eine zusätzliche Dimension. Das Werk erreicht seinen Höhepunkt in einer Reihe von Schnörkeln und Kaskaden, die die anfängliche Energie und Lebensfreude auf brillante Weise einfangen. Ein letztes Glissando auf der Harfe markiert einen feinen Abschluss, der das Publikum mit einem Gefühl des Staunens zurücklässt. In „D’un matin de printemps“ gelingt es Lili Boulanger, die Schönheit und die Vergänglichkeit des Lebens in impressionistische Musik zu verwandeln und ein zeitloses Kleinod zu schaffen, das auch nach über einem Jahrhundert noch die Herzen der Zuhörer berührt. Die subtile Eleganz der Streicher des LSO und die sanfte Melancholie der Holzbläser verschmolzen zu einem Klangteppich von unvergleichlicher Schönheit. Sehr empfindsam gestaltete Sir Antonio Pappano dieses Werk zu einem wahren Hörgenuss.

Als Nächstes trat Janine Jansen auf die Bühne, um Samuel Barbers Violinkonzert Op. 14 zu interpretieren, ein Konzert von bemerkenswerter Schönheit und Tiefe. Die Entstehungsgeschichte ist ebenso faszinierend wie die Musik selbst. Im Jahr 1939 erhielt Barber den Auftrag für die Komposition von Samuel Simeon Fels, einem wohlhabenden Philanthropen aus Philadelphia. Fels, der durch sein Vermögen aus der Herstellung von Haushaltsseife ein Vermächtnis hinterlassen konnte, bot Barber die Möglichkeit, sein Talent zu zeigen und sich als Komponist zu etablieren. Barber, bereits als junger Komponist mit einer profunden Ausbildung und einem einzigartigen musikalischen Ausdruck versehen, begann mit der Komposition des Violinkonzerts. Die ersten beiden Sätze entstanden während eines Aufenthalts in der Schweiz, bevor Barber in die USA zurückgerufen wurde, als diese in den zweiten Weltkrieg eintraten. Das Finale des Konzerts stellte eine Herausforderung dar, sowohl für den Komponisten als auch für den vorgesehenen Solisten, den Geiger Iso Briselli. Die Premiere des Violinkonzerts fand schließlich am 7. Februar 1941 mit dem Philadelphia Orchestra unter der Leitung von Eugene Ormandy und dem Solisten Albert Spalding statt. Obwohl es anfangs Kritik gab, insbesondere an dem vermeintlichen Mangel an Virtuosität im dritten Satz, entwickelte sich das Werk rasch zu einem der beliebtesten Violinkonzerte des 20. Jahrhunderts. Der erste Satz eröffnet mit einem prächtigen, lyrischen Thema der Solovioline, das von charakteristischen synkopierten Motiven der Klarinette kontrastiert wird. Dieser Satz zeichnet sich durch seine hymnische Gestaltung aus, die immer wieder in erhabenen Gesängen aufblüht und sanft ausklingt. Das folgende „Andante sostenuto“ präsentiert ein ausdrucksstarkes Oboensolo, dem die Solovioline antwortet, bevor das Finale, „Presto in moto perpetuo“, wie ein Wirbelwind vorüberzieht. Trotz anfänglicher Herausforderungen und Bedenken wurde Barbers Violinkonzert zu einem Meisterwerk, das von renommierten Geigern wie Isaac Stern, Itzhak Perlman und Hilary Hahn aufgenommen und aufgeführt wurde. Seine zeitlose Schönheit und seine einzigartige musikalische Sprache machen es zu einem unverzichtbaren Bestandteil des Repertoires für Violine und Orchester. Im beginnenden Allegro molto moderato, entfaltete sich Janine Jansens Spiel mit einer lyrischen Intensität, die die Herzen der Zuhörer unmittelbar berührte. Ihr Spiel war fein in der Nuancierung und sehr expressiv phrasiert, die jeden Ton zu einem Erlebnis für die Sinne machte. Den zweiten Satz spielte Jansen mit einer ungemein zarten Melancholie und einer bewegenden Innerlichkeit, die eine besondere Stimmung in den Saal zauberte. Schließlich brachte sie im finalen Satz ihre ganze technische Brillanz zum Ausdruck, während sie die rasenden Läufe und virtuosen Passagen mit einer Leichtigkeit meisterte, die ihresgleichen sucht. Jansen entäußerte sich komplett in ihrem hingebungsvollen Spiel. Der Ton ihrer Violine war warm, ja geradezu brennend und mit einem ausdrucksvollen, fein abgestimmten Vibrato versehen. Immer wieder suchte sie den Dialog mit dem Orchester. Somit entstand ein vollendeter Vortrag, der einen nur staunend zurücklassen konnte, ob dieser Außergewöhnlichkeit. Sir Antonio Pappano und das LSO entfalteten Barbers Meisterwerk zu einem wahren Feuerwerk der Emotionen, das das Publikum von Anfang bis Ende fesselte. Euphorie im großen Saal der Alten Oper. Zur Zugabe setzte sich dann Pappano ans Klavier und begleitete sensibel Janine Jansen bei einer herrlichen Nocturne von Lili Boulanger.

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Antonio Pappano und sein Ochester. Foto: Tibor Florestan Pluto

Den krönenden Abschluss des Abends bildete Sergej Rachmaninows monumentale Sinfonie Nr. 2 e-Moll Op. 27, ein Werk von extremer emotionaler Intensität. Diese Komposition hat sich als ein musikalisches Sinnbild für die russische Schwermut etabliert. Durchwandert man die Klänge dieses Werkes, so umhüllt einen ein trüber Schleier, der die gesamte Komposition durchzieht. Es sind die wallenden Tonkaskaden, die schwellenden Kadenzen und die dunkel eingefärbten Themenverarbeitungen, die diese russische Seele manifestieren, insbesondere im berühmten dritten Satz. Opulent und reich an emotionaler Kraft bleibt die Sinfonie trotz ihres Entstehens zu Beginn des 20. Jahrhunderts stets dem spätromantischen Duktus verpflichtet. Dabei wurde der in diesem Werk innewohnende „russische Weltschmerz“ sowohl bewundert als auch kritisiert, als übertrieben oder aus der Zeit gefallen. Die Entstehung fällt in die Jahre 1906/1907, als Rachmaninow sich in Dresden aufhielt. Als russischer Pianist und Komponist suchte er dort Zuflucht vor der feindseligen heimischen Konzertkritik sowie den Wirren der gescheiterten Revolution von 1905. Zwar hatte Rachmaninow bereits internationale Anerkennung für sein zweites Klavierkonzert erhalten, jedoch war seine erste Sinfonie bei der Öffentlichkeit völlig durchgefallen. Ein Fiasko. In Dresden fand er Ruhe und Abgeschiedenheit, doch auch schwere depressive Phasen begleiteten ihn während der Komposition. Trotz zahlreicher Unterbrechungen und Selbstzweifel vollendete Rachmaninow das Werk, das 1908 in St. Petersburg uraufgeführt und enthusiastisch gefeiert wurde. Der erste Satz eröffnet mit einem langsamen, schwermütigen Thema, das sich allmählich zu einer kraftvollen und expressiven Melodie entfaltet. Das LSO unter der Leitung von Sir Antonio Pappano verlieh diesem Satz eine immense Dichte, spannend, wie eine packende Geschichte. Im folgenden Allegro molto vivace, brachte das Orchester die lebhaften Rhythmen und die überschwängliche Freude dieses Satzes mit großer Leichtigkeit zum Ausdruck. Klare Akzente wurden vom LSO perfekt realisiert und tonschön wiedergegeben. Das Adagio, ist zweifellos der Höhepunkt dieser Sinfonie, mit seiner zarten Schönheit und seiner bewegenden Emotionalität. Hinzu kommt ein tief ergreifendes Solo der Klarinette, was wunderbar gelang. Die Streicher entfalteten ihr Spiel mit einer erhabenen Anmut, während die Holzbläser mit einer sanften Melancholie kontrastierten. Und wie wunderbar phrasierten die viel geforderten Streicher des LSO gerade in diesem Satz. Wie lange nahm sich Pappano Zeit, den finalen Akkord abschwellen zu lassen. Pure Klangmagie! Das finale Allegro vivace, bildete den triumphalen Abschluss dieses Meisterwerks, mit seinen strahlenden Harmonien und seinem mitreißenden Tempo. Im Stile einer Tarantella kam gerade dieser Satz besonders Pappano entgegen, sodass er sein Orchester geradezu tanzen ließ. Das LSO brachte diese Sinfonie mit großer Hingabe und nobler Klangpracht zum Ausdruck, die das Publikum hinriss. Der große Streicherapparat war fortwährend gefordert und schuf edel klingende Phrasierungen, dass es die reine Wonne war. Die Holzbläser sorgten für ein intensives Farbenspiel, während die Blechbläser perfekt intonierten. Eine Pracht bei englischen Orchestern ist das Schlagzeug: mit einer solchen Qualität, druckvoll und fein abgestimmt kann kein deutsches Orchester konkurrieren. Riesiger Jubel und dann ließ Pappano noch einmal seinen wunderbaren Klangkörper tanzen: der Trepak aus Tschaikowskys „Nussknacker“. Ein Knaller, der die Begeisterung noch einmal hochkochte. Das Gastspiel des LSO unter der Leitung von Sir Antonio Pappano war ein herrliches Erlebnis von spektakulärer musikalischer Qualität und emotionaler Leuchtkraft.

Dirk Schauß, 03. Mai 2024

Besuchtes Konzert am 02. Mai 2024 in der Alten Oper Frankfurt

Janine Jansen, Violine

London Symphony Orchestra

Sir Antonio Pappano, Leitung

Fotos: Copyright by © Alte Oper Frankfurt/Tibor-Florestan Pluto

 

 

 

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