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FRANKFURT/ Alte Oper: KONZERT ROYAL PHILHARMONIC ORCHESTRA, Vasily Petrenko, Leitung, Jan Lisieck, Klavier (Vaughan-Williams/ Grieg/Prokofjev)

31.01.2023 | Konzert/Liederabende

Besuchtes Konzert am 30. Januar 2023 in der Alten Oper Frankfurt

Ralph Vaughan Williams                  Ouvertüre zur Komödie „Die Wespen“
Edvard Grieg                                     Klavierkonzert a-Moll op. 16
Sergej Prokofjev                                „Romeo und Julia“ op. 64 – Auszüge

Jan Lisieck, Klavier
Royal Philharmonic Orchestra

Vasily Petrenko, Leitung

Molto espressivo!

Gut vier Jahre ist es hier, dass das vorzügliche Royal Philharmonic Orchestra mit einem Gastspiel die Zuhörer der Alten Oper beglückte. Nun war es endlich wieder so weit und Englands Nobel-Orchester präsentierte sich mit seinem neuen Chef-Dirigenten Vasily Petrenko in Frankfurt.

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Vasily Petrenko. Foto: Ben Wiright

Schon Aristophanes, Dichter im antiken Griechenland, ließ an den Juristen kein gutes Haar. In seiner Komödie „Die Wespen“ (422 v. Chr.) entlarvt er die Geldgier und Wichtigtuerei der Athener Justiz. 1909 wurde Aristophanes‘ Komödie beim Greek Play Festival der Universität Cambridge aufgeführt. Der junge Komponist Ralph Vaughan Williams, selbst Absolvent aus Cambridge, lieferte dafür eine Bühnenmusik mit einer Ouvertüre und vielen weiteren Nummern.

Durch die Ouvertüre schwirrt ein Schwarm zorniger Wespen, die sich in flirrenden Trillern der Streicher sammeln. Tänze und alte Volkslieder hat Vaughan Williams auf seinen musikalischen Forschungsreisen quer durch Großbritannien gesammelt. In seiner Ouvertüre finden sich diese Eindrücke wieder, zuweilen klopft die Filmmusik recht deutlich an. Die Streicher schmachten in der hohen Lage, die Harfe lullt mit Süße ein, dazu üppige Bläserakkorde, großes Klangkino. Ein perfekter Einstieg für das Ausnahmeorchester aus England, welches mit seinem impulsiven Chef am Pult, gleich zu Beginn höchsten Ansprüchen vollauf genügte und eine perfekte Leistung zum Einstieg bot.

Solist des Abends war der vielseitig nachgefragte kanadische Pianist Jan Lisieck, der mit dem berühmten a-moll Klavierkonzert von Edward Grieg zu erleben war.Jan Lisiecki

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Jan Lisiecki. Foto: Christoph Köstlin

1869 erlebte es seine Uraufführung. Grieg war fasziniert von Schumanns Klavierkonzert, welches in der gleichen Grundtonart komponiert ist. Und auch der Beginn der beiden Klavierkonzerte ist sehr ähnlich. Grieg gibt in seinem Werk dem Orchester einen vergleichsweise großen Raum zur Entfaltung, was sich vor allem im gewaltigen Schlusssatz aufzeigt. Zudem ist dieser finale Satz vor allem von einem norwegischen Springtanz (Halling) geprägt. Einer der größten Fürsprecher dieses Konzertes wurde Franz Liszt, der es mit größter Begeisterung immer wieder zur Aufführung brachte.

Der Vortrag von Jan Lisieck war ein außergewöhnliches Hörerlebnis. Mit einer Unbedingtheit im Ausdruck spielte er, als gälte es das Leben. Mit größter Vehemenz meißelte er die Forte-Akkorde in den Saal, um sie sodann mit feinsten leisen Kontrasten aufzulösen.

Lisieck war Erzähler seiner pianistischen Geschichte, die Edward Grieg in wunderbare Noten setzte. Mit nie nachlassender Energie und echter Beseeltheit im pianistisch virtuosen Spiel, führte Lisieck die fasziniert lauschenden Zuhörer in die Weiten der nordischen Klangwelt.

Im schmachtenden, tief anrührenden Adagio stand dann die Zeit komplett still. Weit zurück genommen in der Tongebung liebkoste Lisieck die Tasten seines Steinways und sprach als pianistischer Poet zu seinem Auditorium. Mehr Hingabe ist kaum vorstellbar.

Im beschließenden Allegro Finale wurden alle Kräfte gebündelt und in ein furioses finales Klangmeer geführt, welches die Zuhörer fest umarmte. Die Wirkung war überwältigend.

Dazu trug maßgeblich das Royal Philharmonic Orchestra bei, sehr aufmerksam in der Begleitung und exzellent in den Soli von Flöte, Horn und Cello. Jan Lisieck und Vasily Petrenko spielten sich die Bälle beglückend treffsicher zu. Dazu kam, dass Petrenko seinem Orchester immer wieder Gelegenheit gab, enthemmt und völlig frei groß aufzutrumpfen, was das Konzert von Grieg maximal veredelte.

Das Publikum zeigte sich hingerissen und wurde mit einer tief empfunden Chopin Nocturne Nr. 20 bedankt.

1938 erblickte das Ballett „Romeo und Julia“ von Sergej Prokofjew das Licht der Öffentlichkeit. Die sehr nah an der Vorlage Shakespeares ausgerichtete Handlung ergab ein außergewöhnlich umfangreiches und langes Ballettwerk, was bis zum heutigen Tag zu den beliebtesten Klassikern des Genres gehört. Um das Werk auch dem Konzertbetrieb zugänglich zu machen, fertigte Prokofjew im Jahr 1946 drei Orchestersuiten an. Überaus reich und vielfarbig ist die Instrumentation des Werkes und die Tänze sind von großer suggestiver Wirkung.

Vasily Petrenko widmete sich dieser packenden Musik mit ungestümer Leidenschaft, was beim Royal Philharmonic Orchestra nicht ohne Wirkung blieb. Einmal mehr konnten die Zuhörer staunen und bewundern, wie virtuos und unermüdlich dieser Elite Klangkörper musizierte. Petrenko reizte dabei die Dynamik bis ins Extrem gesteigert aus, sodass das Orchester kammermusikalisch leise ebenso überzeugte wie im brüllenden Fortissimo bei „Tybalts Tod“. Auch hier wieder formidable Soli in den Holzbläsern, Saxofon, Violine, Viola und Cello. Überwältigend im Glanze ihres Klanges waren die Hörner und übrigen Blechbläser zu vernehmen. Dazu ein superb agierendes Schlagzeug. Der gesamte Klangkörper spielte mit großer Perfektion die schwere Komposition und vor allem mit maximaler Expressivität. Ein Erlebnis erste Güte!

Das Publikum tobte und so gab es noch zwei fulminante Zugaben.

Dmitri Schostakowitsch schrieb eine witzige Variation zu „Tea for two“, welche das Royal Philharmonic herrlich lässig mit leiser Ironie zelebrierte. Aber dann! In knapp drei Minuten verwandelte Vasily Petrenko die Alte Oper in einen Hexenkessel der Begeisterung. Eine überragend dargebotene fetzige Lezginka aus dem Ballett „Gayaneh“ des Armeniers Aram Chatschaturjan. Sensationell!

Dirk Schauß, 31. Januar 2023

 

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