Vom feinen Violinstrich zum riesigen Orchesterpinsel – Szeps-Znaider in der Alten Oper

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Es gibt Abende, an denen die Trennung zwischen Podium und Pult nicht nur aufgehoben, sondern als künstliches Konstrukt entlarvt wird. Nikolaj Szeps-Znaider gehört zu den wenigen Künstlern, denen dies gelingt, ohne in bloße Effekthascherei abzugleiten. Wer ihn am 6. März 2026 in der Alten Oper Frankfurt mit dem hr-Sinfonieorchester erlebte, sah keinen Solisten, der „nebenher“ dirigiert, sondern einen Musiker, der das Orchester als Erweiterung seines eigenen Resonanzkörpers begreift. Der in Kopenhagen geborene Weltbürger mit polnischen Wurzeln hat die vermeintliche Enge des Geigenrepertoires hinter sich gelassen, um mit dem „großen Pinsel“ des Dirigentenstabs jene Dimensionen auszuleuchten, die der Violine allein verwehrt bleiben.
Den Auftakt bildete Unsuk Chins „subito con forza“, ein in seiner knappen, fünfminütigen Dichte konzentratartiges Stück. Es ist eine hochexplosive Auseinandersetzung mit der Tradition – Beethoven-Fragmente, darunter der markante Beginn der Coriolan-Ouvertüre, werden wie Trümmerteile in eine moderne, impulsiv-motorische Struktur geworfen. Unter Szeps-Znaiders Leitung entfaltete das hr-Sinfonieorchester einen beeindruckenden Furor. Die schroffen Tempowechsel und die immer wieder von perkussiven Ausbrüchen torpedierten lyrischen Inseln verlangten dem Ensemble eine Präzision ab, die weit über das Übliche hinausging. Szeps-Znaider hielt die Fäden dieser kleinen Groteske fest in der Hand und führte sie sicher in den finalen Kollaps – ein planvoller Zusammenbruch, der das Publikum unmittelbar in die Gegenwart katapultierte.
Das Herzstück des ersten Teils war Max Bruchs 1. Violinkonzert g-Moll op. 26. Man neigt dazu, es als unverwüstliches Schlachtross abzutun, doch Szeps-Znaider befragte jede Phrase mit einer geradezu kindlichen Neugier. Auf seiner legendären Guarneri „Kreisler“ (1741) erzeugte er einen Ton von seltener Wärme und bezwingender Ausdruckskraft. Schon in der kurzen Einleitung war klar: Hier fand keine Routine statt, sondern eine echte Neuerkundung. Besonders im Adagio offenbarten sich kostbare Minuten absoluter Versunkenheit. Solist und Orchester verschmolzen zu einem atmenden Kosmos, in dem die Intensität stetig zunahm, ohne je forciert zu wirken. Die subtile Abstufung des Vibratos und die freie Artikulation zeugten von immenser intellektueller Durchdringung. Das hr-Sinfonieorchester erwies sich als idealer Partner: Durch intensive Probenarbeit entstand ein blindes Verständnis, das Szeps-Znaider erlaubte, die Musiker maximal frei agieren zu lassen – bei gleichzeitiger solistischer Präsenz. Der Finalsatz geriet zu einem Fest der Lebensfreude, getragen von ungarischen Farben und prägnanter Rhythmik, das in einem virtuosen Feuerwerk mündete.
Die Zugabe krönte den Abend und unterstrich den Gemeinschaftsgeist: Statt einer einsamen Solo-Caprice spielte Szeps-Znaider gemeinsam mit dem Orchester Manuel Maria Ponces „Estrellita“ (im berühmten Arrangement von Jascha Heifetz). Diese mexikanische Romanze von 1912 entfaltete eine entwaffnende, augenzwinkernde Wärme – ein seltener, charmanter Moment der Intimität, den das Frankfurter Publikum mit begeistertem Applaus quittierte.
Nach der Pause bewies Szeps-Znaider, dass er den symphonischen Bogen ebenso meisterhaft spannt wie den Violinbogen. Antonín Dvořáks 7. Sinfonie d-Moll op. 70, ein Werk von düsterer Pracht und existenziellem Ernst, begleitet ihn seit Langem. Diese Verbundenheit war in jedem Takt spürbar. Auswendig dirigiert, gewann die Interpretation enorme Freiheit in der Kommunikation mit den Musikern. Eine zentrale Entscheidung: der Verzicht auf Pausen zwischen den Sätzen. Durch dieses Attacca blieb die dramatische Spannung durchgehend erhalten – kein Husten, kein Rascheln; das Publikum war gefangen in einem ununterbrochenen Strom. Im Kopfsatz (Allegro maestoso) arbeitete Szeps-Znaider die dramatische Schärfe und vorwärtsdrängende Unruhe heraus. Das Poco adagio bot Raum für lyrische Weite, in der die Holzbläser mit warmen Farben glänzten. Das Scherzo zeichnete er skurril und scharfkantig – die böhmische Rhythmik als eckiges Profil, nicht als gemütlicher Tanz. Das Finale mündete in eine gewaltige Steigerung: glühender Streicherton, nobles Blech und eine Pauke, die dem Schlusspunkt physische Wucht verlieh.
Nikolaj Szeps-Znaider hat an diesem Abend gezeigt, dass wahre künstlerische Größe dort entsteht, wo das Bekannte immer wieder neu hinterfragt wird. Seine „Zweigleisigkeit“ ist kein Kompromiss, sondern eine Notwendigkeit, um die volle Bandbreite der Musik auszuloten. Ein bejubeltes Konzert, das noch lange nachhallen wird.
Dirk Schauß, 07. März 2026
Konzert mit dem hr-Sinfonieorchester am 06. März 2026, Alte Oper Frankfurt

