FRANKFURT/ Alte Oper: Konzert des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in der Alten Oper Frankfurt
Zwischen Lichtschimmer und Klangsturm
Die Alte Oper Frankfurt empfing am 10. Mai 2025 ein Orchester von weltweiter Strahlkraft: das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia, seit dieser Saison unter der Leitung von Daniel Harding. Mit ihm beginnt für dieses traditionsreiche Ensemble ein neues Kapitel – und dieser Abend ließ keinen Zweifel daran, dass Harding nicht einfach übernimmt, sondern formt. Sein Dirigat ist analytisch geschärft, kontrolliert im Aufbau, dabei von einer klaren Handschrift getragen. Kein Dirigent, der Klang in Pathos badet, sondern einer, der ihn modelliert. Unter seiner Leitung entfaltete sich ein Konzertprogramm, das Gustav Mahlers frühe Sinfonik mit Dvořáks leidenschaftlichem Violinkonzert verband – eine Dramaturgie, die Übergänge betonte: vom Persönlichen ins Monumentale, vom Intimen ins Eruptive.
Zum Auftakt erklang Gustav Mahlers „Blumine“ – jenes frühe Andante, das ursprünglich als zweiter Satz in seiner ersten Sinfonie gedacht war, später jedoch vom Komponisten selbst gestrichen wurde. Heute steht es als Solitär für sich, eine Miniatur zwischen Jugendwerk und Ahnen der späteren Lyrik. Daniel Harding nahm das Stück nicht als gefälliges Vorspiel, sondern als poetischen Schlüssel zu Mahler. Die Streicher legten eine feine, aquarellartige Fläche, auf der das Solo-Trompetenthema – von leiser Melancholie durchdrungen – wie ein zarter Schimmer aufzuleuchten begann. Die Holzbläser antworteten in pastelligen Farben, fließend ineinander verwoben. Es war kein romantischer Überschwang, sondern ein gebändigter Gesang, dessen Spannung gerade aus dem kontrollierten Atem der Phrasen erwuchs. Harding hielt die Musik in einem Zustand des Schwebens, ließ keine Sentimentalität zu, aber viel Raum für leise, hintergründige Schönheit. Besonders auffällig war dabei der herrlich volle, tragende Klang der Streicher – ein warmer, dichter Ton, der sich mit bemerkenswerter Tiefe entfaltete und das poetische Grundklima des Satzes maßgeblich prägte.
Antonin Dvořáks Violinkonzert in a-Moll – oft unterschätzt neben Brahms und Mendelssohn – ist ein Werk von unmittelbarer Wärme und rhythmischer Lebendigkeit, in dem sich slawischer Tonfall und sinfonischer Anspruch auf engstem Raum begegnen. Joshua Bell trat mit einem Ton auf die Bühne, der von Beginn an Klarheit und Intensität vereinte. Sein Klang ist sonor, durchdringend – ein Lichtstrahl, der sich mühelos durch die Klangdichte des Orchesters zieht, ohne zu dominieren.
Im ersten Satz setzte Bell auf ein erzählerisches Spiel. Die Einleitung des Orchesters war klar artikuliert, rhythmisch spannungsvoll, Harding hielt das Ensemble in enger Verzahnung. Bell antwortete mit schlanker, aber präzise gezeichneter Linie. Er ließ die Themen nicht fließen, sondern sprechen. Dabei arbeitete er die charakteristischen Böhmismen der Melodik mit besonderer Liebe zum Detail heraus: kleine Schleifer, synkopierte Akzente, Tonwiederholungen – nichts blieb pauschal, alles war geformt. Der Dialog mit den Holzbläsern war fein abgestimmt, in den Seitenthemen entstand eine kammermusikalische Durchlässigkeit.
Im Adagio ma non troppo öffnete Bell sein Spiel in die Tiefe. Die Phrasen dehnten sich weit, der Ton nahm eine samtene, matte Wärme an. Die Linien wirkten gesungen, das Vibrato wurde zur Atembewegung. In der Mittelstimme war ein verletzlicher Zug zu vernehmen, der die Melancholie dieses Satzes mit zarter Eindringlichkeit auflud. Harding ließ das Orchester in ruhiger Balance, besonders die tiefen Streicher trugen in dunklen, atmenden Bögen.
Das Finale – ein Allegro giocoso mit Tanzcharakter – lebte von rhythmischer Finesse. Bell spielte mit federndem Impuls, ließ die Achtel funkeln, ohne je ins Virtuose zu kippen. Seine Artikulation war klar, die Tongebung schlank, in den Doppelgriffen blieb alles transparent. Harding hielt das Orchester rhythmisch scharf, reagierte hellwach auf Bells Gestaltung, ließ aber auch Momente des
Zurücknehmens zu. Das Zusammenspiel war auf den Punkt – ein klingender Gleichschritt, ohne Uniformität. Das Publikum reagierte mit riesiger Begeisterung. Bell bedankte sich mit einer charmanten Ansprache, in der er augenzwinkernd bemerkte, er sei nun wohl alt geworden – schließlich habe er vor etwa vierzig Jahren erstmals in der Alten Oper gespielt. Es folgte eine virtuos dargebotene Zugabe: ein Solo von Eugène Ysaÿe, das Bells technische Brillanz und musikalische Ausdruckskraft nochmals eindrucksvoll zur Geltung brachte.
Nach der Pause: Gustav Mahler, seine erste Sinfonie. Ein Werk, das wie ein Aufbruch klingt – suchend, tastend, eruptiv. Doch Daniel Harding ging nicht auf Klangrausch. Er entschied sich für eine strukturell lesbare, zugleich empfundene Deutung. Der erste Satz begann mit einem feinem Pianissimo. Die Streicher zeichneten einen Flimmerzustand, über dem sich das Erwachen der Natur nicht in Farben, sondern in Lichtregie vollzog. Dann die fernhallenden Trompeten aus der Distanz – nichts wirkte pastoral, alles war in Bewegung, wie ein Bild, das langsam Konturen gewinnt. Als das Hauptthema einsetzte, ließ Harding keine triumphale Geste zu. Er formte es als inneren Aufbruch, als stillen Entschluss. Die strahlende Steigerung am Satzende kam gewaltig und plötzlich daher. Im forcierten Tempo endete diese Schlusswirkung.
Der zweite Satz – ein Ländler mit archaischer Wucht – wurde von Harding klar rhythmisiert, ohne jede folkloristische Überzeichnung. Die Celli spielten mit kernigem Bogen, die Kontrabässe legten einen pulsierenden Boden, die Bläser antworteten in kurzen, markanten Gesten. Das Trio – zarter, tänzerisch gelöst – war bei ihm kein Kontrast, sondern ein Zurücknehmen der Spannung, ein Zwischenspiel des Erinnerns. Gestalterisch war dieser Satz der gelungenste des Abends – herrlich derb, mit rhythmischer Erdung und kraftvoller Klarheit.
Im dritten Satz, jenem berühmten Trauermarsch auf „Bruder Jakob“, spannte Harding den Bogen weit. Der Kontrabass eröffnete mit einem Ton, der nicht klagte, sondern resignierte. Die Klangflächen blieben dünn, fast durchsichtig – die ironischen Einwürfe der Bläser wirkten wie Fratzen, die in der Ferne flackern. Hier zeigte sich das Orchester in angedeuteter Differenzierung: Klarheit in den Holzbläsern, verhaltene Wärme in den tiefen Streichern, eine bedrückende, kontrollierte Stille zwischen den Einsätzen. Gleichwohl wirkten die zitierten Musikkapellen allzu brav und bieder – der Spott blieb vage angedeutet, statt sich wirklich zu entfalten.
Im Finale brach dann ein orchestraler Sturm los, der bei Harding kontrolliert blieb. Die Klangwellen kamen in Etappen, jede Steigerung war durchgearbeitet, kein Effekt, sondern Architektur. Der dramatische Höhepunkt war keine Explosion, sondern ein Aufstieg in Schichten – Schicht auf Schicht, Farbe auf Farbe. Als das Choral-Thema in voller Pracht erklang, war es kein Ausbruch, sondern ein immenses Leuchten. Die Hörner, erhoben, spielten mit leuchtender Strahlkraft, die Streicher trugen das Fundament in breiten, warmen Bögen. Der Schluss war nicht Triumph, sondern eine klangliche Öffnung – hinaus, nicht hinauf. Irritierend wirkten allerdings einige Accelerandi am Ende der Ecksätze, die nicht homogen eingebunden waren und den dramaturgischen Fluss eher störten. Dennoch blieb nach dem Schlussakkord ein zwiespältiger Eindruck. Harding zeigte zwar viel Erfahrung im Umgang mit Mahler, doch es fehlte seiner Interpretation an erzählerischer Tiefe – jener Fähigkeit, aus motivischen Details eine übergreifende Spannungsdramaturgie zu formen. Viele Passagen wirkten gut organisiert, aber selten wirklich durchlebt. Das Orchester zeigte sich spielfreudig und präsent, auch wenn es in Streicher- und Bläsergruppen gelegentlich zu kleineren Ungenauigkeiten kam. Überragend: das entfesselte Schlagzeug, das die dramatischen Höhepunkte mit ungeheurer Energie trug. Großer Enthusiasmus unter den Zuhörern.
Dieses Konzert war ein musikalischer Erzählbogen über Bewegung und Rückblick. Daniel Harding zeigte sich als Dirigent mit klarem Plan, mit einem Blick für das Architektonische, aber auch mit
der Fähigkeit zur feinen emotionalen Zeichnung. Joshua Bell verband technisches Leuchten mit innerer Ruhe – ein großer Musiker, der nicht spielt, um zu beeindrucken, sondern um zu berühren. Und das Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia bewies unter neuer Leitung, dass große Tradition nicht Stillstand bedeutet, sondern Aufbruch.
Dirk Schauß, 11. Mai 2025
Konzert des Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia in der Alten Oper Frankfurt am 10. Mai 2025

